Full text: Hessenland (30.1916)

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die Bahnschienen weg und schafften die Fahrzeuge 
fort, damit die Baiern, Württemberger, Badenser, 
Darmstädter und Nassauer, die etwa von Süd- 
westen her ihm nachrücken könnten, keine Eisen 
bahnverbindung durch Hessen benutzen könnten. 
Schon am 18. Juni hörte darum aller Verkehr 
zwischen Marburg und Treysa auf; von Kassel kam 
keine Nachricht mehr; dagegen allerlei drohende 
Gerüchte gingen umher, besonders wollten die 
Leute wissen, zwischen Alsfeld, Ziegenhain und 
Treysa würden die Baiern und Darmstädter den 
Preußen in die Flanke fallen und sie zum Kampfe 
zwingen. Denn von der Ratlosigkeit, Unent 
schlossenheit und Langsamkeit der deutschen Gegner 
Preußens hatte man noch keine Ahnung, sondern 
erwartete von ihnen ein rasches Handeln. 
Natürlich wünschte ich unter diesen Umstän 
den die Meinigen von Ziegenhain weg und wie 
der bei mir in Marburg zu haben, wohin sie doch 
nun einmal gehörten. Aber wie sollte ich sie her 
bekommen? Wie sollte ich selbst erst einmal nach 
Ziegenhain kommen, um sie holen zu können? 
Kein Hauderer in Marburg wollte mir einen 
Wagen zu diesem Zweck überlassen, da jeder 
fürchtete, Wagen und Pferde könnten ihm unter 
wegs von den Preußen oder von deren Gegnern 
weggenommen werden. So entschloß ich mich kurz, 
die Reise einfach zu Fuß zu machen, wie ich es 
als Gymnasiast und Student so oft getan hatte, 
wenn ich von Ziegenhain nach Hersfeld oder um 
gekehrt zu reisen hatte. Ein junges Mädchen aus 
Ziegenhain, das bei Verwandten in Marburg zu 
Besuch war und von meiner Absicht hörte, ließ 
mich zugleich bitten, sie doch mitzunehmen, da 
es bei den unruhigen Zeiten notwendig nach Haus 
müßte. Natürlich sagte ich es ihr gern zu. Und 
so wanderten wir beiden schon am anderen Mor- 
gen, dem 19. Juni früh 7 Uhr von Marburg ab, 
das Mädchen mit einem schweren Henkelkorb am 
Arm, der seine Kleider enthielt, ich selbst mit meiner 
ledernen Umhängetasche beladen, die Mundvorrat 
und etwas Wäsche umschloß und vom Sattler 
Döring am Steinweg stammte. 
Der Weg ging zunächst durch Weidenhausen an 
den beiden Siechenhöfen vorbei auf der alten, 
mit großen Steinen gepflasterten Heerstraße über 
den Lahnberg, auf der im Mittelalter und später 
noch lange die Landgrafen von Hessen gezogen 
waren, und führte uns über Großseelheim und 
Kirchhain nach Langenstem. Da es unterdes zehn 
Uhr geworden war, beschlossen wir, hier eine 
Stunde zu rasten und zu frühstücken. Wir sahen 
aber kein Wirtshaus und traten deshalb in einen 
großen Bauernhof, dessen Tor und Haustür offen 
standen, und fragten die heraustretende Bäuerin, 
eine schon bejahrte Frau, die ganz allein zu Haus 
war,?) ob wir nicht etwas Sauermilch und Butter 
brot gegen Bezahlung bekommen könnten. Die 
Frau nahm uns sehr freundlich auf und brachte 
uns gern das Erbetene. Man merkte ihr an, daß 
sie geradezu froh war, einmal mit andern Men 
schen über die Ereignisse der letzten Zeit und be 
sonders des gestrigen Tages zu sprechen. Außer 
einem Major und seinen nächsten Begleitern hatte 
sie noch 30 Mann mehrere Stunden lang im 
Qartier und am Tisch gehabt. Mer sie rühmte, 
die seien gar nicht parforsch (pur force) und 
grob aufgetreten, sondern gar freundlich und be 
scheiden. Sie habe sich darum auch ein Herz ge 
faßt und den Major gefragt, warum denn die 
Preußen eigentlich gekommen wären und was sie 
wollten. „Herr Major," habe sie gesagt, 
„nemme S' es net vor öwwel, wenn ech Ihne 
frage dhu, warom Se eigetlech komme! Zwesche 
önsem Kursörscht on Ihne Ehrem Kenig eß doch 
ken Krigk! On se sein doch au Vettern! Waß 
hawwe Se also eigetlech met öns vör?" Auf diese 
Frage habe der Major aber geantwortet: „Ja, 
liewe Frau, daß weiß ech selber net; ech ben Soldat 
on meine Leit sin all Soldate! Wann da der 
Kenig sprecht: Marschiert nach Hesse on dhut, 
waß eich befohlen werd! Dann muße mer mar 
schieren on hawwe gerad so wenig ze frage, als 
wenn Ehr en Stall geht on bendt eier Kuh los 
on föhrt se en Garde on bendt se an en Baum, 
daß se da ringsom das Gras abfresse soll." Sehn 
Se, so seit der Major, on mer sein so domm wie 
erscht. Awwer waß meine S e dann nu von dere 
Sach?" Leider hätte ich nun der Frau nach Lage 
der Dinge ebenfalls in der Kürze keine für ihr 
Verständnis geeignete Antwort geben können und 
zog es daher vor, sie darauf hinzuweisen, daß die 
ganze Angelegenheit auch mir sehr schmerzlich und 
bedenklich sei, daß wir aber vertrauen müßten, 
Gott werde sie für unser Hessenland und für ganz 
Deutschland zu einem guten Ende führen. Indem 
wir der Frau noch für ihre Gefälligkeit bestens 
dankten und unsere Schuld berichtigten, nahmen 
wir Wschied und zogen unsre Straße weiter. In 
meinem Herzen aber freute ich mich immer wieder 
über die praktische und kluge Antwort, die der 
Major der Frau gegeben hatte. Unmöglich hätte er 
der einfachen Frau in Langenstein die verwickelten 
und schwierigen staatsrechtlichen Verhältnisse, aus 
denen dieser Krieg mit einer Art Naturnotwen- 
tigkeit entstand, klar auseinandersetzen und be 
greiflich machen können. Dieser Schwierigkeit war 
2 ) Der Mann, der Sohn, die Tochter und die Dienst 
boten waren schon morgens 3 Uhr zum Heumachen 
ausgerückt.
	        

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