Full text: Hessenland (30.1916)

ner, Schließerin, beide Bäcker, Mollenarzt, Müller, 
Weingärtner, Wagner, Kornmutter. Je zwei Gänse 
erhalten das Viehhaus, die Schäfer zusammen, 
die vier gemieteten Tagelöhner, der Wagenstall 
und der Ackerstall: vier Gänse gehen nach Görz 
hausen und vier nach Merzhausen, wenn beide 
Güter in Ordenslast und Lohn (d. h- nicht ver 
pachtet sind). Das macht zusammen 40 Gänse. 
4. W e i n. Folgt, wem der Gastknecht regel 
mäßig Wein gibt. 
a) den Rittern: Wenn ein Ordensherr morgens 
fortreitet und an der gemeinsamen Mahlzeit nicht 
teilnimmt, oder erst nach der Mahlzeit wieder 
kommt, gibt ihm der Gastknecht auf Begehr jedes 
mal 1/2 Maß .. .-Wein. Desgleichen, wenn ein 
Ordensherr Küchenmeister ist, gibt er ihm zu jeder 
Morgen- und Abendmahlzeit, wo er nicht zum 
Remter kommen kann, V 2 Maß. (Offenbar stand 
also jedem Herrn am Tisch dasselbe zu.) 
b) Knecht, Meister usw. im Remter. Auf Christi 
Geburtstag, Sonntag Estomihi, Ostertag, Maitag, 
Pfingsten, Martinsabend (11. Nov.) und St. 
Elisabethentag (19. Nov.) erhalten reisige Knechte 
und Meister, die Köche in der Küche, jeder \k Wein, 
auf Fastnacht nach besonderer Verordnung des 
Landkomthurs. Der Mollenarzt erhält Ostern 
3/4 Wein. 
5. Getränke (= Bier). Das gesamte Ge 
sinde, das nicht zum Remter geht, bekommt Bier 
in eigenen gewöhnlichen Kannen, die aber nicht 
mehr als zwei Maß enthalten dürfen. In der 
Küche bekommen der Küchenmeister und der Meister 
Koch um 7 Uhr, 9 Uhr, 2 Uhr, 4 Uhr und 
7 Uhr abends jedesmal eine Kanne (2 Maß) 
Herrenbier, die Küchenjungen ebensoviel 
Meisterbier. Meisterbier bekommen der Hof 
mann und seine Frau, die Schließerin, Bäcker, 
Bender, Stubenheizer täglich 4 Kannen zu 5 Maß, 
wenn sie backen, sonst nur 2 Kannen. Auch Mar- 
ställer und sein Geselle, Schmiede, Schreiner, Lust- 
gärtner, die Leute, die auf der Baumgartenwiese 
Sommerheu machen, in der Scheune oder auf dem 
Acker helfen, erhalten außerhalb der Mahlzeit 
Meisterbier. Junkergetränk bekommen Wag 
ner, Haubender, Feldschütz, Baumgärtner, Lust 
gärtner, Weingärtner, Pförtner, Meierin, Tage 
löhner, Drescher. Gesindetrinken (Gesinde 
bier) erhalten beim Stubenhitzer die Siechen, 
Wagen- und Ackerknechte, Schäfer, Viehmägde, 
Mühlenjungm und Tagelöhnersfrauen. 
(Unterschrift:) 
Hildebrand Meier (Name oder Titel), 
sie oollegi et scripsi anno Christi 1580." 
Fassen wir zum Schluß uoch einmal die im 
obigen zerstreut genannten Personen zusammen, 
so finden wir: 
I. 7 Ritter: Landkomtur, Trappierer, Vogt, 
Zinsmeister, Hospitalmeister, Marschall, Küchen 
meister. 
II. 14 Knechte: Schreiber des Landkomturs, 
Leibdiener, Marställer, reisiger Knechtz Stalljunge, 
Schreiber des Trappierers, Knecht des Vogtes, 
des Zinsmeisters, Gastknecht, Opfermann, Organist, 
Herrenkoch, Gesindekoch, Marställergeselle. 
III. 11 Meister: Der Bender und sein Geselle, 
Schmied, Schmiedsknecht, Oberbäcker, Unterbäcker, 
Schreiner, Schreinergeselle, Lustgärtner, Bierkeller, 
Kornmutter oder Bierbrauer. 
IV. Sonstiges Gesinde; männliches: 4 Wagen 
knechte, 2 Ackerknechte, Küchenjungen, Wagner, 
Weingärtuer, Stubenheizer, Steindecker mit Ge 
sellen, Pförtner, Baumgärtner, Feldschütz, Hau- 
bcnder, Kuhhirte, Mollenarzt und Müllerjunge, 
5 Schäfer, 2 Ackerjungen, 4 regelmäßige Tage 
löhner, Schweinehirt; weibliches Gesinde: Hof 
frau, Schließerin, Meierin, 2 Viehmägde, Sau 
magd, Krautfrau, Hospitalköchin. 
Wir sehen also den Deutsch-Ordens-Hof in Mar 
burg als ein wirtschaftlich fast völlig unabhängiges 
Gemeinwesen; abgesehen von den seltener gebrauch 
ten Handwerken ist jedes Handwerk, z. T. mehrfach 
vertreten: Schreiner, Schmied, Bäcker, Bender, 
Gärtner, Bierbrauer, Wagner, Müller; so werden 
fast alle Bedürfnisse des Hauses von ihm selbst 
oder den zinspflichtigen Höfen erzeugt und die 
Erzeugnisse verarbeitet. Auch auf die Größe des 
damals selbst bewirtschafteten Besitzes, Gärten, 
Wiesen, Ackerland und Weiden in Marburg, dazu 
die Höfe von Weidenhausen und Merzhausen, 
können wir aus dem Vorkommen von allein 3 
Gärtnern, 7 Schäfern und Hirten, 3 Viehmägden, 
den Tagelöhnern usw. schließen, endlich ergibt die 
Urkunde ganz interessante Hinweise auf das Leben 
im Deutschen Hause, z. B. das Festhalten der Fasten 
vorschriften, Verkehr mit den landgräflich hes 
sischen und städtischen Beamten, die Wohltätigkeit 
des Ordens, die soziale Wertung der verschiedenen 
Schichten, Knechte, Meister, Gesinde, die für unsere 
Vorstellungen äußerst reichliche Ernährung, beson 
ders der Ritter und Knechte, starken Alkoholgenuß, 
Bier z. B. schon früh 7 Uhr täglich, und zwar 
in vier Arten gebraut. So mag der Spottvers, 
den man in der Zeit des Verfalls über die Deutsch- 
Ordensherren gemacht hatte: „Kleider aus und 
Kleider an, Essen, Trinken, Schlafengahn, ist die 
Arbeit, so die Deutschherrn han" wohl auch in 
Marburg einige BerechUgung gehabt haben. 
-4K--8-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.