Full text: Hessenland (31.1917)

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königlich geschmückte Landschaft vertieft, die mich 
nun auch wieder von neuem fesselte. 
Das. felsige Berggehänge des Eichsfeldes, das hier 
so reizvoll die Freundlichkeit des Tales erhöht, 
hatte den zarten Schleier der Obstbaumblüte durch 
sein dunkel Waldesgrün geschlungen. Der Wissner 
stand in feierlicher Pracht und predigte von den 
Werken der Götter, die nicht verborgen bleiben 
können. 
Jetzt hatte mich der Herr wahrgenommen und 
wandte sich mir zu, sein Schreibzeug schwand. 
Unter einem großen Schlapphut schauten ein paar 
blitzende Augen mich an. Ich grüßte. Seinen 
grauen Spitzbarl streichend, nickte er mir: freund 
lich zu: „Nicht wahr, das ist schön hier!" — Ich 
stimmte zu. 
„Sehn Sie mal, dies Neurode da drüben, wie 
sich das im Blütenschnee versteckt! — Und der 
alte Meinhard oben — wie der Wächter des Tales 
nimmt er sich aus." 
Wir sagten da einander, was unsere Augen lieb 
hatten und freuten uns daran noch, als wir berg 
ab gingen. 
Am Felsenkeller gebot eine Stimme aus dem 
Grünen ein Halt. 
„Das ist der Kantor", meinte mein Geleit und 
bog grüßend gartenein. 
„Sie dürfen auch mitkommen!" — Das galt mir. 
Nun schritten wir nebeneinander in die Laube. 
Ich sagte meinen Namen und erfuhr, froh er 
schreckend, daß ich mit Ludwig Mohr geredet 'und 
gegangen. 
>Aus der Steinterrasse des Felsenkellers saß es 
sich prächtig. Die Berge grüßten herüber, und der 
Takt der Ruderschläge, von frohen Liedern ve» 
gleitet, lag einem beständig im Ohre. Zudem gab 
es bei Frau Gleim, der heute noch so rüstigen 
Hüterin der Leichbergshalle, gute Atzung und köst 
lichen Trank Lieberknechtschen Bieres. Der Kantor 
tat sich bereits gütlich an einer Äiahlzeit einge 
machten Aales. Wir leisteten ihm Folge. Dabei 
ging die Rede von Homberg und Hessen und dem 
Neuesten des Tages. 
Der Kaiser hatte in besonderen Erlassen die 
Namen der althessischen Regimenter wiederherge 
stellt und ihrer ruhmreichen Geschichte ehrenvoll 
gedacht. Das mußte einen Mann wie Ludwig Mohr, 
einen ehemaligen Gardedukorps, mit größter 
Freude erfüllen, der er nun auch lebhaften Aus 
druck lieh. 
Plötzlich griff er in die Brusttasche und holte 
einen Zettel hervor, den er dem Kantor zuschob: 
„Da hab' ich Ihnen was mitgebracht, 's ist eben 
auf der Alten Eiche entstanden." 
Neugierig nahm foer Kantor sein Glas zur Hanh, 
allein er brachte die Zeilen nicht zusammen und 
bat mich, vorzulesen. 
Und ich las: 
„An der Werra heit'rem Strande, 
Wo der Meinhard, waldumlaubt, 
Weithin über stolze Lande 
Reckt das altersgraue Haupt: 
Liegt mein Heimatgrund 
Grün und farbenbunt 
Wie ein frisch gewundner Blumenbund. 
Wo die Sonne purpurn nieder 
Abends an dem Meißner geht; 
Wo sie morgens feurig wieder 
Ob dem hohen Eichsfeld steht: 
Ragt das Haus, worin 
Ich mit frohem Sinn 
Schalte nebst der lieben Häuslerin. 
Wo da stromab in die Berge 
Gleitet leicht der Werrakahn, 
Und zum Rudertakt der Ferge 
Stimmt das Lorleiliedchen an: 
Hauset schlicht und recht 
Frei ein froh Geschlecht, 
Sind die Frauen wie das Gold so echt. 
Wo der Mond aus Silberwölkchen 
Lächelnd zu dem Leichberg blickt 
Und sein Vollicht zu dem Völkchen 
Von der Waldesschenke schickt: 
Bin ich gerne Gast, 
Mach ich abends Rast 
Nach des Tages heißer Hast und Last. 
An der Werra heit'rem Strande, 
Wo es sich so köstlich wohnt, 
Frei das Lied schallt in dem Lande, 
Und der Trunk den Zecher lohnt: 
Liegt mein Heimatgrund 
Grün und farbenbunt 
Wie ein frischgewundner Blumenbund." 
Warum beim Lesen meine Stimme vor innerer 
Erregung bebte, das wußte nur ich. Während 
Ludwig Mohr auf der „Alten Eiche" seinen Sang 
dichtete, hatte auch ich der Werra — einige Meter 
höher — ein Lied geweiht, das ich in der Tasche 
trug, aber jetzt nicht mitzuteilen wagte. Einmal 
wußte bis dahin kein Mensch, daß ich unter die 
Dichter geraten war, und dann hielt ich unter den 
Augen Möhrs meine Verse für allzuminderwertig. 
Der Kantor fand das Lied recht sangbar und 
versprach eine Melodie. Wir beklagten die geringe 
Zahl der Lieder, die das Hessenland preisen. Von 
Altmüllers „Hessenlied" war damals die Weise 
noch unbekannt. Die Eschweger Schulen sangen das 
Hoffmannsche Hessenlied nach einer allzu kunst 
vollen Weise von Heinzerling. „Ein hessisch Lied 
fehlt uns, bei dessen Singen wir stolz werden," 
meinte Mohr. „Wem's gelingt, ihn wollt' ich 
segnen." — 
Sein Wunsch hat sich noch nicht erfüllt. — 
Die Sterne bestickten reich das kristallene Band 
der Werra, daran ivir uns, das Herz voll heimat- 
froher Gedanken, heimgeleiteten. 
Wenige Tage später erklang aus der ersten 
Knabenklasse die neue Weise zu mir empor, die 
sich schwungvoll — wie ja auch die Dichtung — 
an das bekannte: Bon des Rheines Strand, wo 
die Rebe blüht — anlehnte. Sie hat gelegentlich 
unserer Sommerausflüge in die Grebendörfer 
Berge den Meinhard oft umklungen und unserer 
Freude an oer Heimat Ausdruck gegeben. — —
	        

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