Full text: Hessenland (31.1917)

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als „Peter in der Fremde". Mer ich bekam doch 
noch Kuchenreste von der Kindtaufe. 
Das Frühjahr 1831 brachte wesentliche Ver 
änderungen in unserem Hause. Pauline Franke 
verließ uns. Dagegen kam meine Tante Livonius, 
deren Mann jüngst gestorben war, zu uns. Mein 
Vater hatte in die Aufnahme gewilligt, da sie 
ein kleines Vermögen besaß, das sie mir hinter- 
lassen sollte. Meine Tante war sehr in der Lite 
ratur bewandert (sie machte selbst Gedichte). Sie 
suchte daher auch in mir den Sinn dafür zu 
wecken. So lernte ich durch sie manches kennen, 
die Schriften von H. Heine, die mich entzückten. 
Überhaupt fing ich nun an, auch Romane und 
ähnliches zu lesen. 
Mit meiner Tante war auch meine Schwester 
Sophie aus Mecklenburg zurückgekommen. Sie 
wurde bei meiner Schwester Hannchen unterge 
brachte Bald darauf aber warb der Kontrolleur 
Heinze um sie; im August war die Hochzeit. 
Im Winter 1831/32 bekam ich Tanzstunde (bei 
Herrn Lapitre in der Marktgasse). Natürlich war 
Auguste Becker dabei. Anfangs wollte meine 
Mutter nicht in die Stunde einwilligen, weil sie 
fürchtete, daß, wenn ich vom Tanze erhitzt nach 
Hause ginge, ich mich erkältete. Endlich wurde 
die Stunde mir zugestanden, wenn ich verspräche, 
gleich nach meiner Rückkehr jedesmal eine Tasse 
Kamillentee zu trinken. (Kamillentee war in un 
serem Hause das Universalmittel gegen alles.) 
Obwohl mir nun der Tee ein Greuel war, ver 
stand ich mich doch dazu; und so ging das Ver 
gnügen vor sich. Übrigens hatte ich in der Tanz 
stunde, wo fast nur Française getanzt wurde, 
nicht ordentlich Walzer und Gallopade tanzen 
gelernt, leine Schwester, die mich öfters pro 
bierte, war ganz unzufrieden mit mir. Ich tanzte 
nicht ordentlich der Dame gegenüber. Da ließ 
mir meine Mutter, als ich schon Student war, in 
den Ferien noch einmal eine Tanzstunde (ganz 
allein) bei Frau Krusemark geben. Da lernte ich es. 
Auf Ostern 1832 wurde ich aus Sekunda mit 
einer Prämie entlassen und kam nach Pàa. 
In jenem Jahre, namentlich in den Osterferien, 
Wachte ich mit meinem Freunde Schomburg viele 
große Spaziergänge in die Umgegend, so daß wir 
nach und nach fast alle Dörfer darin kennen lern 
ten. In den Brunnenferien machten wir auch noch 
einen größeren Ausflug. Es war damals das Buch 
von Landau „Hessische Ritterburgen" erschienen. 
Schomburg und ich lasen darin und gerieten durch 
die Beschreibung des Hanstein in solche Begeiste 
rung, daß wir beschlossen, dorthin zu gehen. Wir 
marschierten also eines mittags fort; über Heiligen 
rode, Nieste, nach Witzenhausen, wo wir im Wirts 
haus logierten. Am andern Morgen gingen wir 
nach dem Hanstein und trieben; uns dort den ganzen 
Dag herum. (Ich nahm mehrere Zeichnungen 
auf, die noch vorhanden sind.) Mends gingen 
wir nach Witzenhausen zurück. Am dritten Tage 
wurde der Rückweg nach Kassel gemacht. Der 
wurde mir aber sehr sauer. Ich hatte (wie dies 
damals öfters vorkam, da meine Stiefeln auf der 
Messe gekauft wurden) einen nicht ganz passenden 
Stiefel. Da ging ich mir eine dicke Blase an dm 
Fuß. Ganz ermattet kam ich bei meinen Eltem 
an. Als mein Vater mir die Blase aufstach, 
wurde ich zum ersten Mule in meinem Leben 
ohnmächtig. 
Ich will hier die Geschichte von zwei Dingen 
einreihen, die einen wesentlichen Teil meines Ju- 
gmdlebens gebildet haben. Es sind das mein 
Musiktreiben und mein Englischlernen. 
Ich habe schon oben erwähnt, daß ich - in 
meinem achten Jahre Klavierstunde bei Herrn 
Schiebeler bekam, und daß dieser, da ich sein erster 
Schüler war, nur einen Taler für 16 Stunden 
gefordert hatte. Ich hatte in der Woche zwei 
Stunden. Bald spielte ich aber schon recht gut. 
Auch nahm mich mitunter Herr Schiebeler mit 
in eine musikalische Gesellschaft, Concordia, wo 
ich öffentlich spielm mußte. So bekam Schiebeler 
bald viele Schüler und war nach einigen Jahren 
ein sehr gesuchter Lehrer. Von diesen Schülern 
nahm er nun natürlich ein größeres Honorar. 
iAls ihm aber meine Eltern auch für mich mehr 
geben wollten, lehnte er es ab, ohne Zweifel des 
halb, weil er durch mich so viele Schüler bekommen 
hatte. So blieb es bei dem einen Taler. 
Ums Jahr 1831 oder 32 starb Schiebeler an 
einer Rippenfellentzündung. Ich hatte bei ihm 
ganz gut und richtig nach den Noten spielen ge 
lernt. Mer ein feineres Spiel verstand er nicht 
zu lehren. Nun ging meine Mutter darauf aus, 
mich bei dem Musikdirektor Deichert, der damals 
als der beste Klavierlehrer galt, unterrichten zu 
lassen. Bei ihm kosteten freilich 16 Stunden 3 Ta 
ler. Deichert nahm mich auch an. Er fand mein 
Spiel sehr unvollkommen. Namentlich verstand 
ich noch gar nicht dm Unterschied zwischen Bin 
den und Stoßen der Töne. Ich wurde also ganz 
neu in die Schule genommm und habe dabei erst 
das bessere Spiel gelernt. Deichert war aber wäh 
rend jmer Jahre vielfach krank; und so habe ich 
im ganzen nur zweimal 16 Stunden bei ihm 
gehabt. Rechnet man nun den siebmjährigm Un 
terricht bei Schiebeler und diesen Unterricht bei 
Deichert zusammen, so kostet mein ganzes Klavier 
spiel etwa 50 Taler. Wer lernt es heute noch 
dafür? (Fortsetzung folgt.)
	        

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