Full text: Hessenland (30.1916)

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hoben hatten, ein gleiches zu tun. Da brauste der 
Kurprinz gereizt auf, erklärte, e r habe das Zeichen 
zum Setzen zu geben, und befahl dem Kammer 
herrn seiner Mutter, alle Damen, die der Würden 
träger zuerst, noch einmal aufstehen zu lassen. 01 ) 
Und wieder ein Jahr später schien der Friede 
zwischen Mutter und Sohn von neuem gefährdet.^) 
Die Ehrendame der Kurfürstin, Fräulein Ernestine 
v. Buttlar gen. Treusch, war zur Konfliktszeit in 
Augustes Hofstaat eingetreten und in ihrer Stel 
lung nur durch den Kurfürsten bestätigt worden. 
Der Kurprinz hatte sie nicht anerkannt, ihr Name 
wurde infolgedessen im Hof- und Staatshandbuch 
nicht geführt. Fräulein v. Buttlar wünschte sich 
nun mit einem Herrn v. Stockhausen, dem Sohn 
des Hofmarschalls des Prinzen Albrecht von 
Preußen, zu verheiraten, traf alle Vorbereitungen, 
holte aber nicht die Einwilligung des Regenten 
dazu ein, weil sie deren nicht zu bedürfen glaubte. 
Friedrich Wilhelm glaubte indessen an eine Ach 
tungsverletzung und ließ den Kasseler Pastoren 
einschärfen, die Trauung nur dann vorzunehmen, 
wenn Frl. v. Buttlar seine schriftliche Genehmigung 
beibringe. In dieser Verlegenheit schrieb Stock 
hausen nach Berlin und erhielt von dort auf Ver 
wendung des Prinzen Albrecht nicht nur Pässe für 
sich und seine Frau, sondern auch die Benach 
richtigung, daß jeder preußische Pfarrer ermächtigt 
sei, seine Ehe sofort ohne vorheriges Aufgebot ein 
zusegnen. Aber würde Frl. v. Buttlar uuaufgehalten 
die Grenze passieren können? Durfte sie die Kur 
fürstin in Begleitung eines Herrn verlassen, der 
noch nicht mit ihr verheiratet ivar? Prinz Albrecht 
stimmte für eine Entführung und traf unter der 
Hand in Kassel ein, um alle Wege zu ebenen. 
Auguste sträubte sich aber gegen diesen Plan, zitierte 
einen Pastor aus der Umgebung, dem das kur- 
prinzliche Verbot unbekannt geblieben war, bat ihn, 
das junge Paar in ihrem Palais zu trauen und 
ließ erst, als aus dem Fräulein v. Buttlar am 
19. April 1839 eine Frau von Stockhausen ge 
worden war, ihre ehemalige Ehrendame mit reichen 
Geschenken bedacht in ihre neue Heimat abreisen.^) 
Derartige Meinungsverschiedenheiten machten es 
Auguste zum Bedürfnis, stets einen ihr persönlich 
sympathischen Gesandten ihres Bruders zur Hand 
zu haben: ein Wunsch, dem das Berliner Mini 
sterium des Äußern nach Abberufung des ener 
gischen Freiherrn v. Canitz (Oktober 1837) durch 
Entsendung des Herrn v. Thun entsprach.^) Ink * 62 63 * * * 
61 ) Bericht Cabres, 25. Februar 1838. 
62) Bericht Cabres, Mai 1839. 
63) Frau Ernestine v. Stockhausen wurde am 9. No 
vember 1855 Witwe und starb am 24. Februar 1889 
in Loschwitz. 
6*) Bericht Cabres, 4. September 1837. 
großen und ganzer: hatte aber der Chevalier de 
Cabre recht, wenn er seiner Regierung meldete, 
daß sich ihre Beziehungen zum Kurprinzen nun 
mehr in einer für sie recht befriedigenden Art ab 
wickelten.^) Beide Teile kamen eben über die 
Gräfin Schaumburg nicht hinweg; beide trugen 
in ihrer Weise an der Entfremdung schuld, die sie 
jahrelang getrennt, beide mußten des ewigen Ha 
ders müde sein und Friedrich Wilhelm überdies 
fühlen, daß sein Benehmen -in Kassel dauernde 
Verurteilung fand. So konnte die Kurfürstin 
wieder einmal ihren Geburtstag in Ruhe feiern 
und die Glückwünsche ihrer Kinder entgegennehmen; 
am 1. Mai 1838 fand zu ihren Ehren sogar ein 
Familiendiner auf Wilhelmshöhe statt, an dem die 
Prinzeß Karoline und die Kinder ihrer Schwester, 
der Königin von Holland, Prinzeß Albrecht von 
Preußen und Prinz Wilhelm von Oranien, teil 
nahmen 66); das erste Mal beiläufig, wo die Gräfin 
mit einer nicht dem Kurhaus ängehörigeu Fürstin 
speiste. Noch im selben Jahr hatte Auguste die 
Freude, Friedrich Wilhelm mit dem Herzog und 
der Herzogin von Meiningen versöhnt zu sehen. 
Freilich war ihre Gesundheit damals schon er 
schüttert. Am 24. Oktober 1838 hatte sie einen 
unglücklichen Fall getan, der ihr einen Ober 
schenkelbruch zuzog; sie war zur Erholung nach 
Meiningen gegangen, und dort suchte sie der 
Kurprinz auf, um sich nach ihrem Befinden zu 
erkundigen. Sein unerwartetes Erscheinen bildete 
einen der letzten Lichtblicke ihres Lebens; zu 
Tränen gerührt äußerte sie damals zu ihrer Um 
gebung, nun wolle sie den Himmel für ihren 
Sturz segnen, habe er doch ihr und den Ihren die 
Liebe des Sohnes wiedergegeben. Am 11. April 
1839 kehrte sie nach Kassel zurück. Die ganze 
Stadt war ihr jubelnd entgegengezogen, während 
die Bürgerwehr bis zur Schönen Aussicht Spalier 
bildete, wo ein Teil der kurhessischen Garde 
präsentierte. Am - Tor erwartete sie der Stadtrat 
mit dem Bürgermeister Schomburg an der Spitze, 
der an den Schlag herantrat und sie mit einer 
herzlichen Ansprache begrüßte. Die Kurfürstin 
konnte nichts erwidern; sie weinte ergriffen in ihr 
Taschentuch hinein. Vor dem Bellevueschloß hatte 
sich der Regent mit der Generalität und dem Hof 
eingefunden; und wenn er auch noch kurz vor 
seiner Mutter Ankunft geäußert: „Die Hessen 
scheinen in sie verliebt zu sein —! Was sie um 
sie für Torheiten machen!" 67), so eilte er doch, 
als der Wagen hielt, auf Auguste zu und schloß 
sie unter den brausenden Ovationen der Zuschauer 
66) Bericht Cabres, 5. Juni 1837. 
6«) Bericht Cabres, 14. Mai 1838. 
67) Bericht Cabres, Mai 1839.
	        

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