Full text: Hessenland (30.1916)

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„Wenn mancher wüßte, wie oft ich mich gebückt 
habe!" sagte er zuweilen, und dann setzte er aus- 
einander, daß es mit jedem Menschen aufwärts 
gehen müsse, der es fertigbrachte, bis zu seinem 
dreiundzwanzigsten Jahre 300 Mark zu ersparen. 
Denn das Geheimnis, verdimtes Geld zu behalten, 
bestehe seiner Überzeugung nach darin, es nicht 
auszugeben. Er meinte kopfschüttelnd: „Leider 
erfüllen sich die meisten Menschen zu leicht ihre 
Wünsche, die sie mit notwendigen Bedürfnissen 
verwechseln." Und dann Philosophierte er gerne 
über das Verhältnis zwischen Einkommen und An- 
sprachen und fand, daß die Begehrlichkeit der 
Menschen unverhältnismäßig gewachsen sei im Ver- 
gleich zu früher. 
Herr Rabe war in der oberen Etage des alten 
Hauses am Ilfer des Kanals wohnen geblieben, 
wenn auch alle feine Geschäftsfreunde nach dem 
Westen zogen, dessen Häuser jenen „unentbehr 
lichen" Komfort der Neuzeit boten. 
Seine Fabrik und die übrigen Geschäftsräume 
befanden sich in einem Seitenflügel des Hauses 
— wie hätte es ihm in den Sinn kommen können, 
eine Änderung vorzunehmen! 
Es war Benno Rabe ein liebgewordenes Be- 
dürfnis, abends, im Erker sitzend, auf das Groß 
stadtbild zu seinen Füßen zu blicken. Besonders 
im Vorsommer, wenn die Kastanien ihre weißen 
Blütenkerzen herausgesteckt hatten, war dieser 
Ausblick von „großstadtunwirklicher" Schönheit 
— wie Herr Rabe sagte. 
Der bald fünfzigjährige Junggeselle war nicht 
nur reich. Er war auch bequem geworden. Wenn 
er in seinem Korbsessel saß, der bei jeder Bewe 
gung leise knisterte, pflegte seine Schwester, die ihm 
die Wirtschaft führte, zusagen: „Es ist schade um 
dich, Benno, deine Wohlbeleibtheit läßt dich älter 
erscheinen, als du bist." 
„Wen kümmert mein Aussehen? Wer fragt 
danach, ob ich schlank oder breit bin?" 
„Ich, deine Schwester." 
„Du, meine Schwester!" Es sollte spöttisch 
klingen und bekam einen zärtlichen Unterton. 
„Du hast in deiner Jugend eine gute Figur 
gemacht, damals, nach dem Krieg gegen Frank- 
reich — als du zurückkamst. Wie schlank warst 
du! Welch gute Haltung haltest du!" 
„Das ist gewesen — und wenn du mir Vor 
würfe machst über mein Aussehen, was soll ich 
von dir sagen? Dir könnte eine Liegekur von 
Nutzen sein." 
Fräulein Rosalie lachte. „So müssen wir in 
diesem Jahr unsere Sommerreise getrennt unter- 
nehmen, weil wir entgegengesetzte Wirkungen er- 
zielen wollen. Ich meine aber, schließlich gehen 
wir doch wieder miteinander in ein billiges Gft- 
feebad." 
„Ich ginge gern noch einmal in das alte Nest 
zurück, aus dem wir stammen." 
„Ich nicht." 
„Warum denn nicht?" 
„Weil ich genau weiß, daß die Häuser, die 
Berge, der Fluß, die Wälder in meiner Erinne 
rung gewachsen find. Viel schöner sind sie ge- 
worden. Die Gärten vor den Toren erscheinen 
mir in Gedanken prachtvoll. Die Rosen düsten 
süßer, und wenn wir hinkommen, seuften wir über 
die Wirklichkeit. Denn auch die Sterne am Abend 
himmel haben nicht mehr den hellen Schein, den 
sie damals hatten." 
„Wann damals?" 
„Als wir jung waren und nur im Reich der 
Hoffnung lebten." 
„Du übertreibst, Rosalie, und das tatest du 
immer." 
„Du nicht, Benno? Deine Gedanken und Hoff 
nungen flogen niemals zu hoch?" 
Benno Rabe lachte gezwungen und sagte zwischen 
zwei Zügen aus seiner Pfeife: „Viel—leicht." 
Fräulein Rosalie ließ ihr Strickzeug in den Schoß 
sinken und lauschte. Durch das offene Fenster 
kamen die Töne eines Liedes, das eine junge 
Frauenstimme sang. 
„Die neuen Leute nebenan sind aus der Provinz." 
Herr Benno Rabe nickte und lauschte dem Volks 
lied und blies Rauchwolken in die Lust und dachte 
an die Zeit nach dem Feldzug, als er eine gute 
Figur gemacht hatte. 
Ja, damals hatte er wirklich im Land der 
Illusionen und Hoffnungen gelebt. 
In dem dien Eckhaus am Markt betrieb fein 
Vater, Herr Benno Rabe senior, ein Schnttt- 
warengefchäst — Benno Rabe junior hatte nie 
mals etwas anderes gedacht, als daß'er der Nach 
folger seines Vaters werden könnte; aber als er 
aus dem Feldzug heimkam, ein junger Held mit 
dem Eisernen Kreuz und einer schweren Ver- 
wundung, bildete er nur knapp ein halbes Jahr 
den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Man 
pflegte ihn, bis er gesund war — aber als er 
wieder hinter dem Ladentisch stand und mit der 
Elle hantterte, war er wieder Benno Rabe junior, 
der nicht zu dm Honorattoren gehört und den die 
Töchter dieser Kreise mit.Zurückhaltüng behandeln. 
Das hatte Benno Rabe nicht ertragen können, 
denn sein Herz wollte von solchen Schranken nichts 
wissen. Er zog in die Welt und konnte sich nicht 
entschließen, in den Schnittwarenladen am Markt 
zurückzukehren, in dem Rosalie als Stühe der 
alternden Eltern waltete und ähnliche Erfahrungen
	        

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