Full text: Hessenland (31.1917)

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12. 
Bedenklich ist es natürlich immer — wie beim 
Treiben der Hexe, so bei dem des Werwolfs — 
wenn Unberufene sich beifallen lassen, es dein 
Unhold nachzutun. So schnallt sich ein Mann 
aus Ehlen, auf den an der Wand hängenden 
Wolfsgürtel verwiesen, diesen um. Er rennt auch 
alsbald als Werwolf davon, kehrt aber nicht wie 
der und wird nach Miaus von vier Wochen im 
Walde tot aufgefunden. „Das war die Strafe 
für seinen Vorwitz. Er verstand die Sache nichtig." 
13. 
Nach einem Teil der gesamtdeutschen Überliefe 
rung beruht das Werwolftum oft auf einem an 
geborenen und daher unwiderstehlichen, die freie 
Selbstbestimmung des Menschen aufhebenden 
Triebu^. In Hessen weiß man davon nichtZub. 
Es ist aber nicht zu leugnen, daß die 
einem Werwolf beide Beine bzw. würgt ihn am Halse. 
Ob das ein männlicher oder ein weiblicher Hund war, 
wird nicht angegeben, 
m Hoffmeister 160/61. 
ns Wuttke 408; Grimm, D. M. II 4 , 916 und 
III 4 , 316 weist darauf hin, daß, wer einen „Wolfs 
gürtel" (altnord, ültsdnmr) trug, im Mtnord. Mbeotiim 
(Mehrzahl ülfhectnar), im Althochdeutschen wolfhetan 
hieß, was Gr. mit „der das Wolfshemd Anlegende" zu 
übersetzen geneigt ist. Er knüpft daran die Frage, ob 
reine Schreckensgestalt des Wolfes m die höhere 
Sphäre der aus Furcht und Mitleid gemischten 
Tragik erhoben wird. Erst dadurch wird der Wolf 
befähigt, zum Gegenstand einer dichterischen Be 
handlung zu werden, wie sie ihm in der Grothschen 
Ballade zuteil geworden ist. — Bei den Slaven 
geht die Gestalt des Werwolfs leicht in die des 
„Vampyrs" übexi^o. 
!Auch den Germanen und damit den Hessen 
ist die mit diesem Namen gekennzeichnete neue 
Nachtgestalt keineswegs unbekannt. Ihre Tätig 
keit fällt aber im Gegensatz zu der des Werwolfs 
ganz in den Bereich der end gültig vom Kör 
per getrennten Seele. Sie würde daher erst 
in einer Behandlung des hessischen Gespenster 
glaubens im engeren Sinn als die wohl 
furchtbarste Form des „Wiedergängers" gebührend 
zu beachten sein. 
hiermit der Ausdruck „Heide, Heidenwolf, waldeckisch 
Heidölleken" im Zusammenhang stehe. Ich füge hinzu, 
daß auch im fränk. und sächs. Niederhessen (s. Hess. 
Landes- u. Volksk. II, 48 und 535) das Kind, so lange 
es noch nicht getauft ist, „Heidenwölfchen" genannt wird. 
Wenn der angedeutete Zusammenhang bestände, so 
müßte man fast annehmen, daß die Taufe wie erwiesener 
maßen gegen manches andere, so ursprünglich auch als 
ein gegen das Werwolftum schützendes magisches Mittel 
angesehen worden ist. 
ii9 Vergleiche dazu aber Anm. 118. 
122 Wuttke 408. 
Nachlese aus Dingelstedts Nachlaß. 
Von R.udo l f Gö hl er. 
(Fortsetzung.) 
II. Lieder an den Freundeskreis. 
Rodenberg berichtet uns in seinen Heimat 
erinnerungen an Franz Dingelstedt und Friedrich 
Oetker (S. 52 ff. und 83 ff.) von dem geselligen 
Leben und Treiben in Kassel und Fulda in den 
/Jahren 1836—41, in dem der durch seine poeti 
schen und sonstigen literarischen Arbeiten schnell 
bekannt gewordene Dichter eine bedeutende Rolle 
spielte; in Fulda bildete das adlige Wallensteinsche 
Damenstift den geistigen Mittelpunkt. Im Früh 
ling und Sommer zog der befreundete Kreis gern 
hinaus in die Umgebung dieser Städte, um dort 
in schöner Natur.sich an Tanz und Spiel zu er 
freuen. In Dingelstedts Nachlaß haben sich zwei 
Dichtungen erhalten, die uns ein anschauliches Bild 
von diesen „Landpartien" geben. Die poetischen 
Gaben wurden als fliegende Blätter für die Teil 
nehmer gedruckt. Die erste führt die Aufschrift: 
Zum Gedächtnis an die erste Landpartie 1837. 
Der Dichter hat eigenhändig dazugeschrieben: 
Filippinenhof b. Kassel. 
Willkommen hier in Frühlingsnamen, 
3m grünen Raum, im Sonnenstrahl. 
Willkommen, schöne Herrn und Damen 
Willkommen all viel tausend Mal! 
Das nenn' ich mir noch wack're Leute, 
Die flugs dem Dann der Stadt entflohn, 
Sobald der junge'Lenz wie heute 
Sie ladet mit der Lerche Ton. 
Ihr ließt doch alles fein Mücke, 
Was noch an Stadt und Winter mahnt? 
Beschreibt leicht die Zauberbrücke, 
Die euch den Weg zur Freude bahnt? 
Vergeht des Alltags dürft'ge Schranken, 
Das Maß, mit dem der Kleinmut mißt, 
Und schwärmt vergnügt in dem Gedanken, 
Daß hier der Frühling König ist?
	        

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