Full text: Hessenland (30.1916)

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mit einem leicht singenden Ton. Aber das war 
es nicht allein — ihre feingezeichneten, fast schwarzen 
Brauen standen beinahe wagerecht über den blauen 
Augen — solche Augenbrauen hatte Marline Börner 
— Unsinn! Er schalt sich einen alten Esel und 
schloß die Tür zu seiner Wohnung auf. 
AIs er Rofalie sein Erlebnis erzählte, lachte sie 
und gönnte ihm die Erfahrung. 
„Auch das noch." 
Dann lachten sie beide, um zuletzt wehmütig 
zu werden. Es ist eben ein sonderbares Ding, 
wenn das Alter auf einen Menschen zukommt. 
Benno seufzte: „Mit unseren Erinnerungen sind 
wir beide nicht ganz fertig geworden, sonst würde 
mich nicht jede junge Frau mit blondem Haar 
und dunklen Brauen über blauen Augen an — 
meine Jugend erinnern — und du würdest weniger 
Scheu haben, in die alte Heimat zu reisen." 
* * 
* 
Einige Tage danach kam die junge Frau, um 
die Schwester des Herrn Rabe um einen Rat zu 
bitten. Sie kam gegen Abend. Die Geschwister 
faßen in ihrem Erker. 
Die junge Frau klagte, daß sie sich in der 
großen Stadt nicht zurechtfinde. 
„Sie kommen aus einer kleinen Stadt?" fragte 
Fräulein Rofalie. 
„Ja, aus Buschenhagen — mein Mann stammt 
aus der Mark, ihn zog es hierher zurück." 
„Sie — sind mit den Börners verwandt?" 
fragte Herr Rabe und fühlte einen Stich im Herzen. 
„Gewiß — das ist meine Mutier — Marline 
Börner." 
Nun übernahm Rofalie die Unterhaltung. Sie 
fragte und ließ sich erzählen. Marline Börner hatte 
den reichen Fabrikanten Hegelmann geheiratet. — 
„Wie befindet sich Ihre Frau Mutter?" Benno 
kam feine eigene Stimme ganz unwirklich vor. 
„Gh, der ging es gut. War sie wirklich ein- 
mal das schönste Mädchen im Grt?" 
„Das war sie. Die Schönste weit und breit." 
Rofalie erzählte und Benno ergänzte. 
„Sprach Ihre Frau Mutter niemals von der 
Zeit nach dem Feldzug, von dem großen Friedens- 
fest, bei dem alle Häuser illuminiert waren — 
die Glocken läuteten, und alle jungen Mädchen 
schwarzweißrote Bänder trugen?" 
„Ja, gewiß — oft, wenn sie etwas recht Lustiges 
erzählen wollte, sprach sie von jener Zeit — von 
einem drolligen Verehrer, der unendlich komische 
Manieren hatte — ich glaube, er hat ihr sogar 
die Hand geküßt und eine Liebeserklärung gemacht. 
— Eie sagte dann immer zu seiner Entschuldigung: 
„Er war im Grunde ein ehrenwerter Kerl — aber 
damals gerieten die Menschen leicht in eine Art 
Rausch und vergaßen Rang und Stand." Nach 
her kam alles wieder ins alte Gleis. „Ach Gott," 
sagte sie immer zum Schluß, „es mag leichter sein, 
eine Kanoüe zu erobern — als ein Mädchen, das 
im Rang über uns steht." 
Die Geschwister schwiegen. Die junge Frau 
bemerkte nicht ihre blassen Mienen — sie erinnerte 
sich an das vergnügte Gesicht ihrer Mutter, die 
so herzlich lachen konnte. 
„Übrigens — wie ist mir denn — Herr Rabe 
— ,Benno' Rabe — steht nicht auch Ihr Name 
auf der Ehrentafel in unserer Stadtkirche?" 
„Ja — ganz recht," sagte Rofalie und setzte 
sich gerader, „der Name meines Bruders steht dort 
— denn er eroberte bei Spichern eine Kanone." 
Die junge Frau zog die feinen Brauen hoch. 
— Wie war das denn? - War dieser alte Herr 
am Ende jener Verehrer ihrer Mutter, über dessen 
drollige Manieren sie heute noch lachte? Das 
wäre fatal! — 
Sie verabschiedete sich bald, es kam keine rechte 
Unterhaltung mehr zustande. Sie ging und dachte, 
es taugt nichts, wenn man in der Großstadt Be 
kanntschaften anknüpft. — 
Als die junge Frau gegangen war, stand Benno 
Rabe auf und trat ans Fenster. Er blickte auf 
die Baumkronen, der Sommerstaub hatte ihren 
Blättern schon eine graue Färbung gegeben. 
Aller Glanz war von seinen Erinnerungen ge 
wichen. Nun wußte er es — der große Liebes 
schmerz seiner Jugend war für Marline Börner 
eine lustige Episode gewesen. 
Ein schriller Pfiff zerriß die Abendstille — das 
Feierabendsignal für seine Fabrik. — 
Da fiel ihm seine Arbeit ein — sein Werk, zu 
dem ihm jene Enttäuschung seiner Jugend den 
Anstoß gab. 
Er hatte eine Heimat verloren und ein Arbeits 
feld gewonnen. — 
Seine Schwester war zu ihm getreten. Sie 
legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: 
„Deine Wünsche und Hoffnungen flogen nach einer 
falschen Richtung damals, Benno — aber unglück 
lich bist du doch nicht, nun, da du mit deinen 
Erinnerungen fertigwerden mußtest?" 
„Die Vergoldung ist vollständig abgewischt, 
Rofalie — aber es bleibt mir meine Arbeit und 
die Verpflichtung, gut zu sein." 
Drüben fang wieder die junge Frau, und von 
unten herauf klang der Lärm der nie ruhenden 
Großstadt. 
Lotte @u6at(e, eure der bekanntesten und geachtetfteu Echri st- 
stellerinnen Deutschlands, beging am St. Oktober die « 0 . Wiederkehr 
des Tages, an dem fie zu Wltzenhansen als Tochter des Medizinal- 
rats Rothamel geboren wurde. Das »Hessenland". das seinen Lesern 
schon zahlreiche ErzLhlnngen von ihr darbieten konnte, brachte im 
Jahrgang ISO», Nr. I« Bildnis und Selbstbiographie der Dichterin.
	        

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