Full text: Hessenland (30.1916)

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aus der Hand des sächsischen Edelfräuleins Ag 
nes Pflug, den zweiten, ein goldenes Schwert, 
Eitel Wolf von Gudenberg durch das hessische 
Hoffräulein von Nöding, das am Samstag durch 
Philipp dem Hans von Craluck verlobt war, den 
dritten, eine goldene Schwebescheibe,*) Kurt Diede 
zum Fürstenstein durch Margarethe von Miltiz aus 
Sachsen, den vierten, einen goldenen „Wappen- 
hentschen", Burchard Rau von Gemünden durch 
Veronika von Boyneburg. Ehrenkränze mit schö 
nen Kleinoden erhalten Herzog Franz- von Lüne 
burg von der Herzogin Elisabeth von Rochlitz, 
Graf Philipp der Ältere von Solms von der Land 
gräfin Christina von Hessen. Am nächsten Tage 
machte Adolf Rau, Statthalter von Kassel, die 
Auszeichnungen im Namen der Frauen unter 
Pauken- und Trompetenschall bekannt. 
Für Montag den 2. August lud Landgraf Philipp 
seine Gäste zu einer großen Treibjagd vor dem Ha 
bichtswalde ein, er war selbst ein überaus tüchtiger 
Jäger, und die herrlichen Waldungen seines Landes 
boten genug Gelegenheit, das edle Weidwerk aus 
zuüben. Die zahlreiche Jagdgesellschaft, in der 
sich auch viele Frauen befanden, versammelte 
sich auf der bewaldeten Höhe des Fernsbergs, d. h. 
der Firnskuppe bei Harleshausen. Die Jagd be 
gann mit einem Hirschtreiben, wobei sechs starke, 
feiste Hirsche den Jägern zugetrieben wurden, der 
Herzog Georg von Sachsen erlegte allein drei 
davon. Nach der Jagd trug man unter Zelten 
auf einer anmutigen Waldwiese das Essen auf, und 
nach Weidmannsart fehlte es auch nicht an einem 
guten Trunk. 
Am nächsten Tag wurde den Gästen ein groß 
artiges kriegerisches Schauspiel geboten. Nahe bei 
dem Schloß hatte der Landgraf ein großes Block 
haus, das mit Erde und Rasen bekleidet war, 
errichten lassen; in den Ecken standen kleine Holz 
türme, auch war es von Wall und Graben um 
geben, die durch Palisadenreihen geschützt waren. 
Im Innern des Hauses liefen tiefe labyrinthartige 
Gänge, um dem Angreifer das Eindringen in 
jeder Weise zu erschweren. Die Ritter und ihre 
Gefolgsleute wurden nun in zwei Parteien ge 
tollt, jede wählte sich ihren Führer, und zwar die 
eine den Landgrafen, die andere Kurt von Han- 
stein, Hauptmann im Dienste des Königs von 
Dänemark. Durch das Los fiel dem ersteren die 
Rolle des Angreifers, dem anderen die des Ver 
teidigers zu. Die Kürisser beider Parteien führten 
lange Speere und kurze, breite Schwerter, die 
*) Schwebescheibe hieß der tellerartige Handschutz unten 
an der Lanze, Wappenhentschen ein Handschuh mit ein 
gesticktem goldenem Wappen. Die Preise waren als 
Symbole verklein rte Nachbildungen der Gegenstände. 
Schützen lange und kurze Feuerrohre. An Geschütz 
waren Mörser und Böller aufgepflanzt, aus denen 
inau im Kriege Feuerkugeln zu werfen pflegt, 
jetzt waren sie nur blind geladen, damit es „nie 
manden einigen Schaden tun kunnte"; im ganzen 
traten 21 Geschütze auf beiden Seiten in Tätig 
keit, die dreimal feuerten, was für jene Zeit eine 
gute Leistung war. Sofort nach der Feuervorbe 
reitung begann wie heutzutage der Sturin, indem 
der Landgraf seine beiden Fähnlein, geführt vom 
Grafen Philipp von Solms und von Heinrich 
von Schachten, zum Angriff gegen das Werk vor 
gehen ließ. Dabei schleiften die Kürisser ihre 
langen Spieße auf dem Boden, bis sie zum Nah 
kampf heran waren, die 40 Hakenschützen auf den 
Flügeln feuerten aus ihren Rohren. Der Ver 
teidiger hatte sein GescWtz ziemlich verdeckt auf 
gestellt; nachdem es abgefeuert war, empsing 
Schützenfeuer von den Wällen den nahenden Geg 
ner. Über den weiteren Verlaus des Sturmangriffs 
meldet der Berichterstatter: „Nun ist also das Haus 
mit Ernst angegangen, und haben sich die 
Kämpfenden allenthalben mit den Spießen weid 
lich gestochen und mit den Schwertern lustig und 
wohl geschlagen, und war das Haus erobert." Die 
Besatzung zeigte ihre Mederlage, offen an, indem 
sie sich vor die im Zuschauerraum sitzenden edlen 
Frauen begab und auf den Knieen um Begnadi 
gung flehte; sie wurde wegen der bewiesenen 
Standhaftigkeit und hartnäckigen Gegenwehr huld 
reich bewilligt, damit waren die tapferen Mannen 
freigesprochen. Am Nachmittag nach dem Kriegs 
spiel wurden die Gäste noch durch einen Einzel 
kampf unterhalten; Herzog Heinrich von Braun 
schweig und Jörgen von Harstall rannten scharf 
gegeneinander. Beim ersten Gang trafen beide 
nicht sicher, beim zweiten traf der Herzog gut, 
Harstall fehlte und stürzte vom Pferde. Das lvar 
doppelt schmerzlich für ihn, da ihm der Herzog 
einen guten Hengst versprochen hatte, wenn er 
siegte. 
Am 4. -August geleitete der Landgraf die erlauch 
ten Gäste von Kassel nach der Zapfenburg (Saba 
burg), seinem Lieblingsjagdschloß mitten im Rein- 
yarvswald; auf der staubigen Stechbahn stand er 
seinen Mann, aber lieber war ihm lustiges Ge- 
jaide unter grünen Eichen und Buchen, und bei 
seinen Gästm setzte er dasselbe voraus. Schon 
am Rand des Forstes, am Radbusch bei Uden 
hausen, hielt man das erste Hirschtreiben ab, und 
allein bei den Fürstlichkeiten traten acht kapitale 
Hirsche heraus, von denen Herzog Georg fünf, 
die Herzoge Heinrich und Moritz je einen erlegten. 
Einer wurde „lustig" von den Hunden gefangen. 
Auf der Waldwiese am nahen Kaiserteich, der viel
	        

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