Full text: Hessenland (30.1916)

ssga, 62 
Aus dem Kasseler Kunstleben. 
Zusammen mit einer kleinen, aber sehr lehr 
reichen historischen Schau, die mit etwa vierzig 
Bildern des Münchener Leibl-Kreises und Werken 
früher süd- und norddeutscher Impressionisten einen 
Überblick üben die Entwicklung des modernen Realis 
mus und der Freilicht-Malerei in Deutschland 
gewährt, zeigt der Kasseler Kunstverein z. Zt. 
Kollektivausstellungen des Akademiedirektors Olde 
und zweier Maler, die vor einigen Jahren in 
seiner Gefolgschaft nach Kassel kamen: Georg Bur- 
mester und Rudolf Siegmund. 
Hans Olde, der bereits ins sechzigste Lebens 
jahr eingetreten ist, wird in der Kunstgeschichte als 
einer der ersten genannt, die aus Paris die Lehren 
der pointillistischen Malerei nach Deutschland 
brachten, jener Technik also, deren Eigentümlichkeit 
cs ist, farbige Flächen in Punkte reiner Farben 
aufzulösen, deren Synthese dann dem Auge des 
Beschauers überlassen bleibt. Aus der pointil 
listischen Periode Oldes sind nur wenige Arbeiten 
in der Ausstellung zu sehen. Am besten läßt die 
schöne Landschaft „Pappeln vor einer alten Stadt" 
erkennen, welche Steigerung optischer Wirklichkeits 
illusion er mit dieser auch als Neoimpressionismus 
bezeichneten Punkt-Malerei erreicht hat. Man ver 
meint, ganz unmittelbar in der erwähnten Land 
schaft das Vibrieren der warmen Luft und die 
charakteristische zitterige Bewegung des Pappel- 
laubes zu sehen. Die meisten Landschaften Oldes 
sind aber doch dem Stile nach Werke des älteren, 
kompakterund mit breiten Pinselstrichen arbeitenden 
Impressionismus, so seine niederdeutschen Land 
schaften, unter denen das „Rote Haus im Schnee" 
mit der eindringlich empfundenen winterlichen 
Luftstimmung besonders hervorzuheben wäre, dann 
auch die neusten Bilder Oldes, die ihre Motive 
bereits mit Vorliebe aus Hessen und den Nachbar 
gebieten, insbesondere aus dem Reinhardswalde 
schöpften. Zwei Waldinnere mit grellen Reflexen 
gelben Lichtes zwischen den hohen Stämmen fallen 
durch ein summarisches Zusammenfassen des Natur 
eindrucks auf und lassen durch die wuchtige, breite 
Vortragsweise an verwandte Bestrebungen Wil 
helm Trübners denken. Auch als Bildnismaler 
bietet Olde eine bemerkenswerte neue Leistung: 
ein auf Feldgrau gestelltes Bildnis des Prinzen 
Reuh XXXIII; es ist lebensvoll in der Durch 
bildung des Physiognomiken und flott in der 
Charakteristik der lässig-eleganten Haltung des 
Reiteroffiziers. 
Georg B u r m e st e r hat den ganzen vorderen 
Raum des Kunsthauses mit Marinen aus dem 
Kieler Hafen und einigen hessischen Landschaften 
gefüllt, die den Besucher mit einer verwirrenden \ 
Farbensymphonie empfangen. Der Künstler steht 
unter dem nachhaltigen Einfluß jener Gruppen, 
die das Wesen impressionistischer Kunst weiter aus 
gebildet haben, und zwar soweit, daß die Grenze 
erreicht wurde, an der aus einer analytischen, 
auflösenden Malerei wieder eine synthetische wurde. 
Es ist der Holländer Vincenz van Gogh, der diesen 
Gipfelpunkt bezeichnet, ein malerisches Genie ersten 
Ranges, eine ungestüme, elementare Malerkraft, 
die „das tausendfältige Spiel des Lichtes und der 
Reflexe mit der Energie fester Konturen bändigt, 
das Zerfließende wieder zu kompakten Einzelgebilden 
zurückzwingt. Van Gogh, Cszanne, Signac und 
andere spielen als Wegweiser eine bedeutende Rolle 
im Werk Burmesters, aber er besitzt auch wirklich 
das Können und das Temperament, ihnen zu 
folgen. Mit dem Realismus, von dem vor fast 
einen: halben Jahrhundert die moderne Bewegung 
ausging, hat diese Kunst kaum noch ein Gemein 
sames. Man empfindet richtig, wenn man die 
Marinen Burmesters mit ihren unruhevoll zer 
fließenden und doch wieder zur Form gemeisterten 
kühnen Licht- und Farbenspielen als malerische 
Phantasiestücke betrachtet, die aus freier schöpfe 
rischer Verarbeitung und Steigerung von Wirklich 
keitseindrücken hervorgegangen sind. 
Sehr viel leichter ist ein völliges Verstehen und 
Genießen der Arbeiten Rudolf Siegmunds. 
Man darf zugeben, überrascht zu sein, wie viel 
neue Schönheiten der heimischen Landschaft seine 
lichtfrohe Kunst erschließt. In blühenden, köstlich 
reinen Farben schildert er den Zauber des knos 
penden Frühlings, das Erwachen des Lenzwunders 
am Laufe eines mit Weiden bestandenen Baches, 
die Herrlichkeit der Obstbaumblüte, die sonnige 
Pracht eines Waldinnern, den schweren Duft des 
Hochsommers, die drohende Schwüle eines Gewit 
ters, das über gelben Ährenfeldern aufzieht, die 
Traulichkeit stiller Fuldadörfer, und so manche 
andere Stimmung noch, die mit ihrer Wahrheit 
und Feinheit allesamt darauf hinweisen, daß die 
Kraft dieses Künstlers aus innigstem Naturerleben 
kommt. Zu den schönsten Gaben Siegmunds ge 
hören ferner seine Blumenstilleben, wahre Kabinett 
stücke eines hochkultivierten Farbengeschmacks und 
ausgezeichnet durch die klare räumliche Anordnung. 
Auch als Porträtmaler folgt Siegmund seiner 
Freude an koloristischen Reizen, ohne die eigent 
liche Bildnisaufgabe zu vernachlässigen. 
Die Ausstellung, die auch vom Publikum als ein 
besonderes Ereignis im Kunstleben Kassels emp 
funden wird, bleibt noch in der ersten Märzwoche 
geöffnet. 
Ernst Zöllner.
	        

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