Full text: Hessenland (30.1916)

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fein; versöhnliche Stipulationen, für deren Ein 
haltung sich Friedrich Wilhelm dem preußischen 
Gesandten gegenüber ehrenwörtlich verbürgte. Be 
reits am 24. machte er Auguste seine Aufwar 
tung 34 ), am 30. dankte ihm die Bürgerwehr mit 
einem Fackelzug. Der Geburtstag der Kursürstin 
konnte endlich einmal ohne Ruhestörungen gefeiert 
werden: der Kurprinz fuhr am Morgen zu seiner 
Mutter nach Augustenruhe hinaus, zur Tafel er 
schienen die Minister, das diplomatische Korps, die 
Spitzen der Zivilbehörden, des Militärs und der 
Bürgerwehr; begeistert wurde Augustes Gesund 
heit ausgebracht, und der Tag ging in bester 
Stimmung zuende. 
III. 
Freilich hatte sich der Regent durch sein viel 
leicht allzu weites Nachgeben zwischen zwei Stühle 
gesetzt: weder seine Frau noch sein Vater waren 
mit dieser Wendung zufrieden. Als er kurz dar 
auf über Fulda, Hanau und Frankfurt nach Wies 
baden reiste und sich beim Kurfürsten melden 
ließ, ivies ihn Serenissimus zürnend von seiner 
Schwelle. * 33 ) Und Gertrude erkrankte vor Auf 
regung; sie mußte den Geheimen Hofrat Harnier 
konsultieren, ging nach Pyrmont ins Bad und zog 
sich dann nach Wilhelmshöhe zurück, wo sie sich 
noch im September aufhielt. 33 ) Unter diesen Um 
ständen schrumpfte die Bedeutung der Übereinkunft 
vom 20. April ganz bedenUich zusammen. Sie 
blieb zwar in Kraft, denn der Kurprinz hatte sein 
Wort verpfändet; aber die Feindseligkeiten mußten 
wieder beginnen, sobald Friedrich Wilhelm arg 
wöhnen konnte, die Mutter suche seiner Gemahlin 
ihre Überlegenheit fühlen zu lassen. Dieser Fall 
trat am 4. Mai 1834 ein, als die Gräfin einem 
Sohn, dem späteren Fürsten Moritz von Hanau, 
das Leben gab. Auguste begnügte sich bei dieser 
Gelegenheit damit, einfach nach dem Befinden der 
Mutter und des Kindes fragen zu lassen, ohne 
selbst bei ihrer Schwiegertochter vorzufahren. 
Friedrich Wilhelm fühlte sich dadurch verletzt und 
34 ) Bericht Cabres, 26. April 1833. 
33 ) Bericht Cabres, 15. Mai 1833. 
33 ) Berichte Cabres vom 20. Juni, 13. Juli, 18. Au 
gust, 12. September 1833. 
stellte die Forderung, seine Frau solle bei der be 
vorstehenden Grundsteinlegung zum neuen Ständc- 
haus vor der Prinzessin Karoline den Vortritt 
haben und neben der Kwrsürstin aus der Ehren 
tribüne Platz nehmen. Auguste und ihre Tochter 
weigerten sich daraufhin, an dem Fest überhaupt 
teilzunehmen, und ließen sich durch keine Macht der 
Welt umstimmen. Damit war vor den Augen der 
ganzen Residenz eine neue Kriegserklärung er 
folgt. Es kam zu persönlichen Zusammenstößen; 
in Augustenruhe fanden zwischen km Regenten und 
den beiden Damen derartig heftige Auseinander 
setzungen statt, daß an eine Aussöhnung anschei 
nend nicht mehr zu denken war. Als am 29. Juni 
die Herzogin Marie von Meiningen in Kassel ein 
traf und bei ihrer Mutter abstieg, machte Friedrich 
Wilhelm nichtsdestoweniger den Versuch, von neuem 
einzulenken. Er stellte seiner Schwester brieflich 
sein Erscheinen in Aussicht, wenn sie ihm ver 
sprechen könne, daß ihn die Kurfürstin besser be 
handeln werde als bei seinem letzten Besuch; sonst 
werde er sich freuen, sie in Wilhelmshöhe wieder 
zusehen. Die Antwort der Herzogin lautete wenig 
befriedigend: sie könne nicht dafür einstehen, daß 
die Mutter aus Rücksicht für sie ihre Anschauungen 
ändern werde, erwiderte sie; zu ihm zu kommen, 
sei undenkbar, zumal ihr nicht ganz wohl sei. 
Der Kurprinz wünschte daraufhin, sich mit seiner 
Schwester auszusprechen und begab sich am nächsten 
Tage nach Augustenruhe hinüber. Er traf dort nur 
den kleinen Erbprinzen Georg von Meiningen 37 38 ), 
wartete eine halbe Stunde und trat dann wieder 
die Rückfahrt an. Auf dem Weg begegnete er 
dem Landauer der Mutter, die mit ihren beiden 
Töchtern spazieren fuhr;, beide Wagen hielten, der 
Regent erhob sich und ging den Damen entgegen, 
die gleichfalls ausstiegen. Doch kaum waren die 
ersten Begrüßungen ausgetauscht, als Auguste ihren 
Töchtern auch schon mit einem Blick Abschied zu 
nehmen befahl und dem Gemahl der Gräfin 
Schaumburg schroff den Rücken kehrte. 33 ) Aufs 
tiefste verstimmt, traf Friedrich Wilhelm in Wil 
helmshöhe wieder ein und schwor, seine Mutter 
nie mehr behelligen zu wollen. 
37 ) Der spätere „Theaterherzog". 
38 ) So erzählte wenigstens die Umgebung des Kur 
prinzen. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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