Full text: Hessenland (31.1917)

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nennt die Fuhren „Betfuhren". Die Löhne der 
Bauleute waren auch nicht übermäßig hoch; haupt 
sächlich in Naturalien (Korn) bestehend; noch um 
die Mitte des vorigen Jahrhunderts bekam de/- 
Zimmermann täglich 2Ö—25 Kreuzer, dazu ein 
Kännchen Schnaps und die Kost nicht zu vergessen 
Da. war freilich, wie es in einem weitverbreiteten 
Hausspruch heißt: 
„Das Bauen eine feine Lust" 
aber doch scheint manchem Bauherrn über den 
Kosten schwül geworden zu sein, denn der Spruch 
lautet weiter: 
„aber was es kostet, hab ich nit gewußt, 
denn geschnittene Balken und gehauene Stein 
die machen dem Bauherrn den Geldbeutel rein." 
Und in Reimershausen bei Marburg heißt es an 
einem Haus: 
„Wer will hauen 
der muß zuvor schauen, 
daß er hat Batzen; 
sonst 'müßte er sich ume den Kop kratzen." 
Das verhältnismäßig wohlfeile Bauen brachte 
es mit sich, daß ein Bauherr, der einigermaßen 
über Mittel verfügte, bei dem wohl auch Standes 
rücksichten mitsprachen, auch besondere Kosten auf 
die äußere Ausstattung seines Hauses verwandte. 
Ein gewisses Mindestmaß von Schmuck und be 
stimmte Arten und Formen sind aber offenbar — 
in manchen Gegenden mehr, in andern weniger — 
allgemein üblich gewesen. Der Zimmermann brachte 
eben dem Herkommen und seiner erlernten Kunst 
folgend bestimmte Schmuckformen ohne weiteres 
an. ' „Das ist immer so gemacht worden" erklärte 
mir einmal ein alter Zimmermann von der ge 
wöhnlichen Verzierung des dreieckigen Kopfbands 
an den Ecken- und Hauptträgern. Tatsächlich sind 
die Kopfbänderverzierungen fast überall gleich, so 
daß es beinahe auffällt, wenn man daran ein 
anderes Muster findet. Altes Herkommen atmet' 
überhaupt die ganze ländliche Bauweise. Sie ist 
ja auch der Niederschlag einer durch ganze Ge 
schlechter von Zimmermeistern als zweckmäßig er 
probten Erfahrung, zugleich der Ausdruck des 
Schönheitssinnes eines längeren Zeitraumes — 
„was zweckmäßig ist, das ist schön" — hier wenig 
stens ist die Richtigkeit der bekannten Definition 
des Schönheitsbegriffs bestätigt. Noch heute — 
und früher wohl ohne Ausnahme — pflegt ein 
Aimrnergeschäft vom Vater auf den Sohn oder 
doch einen dem Meister durch gemeinsame Arbeit 
nahe Stehenden überzugehen; damit bleiben hand 
werkliche Geschicklichkeit, Fachkenntnisse, Eigenart, 
früher auch Zunftgeheimnisse, abergläubische Ge 
bräuche, die gerade im Bauhandwerk seit Alters 
eine große Rolle spielten, in der Familie. Zimmer 
mannssprüche, Hausinschriften vererben sich so; 
ja alte Meister wissen sogar noch von Gebräuchen, 
die das Schlagen des Holzes zu bestimmten Jahres 
zeiten, bei zu- oder abnehmendem Mond verlang 
ten. So bildete sich auch ein einheitlicher Bau 
stil heraus, der allgemein für ein Gebiet, etwa 
das der hessisch-fränkischen, oder der niedersäch 
sischen Bauweise galt oder noch gilt; ja, innerhalb 
des allgemeinen Stilgebietes sind Gruppen, die 
für sich abweichende bezeichnende Merkmale tragen. 
Herrscht in der einen Gegend eine reiche Ver 
zierung alles Holzwerks vor, so verziert eine an 
dere Gegend mehr die Gefache, etwa durch ge- 
nmlte Blumen und Figuren oder Sprüche oder 
Kratzmuster 2 ); pflegt die eine Gegend mehr die 
Verzierung des Holzes, so sucht eine andere mehr 
den Schmuck in reicher Gestaltung des Fachwerks 
selbst, in Anbringung von Zierriegeln und-Pfosten, 
in wuchtiger Holzverwendung. Gebiete charakte 
ristischer Ornamente sind z. B. die sog. Hessen- 
dörfer „Dissen, Deute, Haldorf, Ritte, ' Baune, 
Besse" mit dem nicht minder berühmten Werkel, 
nebst Hertingshausen und Grifte, wo ein eigen 
tümlich stilisiertes Pflanzen- und Rankenornament 
herrscht; eine andere Gruppe bilden die Dörfer 
südöstlich vom Meißner wie Orpherode, Kammer 
bach, Hilgershausen, Frankershausen, Hitzerode, 
wo in Rechtecken oben und unten an den Eckpfosten 
höchst eigenartige Pflanzenmotive und heraldische 
Zeichen üblich sind; ein anderes Gebiet sind die 
Dörfer bei Alsfeld: Lingelbach, Hausen, Breiten 
bach und Herzberg, Weißenborn, auch noch Ra 
boldshausen, wo immer ein Vögelchen im Ranken 
werk sitzt und an den Blüten oder Fruchtzapfen 
pickt. Man möchte da geradezu von Zimmer 
mannsschulen sprechen; jedenfalls verstand es ein 
Meister, eine ganze Gegend in seinem Geschmack zu 
beeinflussen. 
Vergebens wird man sich jedoch bemühen, die 
bei Verzierung der Bauwerke angewandten Formen 
irgend einem anerkannten, hergebrachten Stilbe 
griff unterzuordnen.' Wohl klingen manche Formen 
an an solche der Renaissance, des Barock, des 
Rokoko; der alte Zimmermeister ging eben auch 
mit der Zeit; und seine Wanderjahre, die er ebenso 
abmachen mußte wie jeder Handwerksmann, ehe er 
2 ) Für die Kratzmusterornamentik gibt es im hessi 
schen Hinterland Meister von bester Eigenart. Der 
oberhessische Kratzputz, vertreten durch Meister wie Dön 
ges aus Holzhausen bei Gladenbach, Hannjost Wahl 
aus Weipoltshausen (leider im Krieg gefallen), Weber 
aus Friedensdorf, die ganze Weißbindersamilie Ludwig 
in Dreihausen, ist allein schon ein dankbares Feld für 
Volkskunstforschung, wie auch Schwindrazheim in seinem 
Buch „Volkskunst in Hessen-Nassau" (Marburg, Elwert) 
mit Recht hervorhebt.
	        

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