Full text: Hessenland (31.1917)

SS8L. 220 
sprechend hat auch der am 14. Oktober 1864 auf dem 
Rabenstein bei Marburg enthauptete Ludwig Hilberg 
von Ockershausen längere Zeit im Hexenturm gesessen 
und ist dort nicht nur vom Pfarrer Wehle, dem Seel 
sorger des Zuchthauses, sondern auch vom Pfarrer 
W. Kolbe, dem Pfarrer der Marburger lutherischen 
Gemeinde, in der Hilberg konfirmiert war, Vielemal 
besucht worden. (Vgl. W. Kolbe, Das Ende des am 
14. Oktober 1864 auf dem Rabensteine bei Marburg 
enthaupteten Ludwig Hilberg, 22 S. 8 0 bes. S. 6 , 
Abs. 2 ). 
'Auf Grund dieser Tatsachen ist es mir nicht zweifel 
haft, daß dieser Turm, wenn er auch ursprünglich als 
Festungswerk gedacht gewesen ist, doch schon bald nachher 
als Gefängnis für schwere Verbrecher eingerichtet und 
besonders in den Hexenprozessen des 16. und 17. Jahr- 
4* 
Hunderts als solches benutzt worden ist, die ihm dann 
im Gedächtnis des Volkes den Namen Hexenturm an 
geheftet haben. 
Kassel. v. W. Wolfs, 
Superintendent a. D. 
Friedhofsweihe in Lüttich. In,den ersten 
Tagen des August sollen die in diesem Jahre fertig 
gestellten Ehrenfriedhöfe bei Romsäe, Rätinne, Rhäes 
und Boncelles, auf denen die in den Kämpfen um Lüttich 
efallenen Helden der 11., 14., 34., 38. und 43. Brigade 
eigesetzt wurden, ihrer Bestimmung zugeführt werden. 
Grund und Boden sind von dem Präsidenten der Zivil 
verwaltung der Provinz erworben worden. Sie werden 
also Eigentum des deutschen Staates sein und ein Stück 
deutschen Landes in der Ferne bilden. 
^ 
Hessische Bücherschau. 
Hessenheimat. Sonn wen d-Gruß hessi 
scher Künstler und Dichter. Hrsg, von 
Otto Stückrath. 88 Seiten. Marburg 
(N. G. Elwertsche Verlagsbuchhandlung, G. Braun) 
1917. Preis 1,20 Mark. 
Noch ehe uns diese neuste Gabe des rührigen Elwert- 
schen Verlags zu Gesicht kam, erhielten wir einen 
„Hessentum und Geschäft" betitelten Aufsatz zugesandt, 
der in heftiger Anklage die Frage auswarf, ob der Ver 
leger für ein Buch mit einem so warmblütigen Titel 
in seinem eigenen Lande keinen geeigneten hessi 
schen Herausgeber habe finden können, und warum er 
gerade einen in Biebrich wohnenden Nassauer damit be 
auftragt habe. Diese Frage sowohl wie die daran ge 
knüpften weiteren Folgerungen sind in der Tat disku 
tabel. Die löblichen Absichten des Verfassers jedoch, 
in dessen Adern übrigens trotz der nassauischen Geburt 
Hessenblut fließt, lassen uns über diese Frage hinweg 
sehen und die Beantwortung einer anderen suchen, ob 
es dem Herausgeber, der sich anderwärts mit ausge 
zeichneten Skizzen als begabter Poet erwiesen hat, 
gelungen ist, „denen, die im Schützengraben liegen, 
denen, die in der Heimat ihr letztes an Arbeitskraft 
und Ausdauer hergeben für die Heimat," mit dem, 
was an Künstlersehnsucht in den Bildern und Dichtungen 
lebt und webt, entgegenzukommen wie mit einem gereck 
ten Arm und ihnen zu sagen: Siehe, du Getreuer, 
dies ist dein Hessenland, deine Heimat, dafür kämpfst 
und dafür arbeitest du! Und diese Frage muß bejaht 
werden, wenn auch bei diesem ersten Versuch neben 
echter Kunst auch noch manches Dilettantische mit unter 
gelaufen ist. Namen wie Bantzer, Hans von Volk 
mann, Heinrich Otto, Thielmann, Ubbelohde, Eugen 
Bracht, Kätelhön, Giebel, Greiner, Hölscher u. a. 
