Full text: Hessenland (31.1917)

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brechmdes Feuer vernichtet werden. Mit Beihilfe 
der Regierung entstanden nach und nach sieben 
zum Teil ziemlich tiefe Brunnen, drei öffentliche 
und vier private; obwohl man aber bei der Boh 
rung Tiroler Meister als besonders erfahren an 
genommen hatte, blieben die Brunnen nicht nur 
in heißen Sommern, sondern oft bis tief in den 
Herbst hinein ohne Wasser, das dann aus Kolken 
des Pfingstangers,. der zur Esse hinabzieht, oder 
von noch entlegeneren Stellen geholt werden mußte. 
Der Mißstand dauerte bis zum Jahre 1897. Als 
damals die Stadt Hofgeismar eine Leitung mit 
Hochdruck vom Lempeborn her anlegte, sicherte sich 
das Dorf, rasch entschlossen, durch einen günstigen 
Vertrag den Anschluß und erhielt seitdem den Be 
darf an Wasser aus dem IV 2 km entfernten Hoch 
behälter am Röddenhof. 
Das Kirchlein von Schöneberg, ein einfaches 
Bethaus von quadratischer Grundform nach Wal 
denserart, wurde mit Beihilfe des Landgrafen, der 
das Material und ennen Geldzuschuß gab, im 
Jahre 1705 erbaut, das Dach trägt ein Glocken 
türmchen mit einer Uhr aus dem Jahre 1806. 
Auf dem Balkenband über dein Eingang steht die 
Inschrift: Cest icy le temple de Dieu Chrétiens 
venez dans ce saint lieu avec amour respect et 
crainte l’adorer dans sa maison sainte. (Hier ist 
der Tempel Gottes, kommt, ihr Christen, an diesen 
heiligen Ort mit Liebe, Ehrerbietung und Furcht, 
ihn anzubeten in seinem geheiligten Haus.) Eine 
zweite Inschrift über der Tür lautet: Par les 
libéralités et sous le regne du magnanime prince 
Charles I. L. Z. H, les habitans de Schöneberg 
ont fai eleve ce temple a la gloire de Dieu 
ce 14 iptembre 1706. (Durch die Freigebigkeit 
und un r der Regierung des hochgesinnten Fürsten 
Karl I Landgrafen zu Hessen, haben die Be 
wohner wn Schöneberg diesen Tempel zum Ruhme 
Gottes rrichten lassen an diesem 14. September 
1706.) Die Weihepredigt'hielt Jaques le Fövre, 
Pfarrer ;u Karlsdorf und Schöneberg, am 24. Ok 
tober, oher von da ab das Kirchweihfest am 
4. Son üg des Oktober gefeiert wurde. 3 
3. Da Ringen der Dorfkolonie um 
ihre Existenz. 
Die irtschaftliche Lage der landfremden Neu 
siedler ar anfangs, wie aus dem schon Gesagten 
erhellt, unbefriedigend, um nicht zu sagen trost 
los. B ? hätten die fast unbemittelten Leute auf 
dm sch: il zugemessenen, verwahrlostm Äckern und 
dm ve aoostm Wiesen ausreichende Erträge er- 
zielm r d zugleich das mit Büschen und Stämmen 
bewachs re Rottland in gehörige Kultur bringen 
und dir Gehöfte ausbauen können! Darum ist es 
wmiger zu verwunvern, daß eine Anzahl von ihnen 
die Landstelle verließ, als daß die übrigen sich 
hielten, denn mancher Ansiedlungsversuch scheiterte. 
Binnen einigen Jahren verschwanden die Namen 
Balmx, Borel, Caredon, Poget, Romant und 
Surel, bald auch Dubuy und Giraud, indem die 
Nammsträger anderwärts in Deutschland ihr Glück 
suchten oder mit Tod abgingen. Dmn die Rück 
kehr in die Schweiz wurde ihnen verwehrt, und 
von der ursprünglichm Heimat warm sie für immer 
geschieden, seitdem die Soldaten des allerchrist- 
lichstm Königs in dm Häusern ihrer Verwandten 
eingelagert waren und sie durch Peinigung und 
Bedrohung mit harten Strafen nötigten, Buße zu 
geloben und ihren Glaubm öffmtlich abzuschwören. 
Die freigewordenen Stellen wurdm durch andere 
Flüchtlinge besetzt, so traten in Schöneberg ein 
der Tischler Jean Gilly (Augeardes in Bas Lan 
guedoc), Jaques Chailliol, Pierre Vialon (Polliat 
Dep. Äin Arr. Bourg), Thomas Gay (Hayes in 
Valcluson), Antoine Martin (Lehrer), später Pierre 
Jssertel und Jean Gaide. Der eine oder der 
andere zog ein, ohne ein Portionsgut zu erwerben, 
wie der Ziegler Jean Licher (f 1703). Hatte 
man ursprünglich beabsichtigt, die Kolonien in 
ihrem Charakter zu erhalten, so konnte man doch 
nicht umhin, nach einiger Zeit auch Deutsche zu 
zulassen, die sich indes ihrer Umgebung anpaßten. 
Im Jahre 1704 ließ sich als erster Johann Hein 
rich Siebert in Schöneberg nieder, ihm folgten 
Johann Schüßler, Christoph Köhler, Johann Hein 
rich Wagner, Johann Georg Neumann, der vom 
Röddenhof stammte. 
Die Alteingesessenen waren den „Franzofm in 
den Franzosennestern" nicht gerade günstig gesinnt. 
Murrend fügten sie sich dm Befehlm der Re 
gierung, sie glaubtm sich in ihren hergebrachten 
Rechten und Gewohnheiten beschränkt und beein 
trächtigt, und da die Ländereim noch nicht gmau 
vermessm, auch das Eigentumsverhältnis nicht 
überall geklärt war, so fehlte es nicht an Anlässen 
zum Streit zwischm Gemeinden wie zwischen Ein 
zelbesitzern. Nach dem Tode des Landgrafen Karl, 
ihres Schützers, fanden die Kolonistm auch bei den 
Beamtm nicht immer Rücksicht und- wohlwollende 
Behandlung. Als in Hofgeismar der Rentmeister 
Johann Georg Köhler an die Stelle Nikolaus 
Bramers getreten war, entdeckte enmach einiger 
Zeit im Dorfbuch vom Jahre 1716 die Verpflich 
tung der Kolonie Schöneberg, die sogenannte 
Herbstbede, eine althergebrachte Geldfteuer, im Be 
trag von 151/4 Tlr. zu entrichten. Er beschränkte 
sich im Jahre 1732 nicht darauf, sie einzufordern, 
sondern verlangte in unbilliger Weise die Zahlung 
von 264 Tlr. für 16 Jahre, womit die Kolonie
	        

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