Full text: Hessenland (31.1917)

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bas Kaliber 8 am. Wann und wie das Rohr nach 
Schweinsberg gekommen ist, ob es ein zur Ver 
teidigung des Schlosses bestimmtes Stück oder ein 
Beutestück ist, darüber fehlen die Nachrichten. Als 
Ort der Herstellung käme wohl das Siegerland 
in Betracht. 
Das andere im Berliner Kgl. Zeughaus be 
findliche Stück (Kat. Nr. 14) (Abb. 2) ist zu Hessisch- 
noch länger. Während man nun dies Größenver 
hältnis bei Mörsern und auch bei Haubitzen bis 
in die neuere Zeit beibehielt, wurde an den Flach 
bahnstücken das Verhältnis wesentlich anders. 
Hatte man im Anfang das Bestreben, möglichst 
große Kaliber herzustellen, so suchte man später 
möglichst lange Rohre zu konstruieren, um hand 
lichere Kugeln möglichst weit zu schleudern. Beide 
Abbild. 2. Gifernes ¡Kammerstäck, gef. zu ¡Hefstfch-Öidendbrf. (Zeughaus e Berfin.) 1¥20—30. 0,92 m fang. ifCaf. 10,5 cm. 
Oldendorf gefunden worden. Es zeigt genau dieselbe 
Konstruktion wie das Schweinsberger Stück und 
hat am hinteren Ende dieselbe Rohrverstärkung. 
Nur ist die Form wesentlich gedrungener. Das 
Rohr hat eine Länge von 0,92 m und ein Kaliber 
von 10,5 cm. Die Ansatz-Kammer fehlt. Nach 
dem Führer durch das Zeughaus liegt die Ent 
stehungszeit für dies Rohr zwischen 1420 und 1430. 
Schon auf den ersten Blick erkennt man an hem 
Fehlen der Schildzapfen an beiden Rohren ihr 
hohes Alter. Äe gehören einer Geschützgattung 
an, die sich aus den Bombarden, dem ersten 
brauchbaren Geschütztyp, entwickelt hat. Eine Bom 
baride ist ein aus 2 Teilen bestehendes Stück, 
Extreme blieben ohne praktischen Wert. So ist der 
wohlbekannte Pumhart von Steyr (Abb. 3) eine 
Bombarde von 1,10 m KaWer und 2,50 m Länge, 
deren Würskessel in einem ungünstigen Verhältnis 
zur Pulverkammer steht. Er ist noch aus Längs 
stücken mit heiß aufgezogenen Ringen hergestellt. 
Dem Pumhart von Steyr gegenüber ist die 
gleichartig hergestellte Steinbüchse im städtischen 
historischen Museum zu Frankfurt a. M. (Mb. 4) 
als ein recht handliches und brauchbares Stück zu 
bezeichnen. Sie hat nur eine Länge von 57 om und 
ein Kaliber von 9,4 cm. Da die Möglichkeit 
nicht ausgeschlossen ist, daß dies Rohr auch aus 
Hessen stammt, du es in Frankfurt auf einer Auk- 
Abbildung 3. 
Abbildung 4. 
Sieinbüchfe im ¡Historischen Museum 
Trank fürt a. TI. 57 cm Gänge, f 
dessen vorderer weiterer Teil die Seele oder den 
Flug darstellt, die dem Geschoß, der Steinkugel, 
als Kessel oder Behälter. vor dem Schuß diente 
und ihm die Richtung gab. Der Flug wurde mit 
der Zeit immer länger, als man vom Steilschuß 
zum Flachbahnschuß überging und überhaupt mit 
Instrumenten die Flugbahn des Geschosses zu 
berechnen lernte. Die Zündkammer zur Auftrahme 
des die Kugel fortschleudernden Pulvers ist wesent- 
lich enger als die Seele, bei den ältesten Feuer 
waffen fast ebensolang als diese, zuweilen sogar 
tion erworben wurde, so dürfte es erhöhtes In 
teresse in Anspruch nehmen. 
Bei allen Bombarden und. älteren Steinbüchsen 
überhaupt war die Kammer entweder mit dem 
Wurfkessel oder dem Flug fest verbunden, oder 
beide Teile waren zum Zusammen,- und Jnein- 
anderstecken eingerichtet, die Flamländer Kanonen 
waren sogar zusammengeschraubt. Immer aber 
war nur eine Kammer vorhanden. 
Das Schweinsberger und das Oldendorfer Rohr 
gehören nun, wie schon gesagt, einem Typ an, der
	        

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