Full text: Hessenland (30.1916)

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er durch seine Antwort einfach aus dem Wege ge 
gangen, und er hatte in menschenfreundlicher und 
wohlwollender Weise zugleich vermieden, die gut 
kurfürstlich gesinnte Frau ourch hochmütiges Schel 
ten auf den Kurfürsten ohne Not zu kränken. 
Jedenfalls hatte er weit klüger gehandelt als ein 
anderer preußischer Offizier, ein Hauptmann bei 
den Marburger Jägern, dem ich nach Jahren das 
Erlebnis mit der Langensteiner Bäuerin gelegent 
lich erzählte, an seiner Statt gehandelt haben 
würde. Denn dieser behauptete entrüstet, kein preu 
ßischer Major könne eine solche Antwort gegeben 
haben, sondern die Frau müsse sie frei erdichtet 
haben; ein preußischer Major würde unbedingt das 
Recht seines Königs gegenüber dem Kurfürsten her 
vorgehoben haben. O weh, dachte ich, als ich diese 
Fanfarronade hörte; da ist's doch gut, daß es unter 
den preußischen Offizieren auch andere und klü 
gere, aber auch menschenfreundlichere Offiziere gibt 
als dich! 
Von Langenstein ging unser Weg über Erx- 
dorf, Speckswinkel und Momberg nach Wiera, 
indem wir Neustadt zur Rechten liegen ließen: 
Unterwegs sahen wir fast nur Landleute, die auf 
ihren Wiesen mit Heumachen, Heuwenden und mit 
dem Heimfahren des Heues beschäftigt waren. Als 
wir aber auf der Höhe hinter Momberg waren, er 
blickten wir auf einmal mit Erstaunen einen starken 
Trupp Soldaten in dunkelgrüner Uniform, etwa 
eine Kompagnie in Kriegsstärke, die uns ent 
gegen kamen. Kein Offizier war beritten, und 
kein Soldat trug selbst sein Gewehr und seinen 
Tornister, sondern das alles wurde auf einem 
Wagen nebenher gefahren. Auf mein Befragen 
aber teilten sie mir freundlich mit, sie seien Wei 
maraner und zur Besatzung der Bundesfestung 
Mainz kommandiert, daher auch dorthin auf dem 
Weg. Von den Preußen, die wir hernach in Wiera 
noch im Quartier trafen, waren sie offenbar fried 
lich durchgelassen, weil Sachsen-Weimar durch be 
sondere Verträge bereits mit Preußen verbündet 
war, ohne daß dies dem Bundestag angezeigt war. 
Von den Preußen wurde aber auch uns beiden, 
dem Mädchen und mir, kein Paß oder sonstiger 
Ausweis abgefordert, als wir durch Wiera kamen, 
sondern man ließ uns ungefragt weiterziehen. So 
zogen wir auf dem uns bisher unbekannten Wege 
durch Wald und Feld weiter, berührten auf der 
Höhe das große Dorf Wasenberg und kamen 
glücklich noch vor Einbruch der Dunkelheit in 
Ziegenhain an. Dort waren noch keine preu 
ßischen Soldaten einquartiert, und meine An 
gehörigen waren alle wohlauf. Da aber die ganze 
Gegend nach Treysa und weiterhin von den Trup 
pen besetzt war und jedermann in meiner Vater 
stadt ebenso wie die Leute in Marburg die Er 
wartung hegte, daß die Baiern und Darmstädter 
in den nächsten Tagen von Alsfeld her vor 
brechen würden, gab ich mir noch am Abend als 
bald Mühe, für den andern Morgen einen Wagen 
zur Rückreise nach Marburg zu bekommen. Nur 
mit Mühe und für einen hohen Preis erlangte 
ich endlich vom Gastwirt Winkelstern in der Ober 
gasse dessen geräumigen Landauer, in den ich 
dann am andern Morgen schon ziemlich früh 
mit den Meinigen und mit dem Fabrikanten Paul 
aus Ziegenhain, der die Gelegenheit benutzte, die 
Fahrt nach Marburg antrat. In Wiera wurden 
wir freilich von den Preußen einen Augenblick 
angehalten, indem ein Offizier Auskunft über un 
sern Reisezweck verlangte. Der Herr wurde aber 
durch unsere mündlichen Erklärungen sehr bald 
zufriedengestellt und ließ uns ungehindert ziehen. 
Auch sonst verlief die Weiterreise ohne Störung. 
Zur Mittagszeit hielten wir unterwegs nicht an, 
sondern verzehrten im Wagen unsern reichlich von 
Ziegenhain mitgebrachten Proviant, und nur nach 
mittags in Kirchhain machten wir eine Stunde 
halt, um den Pferden etwas Ruhe zu gönnen. 
Beim Wirt Mosebach, den ich seit Jahren kannte, 
tranken wir unterdessen unsern Nachmittagskaffee. 
Und noch vor Abend kamen wir in Marburg an 
und dankten Gott, daß wir hier in der gewohnten 
Behausung und Umgebung wieder zusammen 
waren. 
Obwohl der Krieg bekanntlich von nun an auf 
den verschiedenen Kampfplätzen in Deutschland und 
Böhmen zu vielen blutigen Zusammenstößen, Ge 
fechten und Schlachten führte, so wurde doch Mar 
burg niemals davon direkt berührt. Da die öster 
reichische Brigade,- die, aus Holstein kommend, 
ihren Weg nach Hause durch Hessen nahm, Mar 
burg schon früher still passiert hatte, so fand nicht 
einmal ein Durchzug von Truppen während der 
ganzen Kriegszeit statt, wenn man nicht das als 
einen solchen ansehen will, daß die nach Hause 
entlassenen hessischen Soldaten in der Stille nach 
Mainz beordert wurden und in einzelnen Trupps 
am Pilgrimstein und in der Richtung nach Mainz 
bei Marburg vorüberzogen, vom Volk überall mit 
Freuden begrüßt und von niemand gehindert, auch 
nicht von den Preußen, die Kassel besetzt und 
den Kurfürsten gefangen hielten. 
Meine Berufstätigkeit als Pfarrer und Lehrer 
in der Stadt mit Ockershausen und Marburg und 
im Vikariat Kappel uird Frauenberg ging daher 
auch ungestört weiter. Nur als ich eines Tages 
zum Zweck eines dringenden Krankenbesuchs und 
einer Beerdigung nach Kappel ging, wurde ich un 
erwartet von zwei stattlichen badischen Dragonern
	        

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