Full text: Hessenland (31.1917)

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Der hatte geschrieben: 
„Der Mond geht auf 
Und geht auch unter, 
Doch wenn du deine Freunde zählst, 
So rechne mich darunter. 
Wenn alles Wasser wird zu Wein, 
Höre ich auf, dein Freund zu sein." 
Als ich zum erstenmal nach einem Jahr wieder 
nach Hause kam — mein Vater bestand darauf, 
daß ich ein ganzes Jahr ohne Unterbrechung der 
Heimat fernblieb — fand ich Johanna nicht an 
wesend. Sie war der Sitte der damaligen Zeit 
gemäß, obgleich sie evangelischer Konfession war, 
nach Fritzlar zu den Ursulinerinnen geschickt worden, 
um allerlei künstliche Stickereien und Manieren 
sowie etwas Französisch zu lernen. 
Ich war sehr niedergeschlagen, denn ich hatte 
mich auf nichts so sehr gefreut als auf ein Wieder 
sehen mit Johanna. Ich hatte ihr auch ein Ge 
schenk mitgebracht — ein Kästchen, das künstlich 
aus gefärbtem Stroh geflochten war, darin lag ein 
Achatring und ein Stückchen Zedernholz, das duf 
tete lieblich, wenn man es gegen eine Kerze hielt 
und anbrannte, und den Rauch in vorsichtigen 
Schwingungen durchs Zimmer Ziehen ließ. Ich 
hatte diese Gegenstände auf dem Jahrmarkt gekauft, 
und sie bedeuteten für meine geringe Barschaft 
eine große Ausgabe. Auch einen Zettel hatte ich 
fein zusammengerollt in eine Spalte des Flechtwerks 
gesteckt — dem Zufall preisgebend, ob er entdeckt 
werde. Auf dem stand: Ewig dein. 
Es war zwischen Gstern und Pfingsten, und 
die Natur hatte ihr schönstes Feierkleid angelegt. 
Mein Vater schien seine Freude an dem heimge 
kehrten Sohn zu haben. Der Meister mußte mich 
in dem Brief, den ich mitgebracht hatte, gelobt 
haben. Ich wurde wie ein Erwachsener behandelt, 
war ja auch damals genau so groß wie heute — 
nein größer, denn ich ging noch ungebeugt daher. 
Nach Feierabend nahm mich mein Vater mit, wenn 
er seine Gänge über die Felder und Gärten und 
Gbstberge machte. Er setzte mir dann auseinan 
der, wie wichtig es sei, daß ein Handwerker in 
gewissem Sinn auch immer ein Ackerbürger sei. 
Wir zogen unser Brotkorn selbst — hatten einige 
Weizenbreiten — einen Weinberg und mehrere 
Krauthöfe und Gbstberge. Und es ist mein Stolz, 
daß ich diesen Besitz ungeschmält erhalten habe, 
er fällt freilich an eine Seitenlinie, aber er kommt 
in eine fleißige, rechtschaffene Hand. Ich brachte 
damals. alles in Bezug zu Johanna. Sie würde 
später mit mir die Frucht dieses Besitzes genießen. 
Ein Knabe bon siebzehn Jahren! Was träumt 
der für törichte Dinge — 
Adolf Bräunlich kam am Himmelfahrtsfest von 
Kassel herüber. Er kam fast jeden Monat einmal, 
hatte mit Johanna in der Zeit meiner Abwesenheit 
allerhand Landpartien und Kränzchen besucht und 
sprach ziemlich obenhin von der kleinen Hanne, die 
man kurzhallen müsse, damit sie sich nicht etwa 
einbilde, man sei restlos in sie verschossen. 
Ich war sprachlos. Ich glaubte in Adolf einen 
ernsthaften Nebenbuhler zu besitzen. Wenn ich nun 
froh war, daß ich Adolf nicht mehr zu fürchten 
brauchte — so ärgerte ich mich doch, daß er so 
verächtlich von Johanna sprach. 
„Du hattest doch die Absicht, Johanna zu hei 
raten!" 
„Hatte ich die? Du liebe Zeit, wie oft will 
man ein hübsches Mädel heiraten, bis man dann 
eines Tages eine genommen hat, die man gar 
nicht wollte —“ 
„Du hast es ihr beim Abschied gesagt!" 
„Hab' ich das getan? Möglich, daß sie unter 
denen ist, zu denen ich dergleichen Torheiten sagte. 
Jedenfalls gehört Hannchen dann zu den Vernünf 
tigen, die verliebte junge Männer nicht gleich beim 
Wort nehmen." 
„Du hast ihr ein Stammbuchblatt geschrieben — “ 
Adolf Bräunlich hat mich herzlich ausgelacht und 
mir auseinandergesetzt, daß er immer noch der 
Freiheit zugeschworen sei, daß ihm nichts verhaßter 
fei als Philister und Spießbürger und alle Tugend- 
bündelei. Daß er Frauen und Blumen zu behan 
deln wisse, und daß beide für ihn nur Reiz hätten, 
so lange sie nicht verwelkt seien. Er wolle mir 
übrigens Hannchen gern überlassen. Er sei augen 
blicklich ganz von einer Tänzerin erfüllt, die er 
zwar aus der Ferne anbete — aber er hoffe, 
ihr näherzukommen. Wir haben nach dieser Aus 
einandersetzung nicht mehr miteinander gesprochen —. 
jahrelang nicht. Es lag in der Natur der Ver 
hältnisse. Die Standesunterschiede treten in einer 
kleinen Stadt viel schärfer zutage, als man denkt. 
Meine Schwester stand in schriftlichem Verkehr 
mit Johanna. Aus diesen Briefen sah ich, daß 
sie meiner in Freundschaft gedenke. Sie ließ 
regelmäßig uns beide grüßen. Ich wußte nicht 
recht, ob ich mich freuen oder ärgern sollte, wenn 
sie schrieb: Grüße Adolf Bräunlich und den guten 
Justus. Gut. Ich beneidete Adolf im stillen um 
sein flottes Wesen — obgleich ich wußte, daß ein 
gut Teil Luderei und Leichtsinn dazu gehörte. 
Weihnachten sahen wir uns wieder. 
Es war auf einem Tanzvergnügen. Johanna 
trug ein duftiges, himmelblaues Kleid und rosa 
Rosen im Haar und an der Brust. Ich meinte, 
sie sehe aus, als schwebe sie auf einer Wolke. 
Ich hätte das gern in zierlichen Worten zum Aus 
druck gebracht, aber die Kehle war mir wie^zu- 
gefchnürt. Ich tanzte auch nicht besonders gut —
	        

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