Full text: Hessenland (30.1916)

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Da lachte der Alltag häßlich und wuchs und 
wuchs, bis er Raum und Zeit um Eva ausfüllte, 
wie ein aschgraues Ungetüm. 
„Glaubst du noch, daß ich klein bin?" 
Eva schüttelte den Kopf, ihre Hände griffen 
schon wieder nach der Arbeit, und sie wußte kaum 
noch, was sie einmal gewünscht. 
Vom Königlichen Hofthealer. 
Als Hebbels „Herodes uni» Mariamne" zum 
erstenmal gegeben ward, schrieb der Dichter in sein Tage 
buch: „Das Spiel war vortrefflich, die Inszenierung 
glänzend, die Aufnahme im höchsten Grade kühl. Das 
Publikum war sichtlich nicht imstande, der Komposition 
zu folgen. . . . Das Verwirrende lag für die Masse 
der Zuschauer in dem zweiten Moment des Dramas, in 
dem Historischen, dessen Notwendigkeit, bei der großen 
Gleichgiltigkeit der meisten gegen alle und jede tiefere 
Motivierung sie nicht begreifen." Nebenbei: mehr als 
sein Mißgeschick als Dichter empfand er sein Ungemach 
als Mensch. Seine Frau spielte mit Hingebung und 
erzielte „für ihre wunderbare Leistung" keinen Erfolg. 
Zu Hause lag sein Kind schwer erkrankt danieder. „Ein 
schmerzreicher, qualvoller Abend für mich als Mensch"... 
Klaren Blickes und sicheren Gefühls hatte Hebbel er 
faßt, was dem Publikum gefehlt. Mehr noch als bei 
seinen andern Dramen ist die nachschürfende Aufmerk 
samkeit des Zuschauers, sein Mitempfinden der seinen 
psychologischen Begründungen, sein Sichversenken in die 
Dichtung nötig, um ihr den Erfolg zu sichern, der ihr 
gebührt. Zwar auch diese Tragödie entläßt uns nicht 
in reiner Erhebung. Auch in rhr finden wir zu viel 
sorgsam Ausgetifteltes. Das Verhältnis des liebenden 
Paares ist voll mystischer Beigaben. Übermenschlich, 
unserm Empfinden entrückt, ist manches. Es ist eben ein 
ganzer Hebbel. Aber trotzalledem: ein Kunstwerk feinster 
Seelenmalerei und historischer Begründung, eine Tra 
gödie, die uns mitreißt und uns in tiefbewegendem An 
teilnehmen den Atem raubt. . . . 
Wie ein Schulbeispiel zeigt das Stück, wie der Künstler 
einen fast bis in alle Einzelheiten überlieferten Stoff 
behandeln soll und die nüchternen Vorgänge, die uns — 
lesen wir sie bei Flavius Josephus — nur mit Grauen 
erfüllen, ohne an ihrer Tatsächlichkeit zu ändern, durch 
Psychologische Motivierung in das Reich der höchsten 
Kunst entrücken kann. Er weiß wirklich, wie er von 
sich rühmt, „Ereignisse und Handlungen aus den all 
gemeinen Zuständen der Welt, des Volkes und der Zeit 
hervorgehen zu lassen, das Fieber des Herodes aus 
der Atmosphäre, in der er atmete, und diese aus dem 
dampfenden vulkanischen Boden, auf dem er stand, zu 
entwickeln". Aber zu diesem geschichtlichen Gemälde 
schasst er aus hohem Ingenium ein neues Moment. 
In die Seele der Mariamne weiß er sich zu versenken, 
sie bis in die letzten Fibern bloßzulegen und uns damit 
das Gräßlich-Entsetzliche als logische Konsequenz, als 
notwendig und unvermeidbar nahe zu bringen. Denn 
Mariamne ist die größte, weitaus überragende Figur 
der Tragödie, neben ihr sinkt Herodes zu einer Person 
minderen Ranges herab. Über manches, was er tut, 
schütteln wir verwundert den Kopf, — sie handelt nach 
deutlich erkennbaren, unanfechtbaren, kristallklaren, in 
ihrer ganzen Persönlichkeit begründeten, seelischen Mo 
tiven. E r tut zuweilen, was er will, s i e nur, was 
sie muß . . . 
