Full text: Hessenland (30.1916)

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Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten?) 
Aufzeichnungen eines Offiziers aus Frankfurt am Main. 
Ich sage es vorweg: dies ist eines der unter 
haltendsten, fesselndsten, in seiner Art bedeutendsten 
Memoirenwerke, das mir je vor Augen gekominen 
ist. Zugegeben, daß der Verfasser seine unend 
lichen Liebesabenteuer mit größter Selbstgefällig 
keit herauszustellen beflissen ist, der Wert seiner 
Aufzeichnungen offenbart sich in der realistischen, 
rücksichtslos wahren Schilderung einer vergangenen, 
merkwürdigen Epoche und in der vollendeten Zeich 
nung der Charaktere, wie sie sich mit Natur 
notwendigkeit in diesem Zeitabschnitt entwickeln 
mußten. Läßt man die weit ausgesponnenen Denk 
würdigkeiten objektiv auf sich wirken, erkennt man 
darin bei aller Zügellosigkeit des Autors, bei all 
seinem Bekenntnisdrang in Rousseauscher Manier 
ein energisches Frontmachen, eine glänzend auf 
gebaute Reaktion gegen die Kultur, der das Siegel 
des Napoleonismus aufgeprägt war. 
Im Sommer 1789, zu einer Zeit, da die ersten 
Fcuersäulen der französischen Revolution ihren 
blutroten Schein über die Lande werfen, erblickt 
Frölich, der Memoirenschreiber (mit seinem wahren 
Namen heißt er Friedrich), zu Frankfurt am Main 
das Licht der Welt. Dem helläugigen Jungen 
begegnen die französischen Emigranten, die die 
deutsche Gastfreundschaft und Gutmütigkeit mit 
Lümmeleien und Frechheiten erividern. In Frank 
furt hatten sie unter der Judenschast willige Geld 
geber gefunden. Frölich schildert das Frankfurter 
Ghetto: „Diese braun und schwarz geräucherten 
Häuser gewährten einen grausigen Anblick und 
waren wahre mit Schmutz angefüllte Kloaken. Die 
Juden waren gezwungen, kleine Mäntel mit einem 
gelben Läppchen zu tragen, damit man sie schon 
von weitem als solche erkennen konnte, sie hatten 
sämtlich ein höchst elendes, kränkliches Aussehen, 
eine braungelbliche Hautfarbe, und waren fast alle 
mit ekelhaften Krankheiten und der Krätze be 
haftet, die natürlichen Folgen des Einsperrens in 
ungesunder Luft." — Die französischen Revolutions- 
Heere überfluteten die deutschen Gaue. In Rhein 
hessen wurden Freiheitsbäume aufgepflanzt, und 
die französischen Soldaten ermunterten, ja zwangen 
das Volk, drumherum zu tanzen. Man gewahrte, 
daß ehrbare Kaufleute, Kapuziner, Magistrats 
personen, Nonnen und Mönche in allen Farben, 
wie durch Oberons Horn toll gemacht, die selt 
samsten Bocksprünge vollführten. In dieser tur 
bulenten Zeit empfindet der junge Frölich den 
Zwang der Schule doppelt lästig. In Homburg 
wird unter der Obhut seiner Verwandten der Ver 
such gemacht, ihm einige Kenntnisse beizubringen. 
Er entwickelt sich als Pousseur, spielt Theater 
und faßt — ein zweiter Wilhelm Meister — den *) 
*) Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten, 9 
Bände, Berlin bei Fleischet & Co. 
Entschluß, Komödiant zu werden. Auf der Stelle 
brennt er durch, fährt nach Weimar, um Goethe 
für seinen Plan zu gewinnen. „Er sah der Frau 
Rat, seiner Mutter, ähnlich, war von ziemlich 
hoher Starur, kam mir etwas breitschultrig vor, 
trug das Haupt hoch, und in seinen Mienen drückte 
sich ein mich abschreckender Ernst, ja sogar Strenge 
aus. Die ganze Figur kam mir steif und ab 
gemessen vor, und vergeblich suchte ich in seinem 
Gesicht einen Zug, der.mir den Verfasser von 
Werthers Leiden oder Wilhelm Meisters Lehr 
jahren verraten hätte." Stockend und stotternd 
bringt Frölich sein Anliegen vor, Goethes Gesicht 
verfinstert sich, verfinstert sich noch mehr, als er 
erfährt, daß die Lektüre des Wilhelm Meister den 
Jüngling zu diesem Geniestreich angeregt habe. 
Er erkundigt sich, wo sein Landsmann abgestiegen 
sei, sagt ihm, er solle einstweilen in seinem Gast 
hof bleiben, er werde das weitere schon hören. 
Frölich begibt sich darauf zu Schiller, der ihn sehr 
freundlich aufnimmt und dem er Ferdinands Mono 
log „Verloren, ja Unglückselige", ferner ein Stück 
aus der Glocke vorträgt. „Sie sind allerdings 
nicht ohne Talent für die Kunst", gibt Schiller 
sein Urteil ab, „wenn Sie es an Mühe nicht fehlen 
lassen, so können Sie es weit bringen, ich will 
mit Goethe sprechen, der allein kann hier etwas 
für Sie tun." Goethe hatte einen minder guten 
Eindruck von dem Theateraspiranten gewonnen. 
Er schrieb nach Frankfurt, man möge sich beeilen, 
den Ausreißer einzufangen. Sehr bald erschien 
denn auch der Onkel Oberpfarrer in Weimar und 
nahm den „heillosen Strick" mit nach Hause. 
Dieser gibt nun sein Theatergelüste auf und wird 
mit Bewilligung seiner Eltern als Offiziers 
anwärter in ein französisches Regiment eingestellt, 
das in Mainz unter der Ägide eines deutschen 
Fürsten kombiniert und ausgebildet werden sollte, 
um später nach Frankreich zu marschieren. Rasch 
wird seine militärische Begabung offenbar. Zum 
Unterleutnant befördert, lernt er Land und Leute 
in Frankreich kennen. In Toulon sieht er auf den 
Galeeren Geistliche, einen ehemaligen Bischof, hohe 
Militärchargen, zwei Generäle, Richter, Notare, 
Kriegskommissare, Ärzte, Künstler, Handwerker, 
Bauern und Taglöhner aneinander geschmiedet: 
alle hatten Verbrechen der gröbsten Art begangen. 
Von Toulon gelangt unser Held nach Genua. 
Hier stöbert er im Gedenken an Schillers Fiesko 
einen Grafen dieses Namens auf, der aus seine 
begeisterte Anrede erwidert: „Ma Signor Uffiziale, 
non capisco niente, Cosa e questo Skiller?“ Un 
geachtet seines Dienstes findet Frölich Zeit, sein 
musikalisches Talent zu pflegen, er hat eine gute 
Stimme und macht die entzückten.Genueserinnen 
mit Mozarts Don Juan bekannt. — Die Belage 
rung von Gaeta gibt ihm Gelegenheit, sich im
	        

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