Full text: Hessenland (30.1916)

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wächst gleichsam aus der Landschaft, ihrer Vege 
tation, ihrem Klima. Der Freibau braucht nicht 
restlos in der Natur aufzugehen. Vielmehr kann 
seine Form das Landschaftsbild beherrschen. 
Immer muß jedoch ein harmonisches Verhältnis 
erhalten bleiben. 
Die Beziehungen werden komplizierter in der 
Gartenarchitektur, wo die Natur nicht nur Milieu, 
sondern Gegenstand des Kunstwerks ist, wo das 
dekorative Gefühl, kaum noch bestimmt durch 
Zwecke, sich frei ausleben kann. Als Konsequenz 
des Freibaustils ist logischerweise nur eine Lösung 
möglich: den natürlichen Formen nachzugehen, die 
Natur zu stilisieren. 
Prüfen wir daraufhin die Anlage der Wil 
helmshöhe (Oktogon und Kaskaden), so scheint 
beim ersten Anblick das Prinzip innegehalten: die 
Terrassierung eines Bergabhanges mit monumen 
taler Krönung der Höhe; die Dimensionen des 
Bauwerks auf die Größenverhältnisse der Natur 
bemessen. Allein schon das vielgebrauchte Bild, 
der Herkules „kröne" die Wilhelmshöhe, gibt eine 
falsche Vorstellung des ästhetischen Sachverhalts. 
Das Riesenschloß G u e r n i e r o s setzt nicht einem 
durch seine Lage besonders gekennzeichneten Punkt 
den architektonischen Akzent auf wie etwa das 
Kyffhäuser-Denkmal oder in bescheidenem Maße 
der Bismarckturm auf dem Brasselsberge. Es 
besteht keine künstlerische Notwendigkeit für die 
Wahl des Platzes, — der historische Grund ist 
klar: es sollte dem Schloß Weißenstein gegenüber 
liegen — 1000 Meter nördlicher oder südlicher 
auf dem Kamm des Waldes wäre der Effekt der 
gleiche. Es handelt sich nicht um eine Einfühlung 
der ànst in die Natur, sondern, wie es Wölfflin 
grundsätzlich vom Barock ausspricht, die Natur 
wird von der ànst vergewaltigt. Diese ànst 
hat nichts mehr mit der Landschaft zu tun. Da 
mit fallen alle lokalen und nationalen Grenzm. 
Das ànstwerk steht für sich und will nur so ge 
sehen sein. Der künstlerische Grundgedanke, den 
der Barock zum ersten Male ganz verwirklicht, 
die Einheit des Kunspverks soll gewahrt 
werden. 
Diese Einheit ist in der Natur nur zu erreichen, 
indem sich das Kunstwerk gegen die Landschaft 
streng abschließt. Blickpunkt und Blickfeld müssen 
bestimmt sein. Der Herkules kann nicht aus be 
liebiger Entfernung betrachtet werden, ohne sàen 
ästhetischen Eigenwert einzubüßen. Ist es schon 
zweifelhaft, ob man den willkürlichen Einschnitt, 
den er in die feine Wellenlinie des Habichtswaldes 
macht, schön nennen darf, so ist der sicherste Gegen 
beweis, daß bereits auf mäßige Entfernung 
(2—3 km) eine neue Silhouette entsteht. Der 
große Unterbau, der architektonisch von dem Ok 
togon nicht zu trennen ist, verschwimmt, die Figur 
des Herkules wird unkenntlich, und über dem 
Kamm des Waldes erhebt sich ein plumpes Vier 
eck, aus dem ein unverhältnismäßig spitzer Auf 
satz herausragt. Das Riesenschloß ist aber — wie 
die ganze Barockkunst — nicht auf Silhouetten 
wirkung eingestellt. Der Grundriß des Oktogons, 
der keine reine Frontalansicht gestattet, sondern 
stets Schrägstellung der Seitenflügel erzwingr, 
die abwechslungsreichen Binnenformen weisen da 
rauf hin, daß es lediglich auf Licht- und 
Schattenwirkungen ankommt. Anders wä 
ren die großen schwarzen Fenster- und Toröffnun 
gen in einem Frontbau, der den Blick abschließen 
soll, künstlerisch nicht zu rechtfertigen. (Man ver 
gleiche das offene Mitteltor zur Orangerie, das die 
Front gewaltsam aufreißt und als gähnendes Loch 
empfunden wird!) 
Auch die Kaskaden brauchen Sonne, Licht- und 
Schattenkontraste. Doch hier schafft die notwendige 
Begrenzung des Blickfeldes ein lineares Gegen 
gewicht. Das Auge sieht nicht nur helle und 
dunkle Massen, sondern findet in der Umrißlinie 
einen Wegweiser. Die Bearbeitung der Baum 
gruppen zwischen Bowlinggreen und Neptungrotte 
im Naturparkstil und die Fällung der hohen Kas 
kadentannen haben die Konturen der ursprüng 
lichen Anlage verwischt. Aber die N i k k e l e n - 
scheu Entwurfsbilder (im hiesigen Naturalien 
museum und in Wilhelmsthal), auf denen eine 
rampenartige Einfassung den ganzen Bau um 
rahmt, zeigen, wie wichtig die Scheidung für den 
Barockkünstler ist: hier Kunst — dort Natur. 
Immerhin bleiben die pittoresken Formen der 
Kaskaden für den Aufblick unsichtbar, und die sche 
matische Wiederholung nimmt ihnen ihre Selbst 
ständigkeit. Die Teile haben keine Geltung. Das 
Ganze soll nicht nur mittelbar als Stileinheit 
empfunden, sondern unmittelbar als optische Ein 
heit gesehen werden. 
Nach diesem Grundsatz wird die schwere Auf 
gabe gelöst, einen mehreren hundert Meter hohen 
Berg architektonisch zu bewältigen. Die Terrasse, 
wie sie die Renaissance geschaffen hat, gleicht 
Höhenunterschiede aus, indem sie mehrere hinter 
einander gelegene selbständige Ebenen anlegt. Da 
durch wird aber bei großen Dimensionen die Kon 
zentrierung auf das Ganze unmöglich. Die Guer- 
nierosche „Delineatio montis“ geht von dem ent 
gegengesetzten Prinzip aus. Eine riesenhafte Per 
spektive reißt Vorder- und Hintergrund zu un 
geheurer Tiefenwirkung zusammen. Seitliche 
Ausbuchtungen — die Neptunsgrotte, die Pluto 
grotte — sollen nur die langgestreckte Grenz
	        

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