Full text: Hessenland (30.1916)

grundstück ist im Gegensatz zur Allmende, dem 
Gemeindeeigentum, also losgelöst und abgesondert 
aus Flurzwang und gemeiner Nutzung als Sonder 
eigentum eines einzelnen (Kirche, König, Fürst) 
oder mehrerer einzelner und daher außerhalb der 
Feldflur liegt, meist in unmittelbarer Nähe des 
Dorf- oder Stadtgebietes, so erklärt es sich, daß die 
BntterherZe oder Buttermarken vielfach bis zum 
heutigen Tage noch Außenteile eines Stadtbezirkes 
bilden. So ward es möglich, daß das unverständ 
lich gewordene alte hinnäa in seiner verwitterten 
und abgegriffenen Form später auf niederdeutschem 
Boden begrifflich mit ndd. hüten „außen", „außer 
halb" infolge des Gleichklangs zusammenfallen 
konnte. Aber vom wissenschaftlichen Standpunkt 
muß eine Herleitung von hüten abgelehnt werden. 
Zugleich ist „am Bnttermarkt" ein interessantes 
Beispiel dafür, wie ein alter Flurname bis zur 
Unkenntlichkeit derart umgestaltet werden kann, 
daß man allen Ernstes eine neuere Schicht der 
Umdeutung für die Urform zu halten geneigt ist, 
dies Beispiel aber auch eine Mahnung für die Flur 
namenforscher, sich nicht mit der ersten besten Deu 
tungsmöglichkeit zu begnügen, wenn die äußere 
Form eines Namens klar zutage zu liegen scheint. 
Gerade solche Namen, die auf den ersten Blick 
dem Verständnis keine Schwierigkeiten zu bieten 
scheinen, sind oft mehrmals umgedeutet worden. 
Der kurhessische Familienzwist 
in den letzten Jahren der Kursürstin Auguste. 
Nach ungedruckten Dokumenten aus dem Pariser Ministerium des Äußern. 
Von Di. Joachim Kühn. 
(Schluß.) 
IV. 
Da suchte kein anderer als Radowitz noch ein 
mal zu vermitteln. Nicht aus Sympathie für seinen 
ehemaligen Schüler; die war längst verflogen. 
„Alles hierhin Gehörige wird stets eine der trübsten 
Erfahrungen meines Lebens sein", hatte er noch 
vor kurzem an seinen Freund Ruhl geschrieben?") 
Aber die Sehnsucht nach Kassel, „diesem Schau 
platz vieler ungereimter Meinungen", wie er jetzt 
urteilte, hatte ihn schon im November 1834 auf 
den „niedrigen Gedanken einer Schnellpostreise" 60 61 * * * * 54 ) 
nach Kurhessen gebracht, und im März des fol 
genden Jahres war er bei Canitz eingetroffen. 
Beide hatten sich über die Mißverhältnisse im 
Schoß der kurfürstlichen Familie ausgesprochen und 
Radowitz war gleich nach seiner Rückkehr bei seinem 
Freunde, dem preußischen Kronprinzen, vorstellig 
geworden, die 1829 so jäh abgebrochene Vermitt 
lungsaktion 52 ) zum letztenmal aufzunehmen. Der 
Kronprinz war sofort Feuer und Flamme; aber 
wie sollte er die zerrissenen Fäden wieder an 
knüpfen, ohne sich einer Mißdeutung auszusetzen? 
Er zögerte. Endlich bat er die Herzogin von 
Meiningen, ihn in der delikaten Angelegenheit zu 
unterstützen. Diese sagte ihre Hilfe zu und setzte 
sich mit ihrem Bruder in Verbindung, erzielte 
60 ) 22. Januar 1832; zuerst veröffentlicht durch W. 
Rogge-Ludwig in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung 
Nr. 103 vom 13. April 1888. 
61 ) An Ruhl, 14. November 1834; Allgemeine Zei 
tung 1892, Beilage, Nr. 228. 
Vgl. darüber meinen Aufsatz: Varnhagen von 
Enses Sendung nach Kassel und Bonn (1829); im 
„Hessenland" 1914, Nr. 7 bis 12. 
aber so niederschmetternde Ergebnisse, daß sie schwer 
erkrankte. Kurz darauf traf der Kronprinz mit 
dem Herzog von Meiningen in Teplitz zusammen, 
erfuhr alles und suchte nun wenigstens den Frieden 
zwischen den beiden Geschwistern wiederherzustellen. 
Am 10. November griff er zur Feder und beschwor 
„Vetter Fritz" voll herzlichen Vertrauens, „das 
Erste das Beste" zu tun, was sein Herz ihm ein 
gebe, um den Konflikt aus der Welt zu schaffen; 
„nur einen Beweis der Liebe, sei's eine teil 
nehmende Erkundigung zu Meiningen, ein Paar 
Zeilen von Deiner Hand, ein kleines Angebinde 
so recht geschwisterlich, späther vielleicht einen kurzen 
Besuch", schrieb er ihm?^) Der Regent wollte aber 
von einer Aussöhnung nichts wissen. In seiner 
Antwort verbat er sich jede unberufene Einmischung 
und dies in so schroffen Wendungen, daß der Kron 
prinz nur tiefentmutigt „den Wisch" an den Her 
zog von Sachsen-Meiningen weiterschicken und ihn 
bitten konnte, seiner Gemahlin nichts davon zu 
sagen, „da der Brief des sauberen Vetters an seine 
Schwester", wie er am 24. November 1835 Rado 
witz mitteilte, „möglicherweise ebenso taktlos sein 
kann als der an' mich, und vielleicht auf mich 
Bezug genommen worden"?^) Und Radowitz, der 
sich seinerzeit vorgeworfen haben mochte, zu rasch 
den Stab über seinem Schützling gebrochen zu 
6S ) Carl Preser, Die letzte Schwester des letzten Kur 
fürsten: „Hessenland" 1888, S. 22/23. 
54 ) Paul Hassel, Joseph Maria von Radowitz, Bd. I, 
Berlin 1905, S. 254/55. Preser behauptet a. a. O., 
daß sich der Kurprinz „als guter Bruder" „natürlich" 
mit seiner Schwester ausgesöhnt habe.
	        

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