Full text: Hessenland (31.1917)

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weichen Polstern, schweren farbigen Gardinen und 
üppigen Kronleuchtern versehen, aber nirgends 
erblickte man eine Uhr, am wenigsten in den 
Speise-, Unterhaltungs- und Spielsälen. Man 
sollte hier nicht an Zeit und Vergänglichkeit er 
innert werden. Nur in seinem Schlafzimmer fand 
jeder Gast eine schöne Uhr. 
Da der Landrat die Geselligkeit über alles 
liebte, so ergingen an alle Freunde und Bekannte 
unbeschränkte Einladungen zu längerem Aufenthalt 
in Riede. Man kam und ging, ohne daß es einer 
besonderen Anmeldung oder Form bedurfte. Aber 
man durfte niemals von Abschied sprechen oder 
Abschied nehmen. Der lebensfrohe Mann wollte 
nicht an die Vergänglichkeit des Lebens, an den 
großen Abschied aus dem Leben erinnert werden. : — 
So kam es, daß 10, 12 und mehr Gäste, Damen 
und Herren, oft wochenlang, ganz nach ihrem 
Geschmack in Riede verweilten und unbemerkt wie 
sie gekommen, ohne Abschied sich wieder entfernten. 
Man nahm nur die Rücksicht, dem Diener und den 
Leuten in der Küche anzuzeigen, daß man am 
nächsten Morgen abreisen würde, der Landrat 
aber erfuhr die Abreise der Gäste immer erst 
später und vermied es sogar, davon zu sprechen. — 
Solche Besuche brachen in Riede selten ab; im 
Sommer gar nicht. Vornehmlich waren es be 
freundete Familien aus der Residenz Kassel, die 
diesen anziehenden Landsitz öfter aussuchten, aber 
auch aus größerer Entfernung fanden sich Freunde 
ein, die Gastfreundschaft in Riede zu genießen. 
Malerische Ansichten von Riede, von. seinem 
gastlichen Schlosse und von seiner landschaftlich 
hervorragenden Umgebung hat uns der schon ge 
nannte Zeichner, Major Müntz, hinterlassen.. Er 
war ein bedeutender Landschaftsmaler, zeichnete 
meist mit der Feder nach der Natur und tuschte 
seine reizenden Aufnahmen braun oder farbig aus- 
In Riede lernte er Karoline von Conradi, die 
Tochter des Kommandanten von Rinteln, kennen. 
Da er zeichnerisches Talent an ihr entdeckte, unter 
richtete er sie in seiner Kunst und vermachte ihr 
bei seinem 1799 erfolgten Tode eine wertvolle 
Sammlung von Gemälden und eigenen Hand 
zeichnungen. Diesen Kunstschatz hat die schöne 
Karoline, die sich später mit dem- Hofgärtner 
Daniel Stumpfeld in der Karlsaue verheiratete, 
air den Landgraf Wilhelm IX. verkauft, der ihr 
dafür an Stelle einer Kapitalabfindung durch 
Reskript vom 14. 12. 1802 eine Leibrente von 
jährlich 30 Talern aussetzte. — Die Sammlung der 
Müntzschen Handzeichnungen befindet sich noch 
heute in der Schloßbibliothek von Wilhelmshöhe. 
Es sind zwei große, schmale Bände. Der eine 
enthält 17 Ansichten von Wilhelmshöhe aus den 
Jahren 1786—1793, der andere elf Handzeich 
nungen aus Hessen, besonders aus der Gegend 
von Riede. 
(Schluß folgt.) 
——- 
Eine Golleskaslen-Nechnung aus dem Jahre 1599. 
Ein Vortrag von Professor Ludwig Scheibe, Geh. Regierungsrat in Kassel. 
(Schluß.) 
Unter den rund 220 Namen der Zinspflich 
tigen sind manche von bekanntem Klang. Sie 
treten in zwei Gruppen auf: die eine Gruppe 
ist wieder geteilt in Oberbürgerschaft und Nieder 
bürgerschaft, die andere nach der Wohnung in 
Altstadt und Neustadt. Wenn jemand, der sich 
mit Familiengeschichte beschäftigt, zu wissen 
wünscht, ob ein Vorfahr darunter ist, bin ich 
zu näherer Auskunft gern bereit. 
Leider ist nur bei einer verhältnismäßig ge 
ringen Anzahl die Lage des Hauses oder 
sonstigen Besitzes angegeben. Es würde für hie 
Geschichte der Straßen unserer Stadt vielleicht 
noch hie und da eine Belehrung abfallen oder 
für die der Flurnamen, die möglicherweise mehr 
Lücken zeigt als jene. Genannt werden der Breul, 
der auch den ganzen Bereich der Niederbürger- 
schaft bezeichnet, die Annabrucken, die Drausel- 
gasse, Entengasse, Gnickgasse, ufm Graben, die 
Juden-, Kraut-, Markt-, Mittel-, Oberste-, Schef- 
fer- (Schäfer-), Ziegengasse. In der Neustadt: 
lange Schenkelgasse (später Schindergasse genannt).. 
Gärten lagen am Annaberge, im Brandts 
graben, am Hohen Thor, vor dem Mollerthör, 
an der Monbach, vor der Neustadt, vor dem 
Schloß, vor dem Zwerenthor. Äcker und 
Wiesen befanden sich am grünen Weg, am 
Habichtswald, am Eichholz, zum Münchhoffe, auf 
dem Werde. 
Von den Flurnamen werden weniger be 
kannt sein: der Goltberg, Hamberg, Helwerdt, im 
Scheuchafen, die Hobunde. Im letzten Wort sind 
wohl „Hohe Bunde" vereinigt. Beunde, Bünde, 
Bünte, Beune ist ein Privatgrundstück, im Gegen 
satz zur Gemeinweide oder Almende (Grimm).*) 
*) Gründliche Belehrung darüber habe ich inzwischen 
aus Dr. W. Schoofs Aufsatz „Karle Quinte" im „Hessen 
land" 1916, S. 321 f. gewonnen.
	        

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