Full text: Hessenland (31.1917)

SS8L. 215 
Wenn acht solche alte Krieger wie wir, die von 
Kriegsanfang ansgehalten haben, plötzlich mit 
einem Jüngling als Vorgesetzten beglückt werden, 
so löst das unangenehme Empfindungen aus. Aber 
schließlich kämm wir überein: Er ist nun einmal 
auf dm gleichen Platz gestellt worden wie wir, 
also wollen wir ihm auch behilflich sein, in die 
keineswegs leichten Geheimnisse des Schützen 
grabenkrieges einzudringen. 
Dachten wir, er würde vor dem Unterstände, 
der ihm nun zusammen mit vier Mann von uns 
als Heim dienm sollte, erschrecken, so irrten wir 
uns ganz gewaltig. Im Gegenteil hatte er an 
allem eine knabenhafte Freude: an unseren Wand- 
brettem, an dem Kronleuchter, der aus einer Brat 
heringsbüchse bestand, und den verschiedmen Klei 
nigkeiten, mit dmm der Frontsoldat versucht, sein 
aller Bequemlichkeit entblößtes Dasein etwas an- 
gmehmer zu gestalten. 
Beim Schlafen machte er sich noch schmäler als 
er ohnehin schon war und hatte auch seine Sieben- 
sachm in die femste Ecke gepackt, um ja keinem 
von uns den knappen Raum zu schmälern. 
Die erstm zwei Tage war er ziemlich still, 
bald aber ging er aus sich heraus. „Aha, er be 
ginnt, sich zu orientieren!" Schwertners Herz er 
oberte er sich im Sturme, als er ihm eine Schach 
tel Zigarettm verehrte und ihn um die Erlaubnis 
bat, ihn „Kamerad" nennen zu dürfen. Am glei 
chen Abende schlug er das allgemeine „Du" inner 
halb der Gruppe vor. Also, er schien gapz „dufte" 
zu werden. 
Bald rannte er im ganzen Graben herum, und 
es war gerade, als hätte er sich die Aufgabe ge 
stellt, mit sämtlichen Abwehrmaßnahmen usw. 
innerhalb acht Tagen vertraut zu werden. Zuerst 
hielten ihn die Mannschaften für einen „Stän 
ker", die unbeliebteste Sorte Menschen, die es 
in der Armee gibt. Bald aber erschloß sich seinem 
Eifer manch rauhes Herz, und es dauerte nicht 
lange, da wurde unser „Egon" (schon der Name 
ist zart, nicht?) unglaublich klug. 
Stundenweise hatte er den Arbeitern im Minen 
stollen die Hacke aus der Hand genommen und 
mitgearbeitet, von den Blasen, die er auf seinen 
zarten Patschen bekam, aber niemandem etwas 
gesagt. Dann übte er wieder mal am Zielfern 
rohr, entwarf eine Skizze des eigenen wie des 
feindlichen Grabensystems und schien überhaupt 
etwas anderes als Dienst gar nicht zu kennen. 
Seine Uniform hatte ihre Salonschönheit gar 
bald verloren, auf der Oberlippe begann ein zarter 
Flaum zu sprossen und Gesicht und Hände bräun 
ten sich. So gefiel er uns schon besser. 
Mit besonderer Vorliebe stand er beim Ma 
schinengewehr und ließ sich dessen Konstruktion und 
Handhabung erklären, obwohl er damit eigentlich 
nichts zu tun hatte. 
Eins nur ärgerte ihn: Daß es in unserer Stel 
lung so ruhig zuging. Wenn wir in unserem 
Unterstände saßen und frühere Erlebnisse aus 
tauschten, vom Vormärsche in Belgien, dem Maas 
übergang, den Kämpfen auf der Lorettohöhe er 
zählten, da sah er uns mit Blicken an, aus denen 
unverkennbarer Neid sprach, daß wir so vieles er 
leben durften. 
„Was gibt es denn eigentlich hier? Ab und 
zu kommen mal ein paar. Granaten, vormittags 
und nachmittags ein Flieger, aber sonst ist es hier 
auch nicht viel anders als daheim auf dem Trup 
penübungsplatz." Bei solchen Gefühlsausbrüchen 
konnten wir uns des Lachens nicht erwehren. 
„Junge, Junge!" sagte dann wohl einer, „sei 
froh, daß es hier so gemütlich zugeht. Noch ist 
der Krieg nicht zu Ende, und wir wissen nicht, 
was uns bevorsteht." 
Sein Tatendrang kannte aber keine Grenzen 
und bei der ersten Gelegenheit ging er mit auf 
Patrouille. Das gefiel ihm schon besser, und wer 
ihn mitnahm, brauchte es auch nicht zu bereuen, 
denn er benahm sich durchaus .wie ein „Alter". 
Bald sollte er Gelegenheit finden, zu zeigen, 
ob seine Nerven so stark wie seine Begeisterung sein 
würden. * * 
* 
Seit zwei Tagen und Nächten schon war von 
feindlicher Seite kein Schuß gefallen. Daß hier 
etwas nicht in Ordnung war, brauchte uns niemand 
erst zu sagen, und der Befehl „Höchste Gefechts 
bereitschaft!" kam uns durchaus nicht unerwartet. 
Die Stunden vor einem Angriffe sind unange 
nehmer als der Angriff selbst. Man befindet 
sich in einem Zustande hochgradiger Erregung und 
Nervenanspannung, der ermattend wirkt. Man 
mag nicht schlafen, nicht essen, nicht trinken und 
erwartet fieberhaft das Kommende. Nur geraucht 
wird bis zum letzten Augenblicke. 
Wie auf Kommando bricht die Hölle los. Das 
ist nicht mehr die harmlose Grabenbeschießung 
mit zwei, drei Geschützen^ deren Geschoßbahnen 
man vorausahnend entweichen konnte, das sind 
Dutzende von Geschützen, viele Batterien, bk sich 
gegen den Abschnitt unseres Regimentes ver 
einigt hatten. 
Wo war „Egon"? Wir vermuteten, ihn 
schreckensbleich in irgend einer Ecke zu finden, aber 
weit gefehlt, er stand seelenruhig an einer Schieß 
scharte und beobachtete, aufs höchste interessiert, 
den Einschlag der Granaten im Vorgelände. Um
	        

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