Full text: Hessenland (30.1916)

9«ä«6 345 ««L, 
Vom Kasseler Theater. 
Das Hoftheater hat uns in der Berichtsperiode eine 
Neuheit beschert: den „Ehrenbürger" von Bern 
hard R e h s e. Das Stück tritt offensichtlich mit der 
Wsicht auf, eine Satire zu sein. Und zwar wendet es 
sich gegen Journalisten und Schriftsteller, die ihre 
Meinung dem Meistbietenden verhökern. Ob es deren 
eine solche Zhrzahl gibt, daß eine Satire nötig oder guch 
nur gerechtfertigt wäre, bleibe dahingestellt. Wer ine 
grobschlächtige Art, mit der der Gesinnungsschacher ge 
schildert wird, di« klobige Manien, in der der „Held" 
gezeichnet ist, macht die ästhetische Freude an dem Lust 
spiel zunichte. Dieser Riedemann, der von sich selbst stets 
in lähmendster Form redet, der die Ehrenhaftigkeit im 
Munde führt, bei seinen Schwiegereltern schmarotzt, 
seine Feder einer Partei verkauft und im entscheidenden 
Augenblick — durch eine höhere Summe bestochen — 
auf die Gegenseite tritt, müßte von allen - auf der 
Bühne Stehenden genau so schnell durchschaut werden, 
wie ihn das Publikum in seiner Hohlheit und Nich 
tigkeit erkennt. Daß er im Stück ernst genommen wird, 
ist schier unglaublich, daß er zum Schluß für seine 
Niederträchtigkeit noch Ehrenbürger wird, ist geradezu 
grotesk. So sind denn doch die Zustände im städtischen 
und staatlichen Leben nicht. Der Held — ein kom 
pletter Lump, dessen Charakter uns beim ersten Auf 
treten klar wird; seine Umgebung, soweit es nicht 
Schablonenfiguren sind — höchst uninteressante Ge 
schöpfe, für deren Schicksal wir keine Anteilnahme 
finden; die Handlung — breit ausgemalt und sogar 
der gewöhnlichen Spannung entbehrend, kurz ein wenig 
erfreuliches Werk. Den Titelheld spielte Herr Pape 
vortrefflich. Er wußte das geschraubte Pathos, das 
Selbstbewußtsein sehr gut zu verkörpern. Herr P i ck e r t 
gab einen lesewütigen Briefträger mit stark wir 
kender Komik, Frl. S t o r m war ein netter liebens 
werter Backftsch, Fräulein Heinrich ein prächtiger 
Gymnasiast, Herr Jürgensen ein sehr glaublich 
erscheinender Buchbinder, oet seine Gesinnung stets aus 
Überzeugung wechselt; Herr Z s ch o k k e gab einen Bau- 
spekulanten charakteristisch und Herr Strial einen 
ehrlichen Bauführer derb und sympathisch. 
* * 
* 
Zwei nordische Dichter scheinen uns in den Kam 
merspielen durch Zyklen näher gebracht werden 
zu sollen: Strindberg und Ibsen. Von dem 
Schweden gab man den „Totentanz" oder viel 
mehr dessen ersten Teil. Man kennt des verbitterten 
Dichters pessimistische Ansichten über die Frauen und 
die Ehe. Jene: minderwerte, grausame, hassenswerte 
Geschöpfe. Die Ehe: stete, auf die Spitze getriebene 
Feindschaft der Gatten, ein unaufhörlicher Kamps, ein 
Sichzerfleischen, eine grausame Folter. Und so zieht 
denn auch der „Totentanz" als ein ununterbrochener 
an unseren Nerven zerrender Krieg des Kapitäns mit 
seinem Weibe an uns vorüber, ohne merfliche Steige 
rung, nicht wählerisch in der Wahl der Mittel, ohne 
jeden Wschluß. Denn am Schluß des Stückes stehen 
die Gatten genau am Ausgangspunkte und man geht 
mit der Gewißheit nach Hause, daß das eben be 
endete Drama mit wenig Variationen sofort wieder 
beginnt. Erst im zweiten, nicht aufgeführten, Teil 
stirbt der Kapitän und endet damit den trostlosen Zwei 
kampf. Der jubelnde Ausschrei der Frau „Ist er tot?" 