lassen das künstlerische Ziel erkennen, das hier gesteckt 
wurde. Daneben macht uns das Bändchen mit einer 
Reihe jüngerer heimischer Künstler bekannt. Unter den 
Poeten steht wohl K. E. Knodt mit einigen prächtigen 
Gaben an der Spitze, aber auch Alfred Böck, Valentin 
Traudt, der verstorbene Gießer Otto Kindt, Schwalmj, 
H. Brehm, G. Lang sind uns willkommene Namen, 
an die sich einige neue anreihen. Die Prosa ist durch 
zwei Stücke vertreten, und hier fällt das die Entwicko- 
lung Zeppelins andeutende „Märchen" von Emma 
Schwab stark gegen die frische innige Wandervogel- 
skizze Helene Christallers ab. Wie 'wir hören, wird 
bereits die zweite Auflage dieses schmucken Bändchens 
vorbereitet, und es ist pwhl kein Zweifel, daß es allen 
denen, für die es geschaffen wurde, die Sehnsucht nach 
der Heimat und ihrer herben Schönheit zu wecken ver 
standen hat. Hbach. 
Bock, Alfred. Der Flurschütz. (Die Feldbücher.) 
108 Seiten. Egon Fleischel & Co. Berlin. Preis 
geb. 50 Pfg. 
Bock, Alfred. Die leere Kirche. Roman. 170 
Seiten. Egon Fleischel & Co. Preis 2 M. 
Wiederholt schon ist an dieser Stelle zum Ausdruck 
gekommen, daß Alfred Bock den ersten unserer zeit 
genössischen Erzähler anzureihen ist. Wer die künstle 
rische Eigenart dieses hessischen Poeten kennen lernen 
will, mag zu dem in Reclams Universalbibliothek er 
schienenen Novellenbändchen oder zu dem vor einigen 
Jahren von Fleischels Verlag herausgegebenen wohl 
feilen Sammelband „Die harte Scholle" greifen; er 
wird diesen Epiker des oberhessischen Volkslebens lieb 
gewinnen und sich auch seinen früheren Werken zuwen 
den. Den „ F l u r s ch ü tz ", den wir in dem erwähn 
ten Sammelband vermißten, ein Kabinettstück reifer 
Erzählungskunst, — es schildert die erschütternde Tragik, 
mit der die Liebe von Vater und Sohn zu dem gleichen 
Mädchen beide ins Verderben reißt —, hat Fleischel 
neuerdings in seine Sammlung der „Feldbücher" auf 
genommen, in der es zweifellos weiteste Verbreitung, 
die es verdient, gefunden hat. In seinem neusten Roman 
„Die leere Kirche" hat Bock — vor Ger- 
hart Hauptmanns „Emanuel Quint" — seinen Stoff 
dem religiösen Leben der Gegenwart entnomnien. In 
einer hessischen Weinstadt hat der Sektengeist der „Ge 
meinschaftsleute" Wurzel gefaßt. Ein junger Aktuars 
sohn, der nach vollendetem Studium die Theologie 
abgeschüttelt, ist nach einer bewegten Vergangenheit bei 
den „Versiegelten" in Amerika Prediger geworden und 
kehrt nun in die Vaterstadt zurück, um hier für seine 
Gemeinschaft zu wirken. Die Gegensätze zwischen Ge 
meinschaftshaus und Pfarrhaus, dessen Bewohner es in 
akademischer Zurückhaltung nicht verstanden hat, die 
Seelen seiner Gemeindeglieder lebendig zu packen, werden 
mit anschaulicher Kraft und bewundernswerter Objek 
tivität geschildert. Der Pfarrer predigt vor leeren 
Bänken, indes der neue Heilsverkünder mehr und mehr 
auch die angesehenen Familien der Stadt zu sich herüber 
zieht und selbst des Pfarrers eigene Tochter in seinen 
Bann zwingt. Die von dem Sektenkönig in die Ge 
meinde geschleuderte Brandfackel läßt je länger je mehr 
die Frucht langjähriger Arbeit des berufenen Seel 
sorgers verdorren, und der Versuch der Pfarrerstochter, 
zwischen dem Vater und dem neuen Apostel, dessen
	        

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