Full text: Hessenland (31.1917)

„Wie sie uns ansieht" — sagte er geheimnisvoll. 
„Wer — wer sieht uns an?" 
„Nun, die Wiese. Hundert, — tausend Augen 
hat sie, und morgens früh sind sie alle voll Tränen. 
Das ist, weil sie nach der Sonne weint." - 
Ich hing an seinen Lippen, mein Herz schlug 
schweren Takt. Keiner hatte mir je geglaubt, 
wenn ich von meinem Erleben gesprochen, von 
den Blumen, die mir zunickten, wenn ich die 
Mauer bestieg, von dem Schmetterling, der auf 
meine Hand flog und dreimal mit den feinen 
Flügeln schlug zum Gruß, von der kleinen Feld 
maus, die aus ihrem engen Gang hervorblinzelte, 
wo ich denn bliebe, und von der Spinne, die 
einmal gar ein zartes Netz um meinen Arm zu 
spinnen begonnen, daß ich nicht fort ginge. Und 
nun saß da ein Knabe, der wußte, daß die Blumen 
des Nachts weinten! 
Isidor beugte sich zu mir und flüsterte: „Soll 
ich dir das Blumenlied spielen?" 
Ich nickte. Und er spielte das Blumenlied. 
Et begann mit einem hohen Ton, der über uns 
zu schweben schien, flocht einen Kranz tastender 
Töne, die ganz wie Isidors Wesen, nur aus zarten 
Andeutungen bestanden. Ein komischer, kleiner 
Triller hüpfte dazwischen hin und her. 
„Das sind die Heupferdchen", lächelte er, sein 
Gesicht strahlte in sonniger Verzückung. 
Das Lied wurde leiser und müder und verebbte 
in dunklen Molltönen, die seltsam unter des 
Kindes Händen hervorquollen, als litten sie Schmer 
zen. „Nun weint sie nach der Sonne", — sagte 
Isidor und ließ die Geige sinken. Er sah mich 
nicht an, ihm lag wohl nichts daran, wie mir 
sein Lied gefiel, er spielte für sich und die Blumen. 
Mir hatte aber noch nie etwas so gefallen, wie 
dieses B'lumenlied, es war mir, als hätte meine 
Wiese nur eine lebendige Stimme. 
„Das war schön, dein Lied, das darfst du mir 
jeden Tag vorspielen", sagte ich. 
Aber er hatte plötzlich ein hochmütiges Gesicht: 
„Nein, das spiele ich nur jeden Abend meinem 
Vater vor, der so schmutzig ist, und meiner guten 
Mutter, die so nach Zwiebeln riecht." 
Und fort war er, sich wieder vorsichtig an die 
Mauer drückend, daß er keiner Blüte weh tat. 
„Dummer Bengel" — rief ich ihm nach. Aber 
ich freute mich doch, daß er endlich einmal grob 
geworden war. 
Ich glaube, so — wie wir spielten, das erleben 
nur wenige Kinder. Alles, das Primitivste, wurde 
durch unsre Phantasie geadelt: zwei Kakaodosen 
als Tür, der Federkasten als Sofa, der Knäuel 
becher als Tisch — ein königlich Gemach. Gder 
der Fußschemel auf dem Sofa, wir beide eng zu 
sammengeschmiegt, die alte Reisedecke — so fuhren 
wir nach Amerika. Alle Schrecken der Seereise 
machten wir getreulich miteinander durch, kamen 
erschöpft „drüben" an, mit tausend Abenteuern 
gesegnet. Man glaubt nicht, wie unheimlich ein 
Stiefelknecht aussehen kann, beinah wie ein Hai 
fisch, und so eine Schlummerrolle hat es auch in 
sich, tritt man aus Versehen darauf, so ist sie einer 
Riesenschlange nicht unähnlich, und wir traten 
immer aus Versehen darauf und der Stiefelknecht 
sperrte uns jedesmal seinen fürchterlichen Rachen 
entgegen. 
Gott sei Dank — es ist uns nichts passiert. 
Unsre Puppen waren Teile unsrer selbst. Wie 
habe ich einmal geweint! Ich hatte damals ein 
feistes Porzellankind, das einfach, aber praktisch 
gekleidet war: Ein Puppenlappen, zwei Löcher 
für die steif abstehenden Ärmchen, ein Faden um 
den Halsausschnitt. Abends nahm ich sie mit 
ins Bett. Wie habe ich Frieda geliebt! Nur 
eins war mir unheimlich, sie wurde nie warm. 
Ich drückte sie an mein Herz und sang ihr ein 
Schlummerlied, aber immer behielt sie die kühle, 
glatte Untertemperatur. Da fing ich laut an zu 
weinen. Mutter kam bestürzt an mein Bett und 
fragte, ob mir was weh täte. 
„Ach," sagte ich, „Frieda ist gestorben." 
„Frieda?" — 
„Ja, sieh nur, ganz kalt ist sie, sie ist tot." 
Und ich weinte jämmerlich. 
„G — das tut mir aber leid," sagte meine 
gute Mutter, „nun schlaf nur, morgen ist sie 
wieder lebendig." 
Das schien mir sehr oberflächlich gedacht, ich 
weinte nun erst recht. Nein, das paßte mir gar 
nicht, ich fand meinen Schmerz so wunderschön, 
den wollte ich recht genießen. 
Am Morgen rief ich Isidor und erzählte ihm 
von dem schweren Verlust, der mick betroffen hatte. 
„Wir müssen sie begraben", sagte er düster. 
„G — ja" — rief ich vergnügt und sprang vor 
Freude von einem Bein aufs andere. Tadelnd 
sah er mich an: 
„Du mußt jetzt traurig sein, mußt ein großes 
Taschentuch vor die Augen hallen und dir oft die 
Nase putzen." 
Er schien vor kurzem einer Trauerfeier bei 
gewohnt zu haben. 
Wir schritten gemessen mit Frieda, die wir in 
einer Stärkeschachtel gebettet hatten, zu dem kleinen 
Grab. Nun flössen meine Tränen wieder reichlich, 
aber es war doch wundervoll, daß wir so etwas 
erlebten. Über der geschloffenen Gruft spielte Isidor 
ein kurzes Lied, lauter tiefe, schluchzende Töne.
	        

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