Zweimal hat der Dichter dasselbe Motiv verwendet. 
Zweimal wird, ohke daß eine Steigerung damit ver 
bunden wäre, Mariamne „unter das Schwert gestellt". 
Das ist von so vielen Dramaturgen und Literatur 
historikern schon getadelt worden, daß es überflüssig ist, 
ein Wort darüber zu verlieren. Aber der Mariamne 
gibt diese Wiederholung Anlaß, ihren Charakter, oder 
vielmehr den weiblichen Charakter überhaupt, in neuem 
Lichte zu zeigen. Sie ist eine der größten und hoheits 
vollsten Gestalten der deutschen Literatur, ja vielleicht des 
gesamten Schrifttums. Den Brudermord kann sie dem 
Geliebten verzeihen; daß dieser, den sie so hoch gesehen, 
so klein geworden ist vor ihrem Blick, treibt sie in den 
Tod. Und wenn Hebbels sorgsamer Biograph Kuh 
meint, der Zuschauer sehe ein Experiment, nicht die 
tragische Besiegelung eines Naturakts, sein Gefühl spinne 
sich nicht an dem tragischen Konflikt leidenschaftlich 
weiter, sein Geist didaktisch an der Idee, — so hat ihn 
die Kasseler Aufführung mit der deutlich merkbaren 
starken und tiefen Anteilnahme des gesamten Publikums 
sicher ins Unrecht gesetzt. Hat man den Schauder über 
des Herodes Despotentum, der ihn in orientalischer 
Selbstüberhebung zur ersten Tat treibt, überwunden, so 
fließt uns alles aus seelischen Motiven, die uns ins 
tiefe Dunkel zwar der Menschennatur blicken lassen, 
die — um Hüibel selbst reden zu lassen — das Maß 
des Gewöhnlichen überschreiten, eine dämonische Kette 
bilden, aber tief begründet und unausweichbar sind. 
Daß uns das Hoftheater die Tragödie vorgeführt, sie 
mit außerordentlicher Sorgfalt einstudiert, mit hin 
gebungsvoller Arbeit den dichterischen Absichten ent 
sprechend gestaltet, dafür gebührt allen, die daran mit 
gewirkt, aufrichtiger Dank. HofsenÜich sorgt der Kunst 
sinn, der sonst unsern Mitbürgern nachgerühmt ioird, 
daß „Herodes und Mariamne" nicht nach ein paar 
Aufführungen wieder vom Spielplan verschwindet. Stück 
und Ausführung verdienen ein besser Los. 
Herr Sieg hat als Regisseur ganz Vortreffliches 
geleistet. In Ausstattung der Bühne, im Zusammen 
spiel, in der überaus sorgsamen Art des ganzen Arran 
gements ließ sich seine verständnisvolle Vertiefung in 
das ° Werk erkennen. Fräulein G ö r l i n g darf die 
Mariamne zu ihren besten Rollen rechnen. Ihre herbe, 
hoheitsvolle, krasterfüllte Weiblichkeit, die doch der Weich 
heit der liebenden Frau nicht ermangelte, die psycho 
logische Selbstverständlichkeit, die in ihrem Tun zu Tage 
trat, machte sie in Wahrheit zu einer jener Naturen, die 
„Jeden täuschen müssen, welcher ihnen 
„Nicht ganz vertraut, und die nicht in der Probe, 
„Nein durch die Probe selbst zu Grunde gehen, 
„Weil sie zu zart und edel für sie sind." 
Es ist, als ob sie dem Bilde voll gerecht geworden, das 
Hebbel von der Mariamne in einem Brief an Professor 
Zimmermann im Mai 1850 entwirft: „Sie vermag 
so wenig mehr mit, als ohne Herodes zu leben, sie 
vermag ihre Liebe zu ihm aber nur mit dem Dasein 
selbst zu ersticken, und 'daß ihre Liebe in den letzten 
Momenten die' Gestalt des Hasses borgt, dürfte tief in 
der weiblichen Natur begründet sein." Lückenlos gelang 
ihr die schwere psychologische Motivierung und setzte 
sich in künstlerisch untadelhafte Handlung um. Herr 
Hahn hatte als Herodes Kraft und Feuer, Despoten
	        

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