Full text: Hessenland (30.1916)

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lini) Maria kam auf G sterri zu ihr. Sie sollte 
Zeuge ihres Glückes sein. Welch' eine Fülle von 
Freude stand ihr da bevor! 
Göttliche Lenzsonne segnete den Tag der ehr- 
würdigen Erinnerung. Ein Amsellied erklang aus 
dem knospenden Kugelahorn im Vorgarten. Da 
legte sich auf ihre Lippen ein Lied, das sie still 
für sich hinsummte. Sie wußte selbst nicht, woher 
das geflogen kam: 
„Spinn, spinn, spinn Tochter mein, 
Morgen kommt der Freier dein. 
Mägdlein spann, die Träne rann — 
Nie doch kam der Freiersmann/' 
Im Ehrenhofe des Rathauses fand für die 
Kasseler Kinder eine Festfeier statt. Schwarzes 
Kleid war verabredet. Sie wählte ein rotes Hals 
band dazu. Es galt ja einen Freudentag. 
Sonderbar, daß die Wirtin den Kaffee nicht 
brachte. Es war doch schon sieben vorbei. End- 
lich kam sie und stellte weinend das Brett hin. 
Ein Paket war zurückgekommen. Ihr Sohn sei 
sicher gefallen. Martha versuchte zu trösten, die 
amtliche Bestätigung läge doch noch nicht vor. 
Aber der Vorfall bedrückte sie arg. Sie konnte 
sich nun in der roten Schleife nicht sehen und 
wählte eine weiße. 
Das war eine erhebende Stunde, als in Wort 
und Lied der Jugend die Ehre Deutschlands vor 
die Seele trat: Bismarck. Und zu ihm gehörend 
saß auf dem Ehrenplatz die Heldenschar, die man 
aus den Lazaretten geladen. 
Ein unerklärliches Gefühl trieb sie von der Feier 
weg zum Bahnhof. Aber sie kam noch viel zu 
früh und eilte noch einmal in ihre Wohnung. 
Auf dem Tische lag ein Telegramm. 
Ihr Herz stand still, als sie es in Händen hielt 
und nicht zu öffnen wagte. Aber schließlich über 
wand sie sich. Bebend las sie: „Fritz Fent, 
Sanitätsunteroffizier, heute nacht am Typhus ge- 
storben. Sein letzter Gruß galt Ihnen. Di- <S.“ 
Sie sank auf einen Stuhl und starrte auf das 
Papier in ihrer Hand. 
Tot — war das eigentlich etwas Besonderes? 
Jede Stunde sprach das Wort tausendfach aus. 
Man redete vom Sterben wie von der Notwendig 
keit des Essens und Trinkens. Und doch — ihr 
war's mehr. Ihr Held war hin, ihre Liebe sollte 
erlöschen. Das Tor ihrer Zukunft knirschte in 
den Angeln und schloß sich schwer. 
So hatte es ihn doch noch übermocht! Aber 
wie und wo? — Lowize das lag in Polen. 
Hinreisen? Sie schlug die Karte auf. 
So weit von deutscher Erde! © Gott! Ratlos 
rang sie die Hände. Ihr Blick siel auf den Strauß 
am Fenster, ein paar Nelken, seine Lieblingsblume. 
Verzweifelt griff sie danach. Heiße Tränen tropften 
darauf. 
Sie hatte das leise Pochen an der Tür überhört. 
„Ach, Fräulein, was ist Ihnen denn?" 
Die Wirtin war's. 
„Hab' mir gleich nichts Gutes gedacht. Ihr 
Bruder, nicht wahr?" 
„Mehr, Frau Weitzel", setzte sie gefaßt hinzu 
und reichte die Depesche. 
Da umschlang sie die kleine Frau, als wäre 
sie ihre Mutter, und ihre Tränen flössen mitein 
ander. 
„Ja," sprach endlich die Frau, „wir müssen's 
tragen, Fräulein, jeder bekommt sein Teil. Mein 
sel'ger Vater sagte immer: Tragt nur euer Päckchen 
und fragt nicht lange, es nimmt's euch keiner ab. 
Am Ende aber kann's einem gehen wie dem 
heiligen Christopher, der den Heiland trug und 
wußt's nicht. Trösten Eie sich mit mir!" 
Es schlug elf. 
Erschrocken fuhr Martha herum: „Ich wollt' 
ja um elf am Bahnhof sein!" Hastig griff sie 
nach ihren Handschuhen und schoß die Treppe hinab. 
Da kam ihr schon im Ausgang Maria entgegen 
mit einer Dame in Trauer, die führte einen 
Jungen an der Hand, der sich mit einem Kranze 
schleppte. 
Maria hatte ihre Ankunft der Frau Oberförster, 
ihrer Jugendfreundin, mitgeteilt, die im Begriff 
war, einen letzten Wunsch ihres Mannes zu er 
füllen. Am 1. April sollte sein Junge am Bismarck 
turm einen Kranz niederlegen, damit er begreifen 
lerne, warum sein Vater in den Krieg gezogen 
und wofür er gestorben. 
Die drei waren da schnell miteinander bekannt. 
Martha erzählte von ihrem Vorhaben, heute nach 
mittag den Herkules zu besuchen. Die Frau Ober- 
förster wollte gern mit dabei sein. 
Feierlich standen die knospenden Bäume ringsum 
im erquickenden Lenzlicht. Die grünen Matten 
klangen auf wie eine schlichte Frühlingsweise, die 
jeder gern hat. In ftöhlichem Verweilen belebten 
zahlreiche Spaziergänger Weg und Steg. Das 
Feldgrau herrschte vor. Aber die drei Frauen 
da oben auf der Plattform hatten heute keinen 
Sinn für die strahlende Schönheit der Frühlings- 
landschaft, so sehr sich auch Marthas Bruder dafür 
begeisterte. Ihnen war vielrnehr zu Mut wie 
jenen Frauen, die am Gstermorgen zum Garten 
Josefs eilten, einen lieben Toten zu suchen, der 
zu ihrem Schmerze ihnen entrückt war. 
Der Knabe mit den blauen Augen und dem 
Blondhaar seines Vaters ließ seiner Mutter keine 
Ruhe, er wollte in die Keule hinauf. Da geleitete 
ihn Marthas Bruder seinem Wunsche gemäß.
	        

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