Full text: Hessenland (31.1917)

V«WkL- 168 
Am 29. Oktober 1893 wurde das Hessendenkmal 
zu Eschwege geweiht. Die Unterhaltungsabende, die 
zur Aufbringung der Kosten veranstaltet wurden, 
leitete regelmäßig ein von Mohr verfaßter Vor 
spruch ein, der in den „Palmblättern" abgedruckt 
ist, dre der Dichter zur Festfeier herausgab. Es 
handelt sich um sechs Gedichte, unter denen „Da 
drcrußen auf dem Werder" und „Grüß 
dichGott, duSteingebild" besonders her 
vorzuheben sind. Das erstere, das den Aufstand 
Schumanns zum Vorwurf hat, wurde beim Fest 
kommers nach der Melodie: „Zu Mantua in 
Banden" gesungen. Die innere Verwandtschaft 
des geschichtlichen Stoffes macht eine Anlehnung 
an das Andreas Hoferlied erklärlich. 
Die erste und letzte Strophe lauten: 
„Da draußen auf dem Werder 
Stehn auf dem frischen Sand 
Fünf hessische Soldaten 
In Fesseln Arm und Hand. 
Ade, ihr Braven, die ihr treu 
Gestanden zu dem Hessenleu! 
Ade. ade! Fahrt wohl! — 
Pariser Garden treten 
Hervor in Silberpracht: 
Es wirbeln dumpf die Trommeln, 
Und Salv' auf Salve kracht. — 
Fünf Brave lagen auf dem Sand — 
Ein Schmerzschrei ging durchs Hessenland. 
Ade, ade! Schlaft wohl!" — 
„Grüß dich Gott, du Steingebild" führt uns 
die Siegesbahn des Hessenlöwen, der auf allen 
Schlachtfeldern Europas wie auch in der neuen 
Welt im Vorderstreite stand: 
„Fragt Siziliens Gestade, Schottlands felsenklüstge 
Clane, 
Fragt Kolumbus neue Welten, meerumspült vom 
Ozeane; 
Fragt die Stadt der Kaiserkrönung, Deutschlands Perle 
an dem Main; 
Fragt die Berge, wo die Traube reifet zum Champagner 
wein." 
An dem Festabend war Ludwig Mohr Gegen 
stand großer Huldigung. Atemlos lauschte alles 
seinem Wort, als er über die näheren Umstände 
von Schumanns Ende, sowie über dessen eigentliche 
Ruhestätte Mitteilungen machte. Jeder fühlte, hier 
redet einer, in dem sich die Geschichte jener Zeit 
am klarsten widerspiegelte. 
Im Herbst 1895 verließ Ludwig Mohr Stadt 
u!nd Amt, um in der Hessenhauptfiadt seinen 
Lebensabend zu feiern. Ich sandte ihm einen 
poetischen Scheidegruß, für den er dankte. Er war 
der erste, dem ich Verse widmete. Einige Jahre 
später gelegentlich einer Landwehrübung sah ich 
ihn zum letztenmal. Es war in seinem Stamm 
lokal. Er erzählte frisch und froh von seinem po 
etischen Schaffen, von seinen Jugenderinnerungen, 
die er zu Erzählungen verarbeite und- trug zuguter 
letzt aus feinen W i l h e l m s h ö h e r Wald- 
klängen ein Paar Strophen vor. 
Diesmal bebte ihm die Stimme, als er lauschen 
den Landwehrleuten aus seiner Soldatenzeit sang: 
Mir war's — rrotzdem es lang schon her — 
Als ob ich noch ein Reiter wär. 
Ms ob es hieße: Aufmarschiert! 
Gewehr im Arm! und Präsentiert! 
Doch faßte bald mich wildes Weh, 
Verwaist fand ich die fülle Höh, 
Die Schilderhäuser standen dort, 
Die weißen Reiter waren fort. 
Die beiden Löwen vor dem Haus 
Sah'n müde und gelangweilt aus, 
Mir war's, als gähnten sie im Schlaf, 
Als sie mein Blick verwundert traf: 
„Dein Kurfürst schläft die ew'ge Ruh' 
Geh, Reiter! Gehe nun auch du! 
An seinem Grabe aufmarschier, 
Gewehr im Arm und präsentier!" 
Ein stolzer, allezeit aufrechter Mann mit helden 
haftem Wesen — so trage ich das Bild Ludwig 
Möhrs in meinem Erinnern, als das Bild eines 
Dichters, der das war, was tvir seinen Dichtungen 
nachrühmen: gut hessisch. 
Heinrich Bertel mann. 
Schöneberg. 
Eine Kolonie französischer Waldenser im Wandel zweier Jahrhunderte. 
Von F. P f aff. 
(Schluß.) 
Auch bei den um die Wende des 17. Jahrhun 
derts gegründeten französischen Kolonien ließ es 
die Regierung an Fürsorge, Beihilfe in der Not, 
Maßregeln zum Schutz nicht fehlen; das ent 
sprach nicht nur dem ernstlichen Willen des Land 
grafen Karl, sondern auch dem Interesse des Lan 
des, nachdem bedeutende Mittel für die Ansiede 
lung aufgewandt waren. Beim Bau der Häuser 
erhielten die Kolonisten das Material und àen 
Teil des Arbeitslohnes, der Rest wurde den Un 
bemittelten geliehen, doch entstand auf feinen Fall 
eine hohe Schuld. 
Von Anfang an machte den Waldensern 
,bie Frage viel Sorge, wie sie das nötige 
Wasser, an dem sie in der Heimat einen so 
großen Überfluß gehabt hatten, das ganze Jahr 
hindurch beschaffen sollten. Besonders aber be 
herrschte sie die Furcht, ihre Hofanlagen, deren 
völliger Ausbau sich Jahre hindurch hinzögerte, 
könnten in der trockenen Jahreszeit durch aus-
	        

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