Full text: Hessenland (30.1916)

geständnis durch ein Äquivalent bezahlt worden 
war, das mit seinen eben noch an den Tag ge 
legten Anschauungen über die Möglichkeit einer 
Scheidung seiner Eltern ziemlich wenig zu tun 
hatte, liegt nach der oben erwähnten Unterredung 
des Kurfürsten mit Wiederhold auf der Hand und 
wurde durch einen bald darauf eintreffenden Brief 
Wilhelms an seine Gemahlin wahrscheinlich ge 
macht. Serenissimus zeigte ihr darin an, daß er 
seine Zustimmung zu Friedrich Wilhelms Ehe für 
die Ruhe der Familie für nötig gehalten habe 
und riet ihr, demgemäß die Gräfin von Schaum 
burg zu empfangen oder sich nach Fulda zurück 
zuziehen?^) 
Allerdings hatte sich der Kurprinz gründlich 
geirrt, wenn er geglaubt hatte,' durch diesen Schach- 
zug seine durch den Auftritt in Wilhelmshöhe über 
seine eigentlichen Absichten getäuschte Mutter matt 
setzen zu können. Auguste ignorierte einfach die 
schriftliche Einwilligung ihres Gemahls und emp 
fing zwar ihren Sohn bei sich, weigerte sich aber 
nach wie vor, ihre Schwiegertochter anzuerkennen. 27 28 ) 
Erst als die Vermählung Anfang April 29 * 31 * * * * * ) durch 
das Auswärtige Amt den Landgrafen Karl und 
Friedrich, den Chefs der Seitenlinien Philipps- 
thal-Barchfeld und Rotenburg sowie der Herzogin 
Marie von Meiningen, der zweiten Schwester des 
Regenten, zugegangen war 8 °), schrieb sie diesem 
am 25. April, sie werde die Gräfin am nächsten 
Tage bei sich empfangen, wolle sie aber nur dies 
eine Mal sehen. Da diese Antwort keinen dau 
ernden Modus vivendi enthielt und der Gräfin 
Schaumburg von neuem nur den Rang der Gräfin 
Reichenbach zugestand, ließ Friedrich Wilhelm seiner 
Mutter durch einen seiner Adjutanten erklären, 
der verstattete Besuch seiner Frau werde nicht statt 
finden; die Zustimmung des Kurfürsten berechtige 
ihn zu größeren Erwartungen, äußerte er um die 
selbe Zeit. Daß sich Herr v. Hruby kurz darauf 
dazu bequemte, bei Frau von Schaumburg offiziell 
Besuch zu machen' 87 ), konnte nur zur Verschärfung 
des leidigen Konflikts beitragen; und so blieb er 
bestehen, bis Herr v. Hänlein im November 1832 
durch den General Freiherrn v. Canitz und Dall 
witz ersetzt wurde. 
27 ) Bericht Cabres, 7. Aprii 1832. 
28 ) Bericht Cabres, 19. Aprii 1832. 
29) Bericht Cabres, 7. Aprii 1832. 
Bericht Cabres, 2. Mai 1832. 
31 ) Bericht Cabres, 16. Mai 1832. Das dabei beob- 
achtete, reichlich ausgeklugelte Zeremoniell war soigendes: 
Hruby bat ben Kurprinzen schristlich um eine Audienz 
und machie am folgenden Tage ber Gràsin Schaumburg 
seme Aufwartung; darauf warf diesel mit seiner Ge- 
mahlin am 14. bei Frau v. Hruby Karten ab, nachdem 
er bei Frau v. Hànlein Besuch gemacht hatte. 
General v. Cauitz war ein naher Freund von 
Radowitz, der bekanntlich seinerzeit als Gouver 
neur des Kurprinzen wegen seiner Parteinahme 
für Auguste aus Kassel ausgewiesen worden war, 
und als solcher trat er energisch für eine Bei 
legung des bestehenden Zwistes ein. Er machte 
aus seinen Sympathien für Auguste keinen Hehl 
und äußerte sie bei jeder Gelegenheit. Daß er 
nebenbei von Hruby unterstützt wurde, der sich 
infolgedessen vollends die Ungnade des Kurprinzen 
zuzog und schließlich nach Braunschweig übersiedeln 
mußte, weil der hessische Gesandte in Wien, Major 
v. Steuber, auf Befehl Friedrich Wilhelms seine 
Abberufung verlangt hatte 82 ), verlieh seinem Auf 
treten zunächst erhöhten Nachdruck. Seinen Be 
mühungen gelang es, nach tausend Schwierig 
keiten 88 ) am 20. April 1833 — vielleicht unter 
dem Druck der gleichzeitigen Ereignisse in Frank 
furt — eine Verständigung zwischen Mutter und 
Sohn herzustellen, der einen vollständigen Sieg 
der Kurfürstin bedeutete. Beide Parteien kamen 
darin überein, sich so wenig wie möglich zu be 
gegnen, bei einem unvermeidlichen Zusammen 
treffen aber alle Formen zu beobachten; dafür er 
hielt Auguste die Freiheit, fortan zu tun und zu 
lassen was sie wollte, sie konnte Frau v. Schaum- 
burg bei sich empfangen, ohne dazu genötigt zu 
82 ) Bericht Cabres, 26. April 1832. Er wurde Ende 
Mai provisorisch durch den Grafen Dietrichstein ersetzt. 
Bericht Cabres, 27. Mai 1833. 
88 ) Seine Arbeit soll durch die Absicht des Kurprinzen 
erschwert worden sein, den Konflikt mit seiner Mutter 
offen zu halten, um auf diesem Wege einen neuen Auf 
stand zu provozieren und dadurch eine Intervention des 
Bundestages herbeizuführen. Cabre, der dieser Be 
hauptung in einer chiffrierten Stelle seiner Depesche 
vom 6. März 1833 Ausdruck verleiht, führt zum 
Beweis den folgenden Vorfall an: Anfang März fragte 
die Theaterdirektion beim Hofmarschall der Kurfürstin 
an, ob sie die Fürstenloge noch zu benutzen gedenke; 
wenn ja, so bitte sie, sich mit dem Regenten in die 
Beleuchtungs- und Heizungskosten zu teilen. Canitz 
riet zu antworten, die Direktion gehe ein unzweifelhaft 
feststehendes Recht der Landesmutter nichts an; sich mit 
den Unterhaltungskosten zu befassen sei der Hosmarschall 
der Kurfürstin nicht ermächtigt. Im übrigen sei er, 
Canitz, gern bereit, falls man auf der Forderung bestehe, 
persönlich alle Monat die verlangten 25 Friedrichsdor zu 
bezahlen. „Er legte bei diesen Unterhandlungen soviel 
Entrüstung an den Tag, daß man auf dies Anerbieten 
verzichtet zu haben scheint", setzt Cabre hinzu, „doch 
ist die Loge aus .Schikane dunkel geblieben. Die Räte 
des Prinzen sehen sich in das übelste Licht gesetzt, 
schreibt man ihnen doch mit Recht oder Unrecht die 
Absicht zu, auf diese Weise irgendeinen Skandal veran 
lassen zu wollen, der in Frankfurt ein Echo finden 
könnte. Nur deshalb habe ich meinen Bericht mit dieser 
schmachvollen Angelegenheit besudelt." — Der Verdacht 
war schon in der Garde-du-Corps-Nacht aufgetaucht. 
Wippermann, Kurhessen seit dem Freiheitskriege, Kassel 
1850, S. 251.
	        

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