— der auch unser ästhetisches Gefühl tief ver 
letzt — ist (man darf sagen: leider) im ersten Teil 
verfrüht. Es ist nicht abzusehen, wie dies Drama eme 
Bereicherung der Weltliteratur darstellen sollte. Es 
sagt sich los von den geltenden Regeln der dramatischen 
Kunst. Es weist weder dichterische Schönheiten, noch 
sprachliche Erfreulichkeiten, noch Spannung auf. Es 
dient nur der Idee, die Schrecklichkeit ehelicher Ver 
bindung zu zeigen. Dieser Mairie Strindbergs stun 
denlang zuzuhören, wird schließlich eine Qual. Frau 
N o r d a u allerdings spielte die Frau des Kapitäns 
mit großer Künstlerschaft. Mit einfachen Mitteln, ganz 
im Charakter der Rolle aufgehend, schus sie eine Figur 
von grausamer Realistik. Herr Minke gab den Ka 
pitän vortrefflich. Dieser Alkoholiker wirkte durchaus 
wirklichkeitsmöglich. 
Von Ibsen sahen wir „Hedda Gabler". Als 
dieses seltsame Werk zum erstenmal in Deutschland über 
die Bretter schritt, gab es ein starkes Rauschen im 
Blätterwald. Man diskutierte lebhaft darüber, was der 
Dichter mit der Schaffung der Titelheldin habe sagen 
wollen. Man konnte sich natürlich nicht einigen und 
heute noch ist der Streit unentschieden. Seltsam: von 
heimischen Dichtern wird mit Recht Klarheit 
verlangt. Wenn es sich um ein in der modernen Ge 
sellschaft spielendes Drama handelt, hat man doch 
fchließlich ejin Recht zu sragen, warum handelt die 
Heldin so, weshalb spielen die Geschehnisse sich in dieser 
Weise ab? Bei einem ausländis chen Dichter 
aber bleibt das Überschätzungsrecht vorbehalten und 
man geheimnist alles Mögliche in das Stück hinein. 
Diese Generalstochter, die eine Mißheirat mit einem 
Privatdozenten macht, an seiner Seite nichts von dem 
findet, das sie erwartete, die dem Jugendfreund die 
Pistole in die Hand zwingt und sich selbst erschießt, 
ist ein Muster des Ergebnisses schlechter Erziehung. Man 
hat Ibsen vorgeworfen, er, der doch die Emanzipation 
des Weibes immer verfochten, habe hier zeigen wollen, 
wie eine Frau, die aus ihren Schranken trete, scheitere. 
Das scheint ungerecht. Hedda kennt überhaupt kein 
Streben, keine Pflicht, keine Hingabe. Sie ist eine 
Katze, und eine bösartige dazu, die bisweilen die 
Krallen einzieht, die nur ihren Instinkten folgt, für 
die die Konvention alles ist, die nichts fürchtet, als den 
Skandal, die untergehen muß. weil ihr Leben leer, 
jedes Ideales, jedes Pflichtgesühls bar ist, und die für 
ihr Tun nur eine Entschuldigung hat, den irritierenden 
Zustand, in dem sie sich befindet. Der Wunsch, den sie 
dem todgeweihten Lövberg ausdrückt, er möge „in 
Schönheit sterben", verfehlt trotz allen Rühmens der 
Jbfengemeinde und trotz der Tinte, die zu seiner Ver 
teidigung vergossen ward, in diesem tragischen Moment 
nicht die groteske Wirkung. . . Als Titelheldin bewies 
Frl. Lindhard ein starkes und ursprüngliches Ta 
lent. Sie war ganz Generalstochter, stets vollendete 
Dame und ließ das Katzenhafte der Figur deutlich hervor 
treten. Eine sorgsam ausgeführte, auch in den Einzel 
heiten geseilte Leistung, die mit Recht starken Beifall 
erntete. Nur hätte die Künstlerin ab und zu weniger 
kühl sein sollen. Frau Groa-Berend gab die 
Frau Elvsted mit höchst erfreulicher Lebenswahrheit, 
Herr Minke den Gerichtsrat hübsch charakterisiert, 
Herr N o r m a n n den Eilert durchaus im Sinne 
des Dichters. Nur der Tesman des Herrn Hens chke 
fiel — nicht blos durch die mißlungene Maske — 
aus dem Zusammenspiel heraus. 
Bon den übrigen Stücken, die die rührige Direktion auf 
den Spielplan brachte, seien nur ein paar erwähnt. Die
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.