Full text: Hessenland (30.1916)

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der Baukunst bricht, die den Stempel der Origi 
nalität nicht klar an der Stirn tragen, die sich 
vielmehr in ihrer äußeren Form in einem alten 
bewährten Gewände zeigen, das dm Einfluß der 
Renaissance oder ihres großen Vorbildes, des 
Griechentums, nicht verleugnet, wie z. B. das Kasse 
ler Rathaus und die neue Stadthalle. Seine herbe 
und abfällige Kritik an diesen beiden bedeutendsten 
neueren öffentlichen Gebäuden Kassels werdm auch 
diejenigm, die Bocks Standpunkt schätzen und wür 
digen, nicht billigen können. Grade diese beiden 
Bauten haben weit, über die Grenzen des Hessen 
landes hinaus in Laien- und Fachkreisen berech 
tigte Bewunderung gefunden und werden immer 
zu den besten Werken der Baukunst gerechnet 
werden, die in den erstm Jahrzehnten des 20. Jahr 
hunderts geschaffen wordm sind. Wieviel Bauten 
gibt es in Deutschland aus der Zeit der Erbauung 
unseres neuen Rathauses, die ihm ebmbürtig an 
die Seite gesetzt werden könnm, die eine gleiche 
Beherrschung der Form und der Raumwirkung er 
kennen lassen? Wieviel neuere Bauten besitzen die 
Qualität und zeigen den Ausdruck einer einzigen 
klaren künstlerischen Vorstellung im Grund- und 
Aufriß wie unsere Stadthalle? Sie sind in Deutsch 
land, und im Ausland noch mehr, mit der Laterne 
zu suchen. Es ist doch nicht angängig, Bautm 
von künstlerisch hervorragendem Wert, wie diese 
beiden, nur abfällig zu bmrteilen, weil sie von 
dem Gesichtspunkt aus betrachtet, ob sie die ori 
ginale Schöpferkraft besitzen, nichts bedeuten, ohne 
gleichzeitig zu würdigm, daß sie hoch über den 
Durchschnittsleistungen ihrer Zeit stehen und zu dem 
Besten gehören, was in den letztm 80 Jahren ge- 
schaffm ist. 
Aber Herr Professor Bock kennt nur die Num 
mern 1 und 5, ganz ausgezeichnet und minder- 
wertig. Diese Verleugnung aller Mittelwerte ist 
in der Baukunst besonders bedenklich. Denn die 
Baukunst ist keine freie Kunst, wie die Malerei; 
inan kann das Malen lassen, wenn das Talent zu 
höchster Leistung fehlt, nicht aber das Bauen; ge 
baut muß werden, ob nun Meister ersten Ranges 
zur Verfügung stehen oder nicht, und Schöpfungen 
gmialen Stils sind nicht zu erzwingen. Die Ver 
leugnung der Mittelwerte ist dazu gefährlich bei 
einem Zuhörerkreis, von dem nur wenige die 
Grundlagen aller Bauwirkung, Verhältnisse und 
Raumgestaltung, sicher aufzufassen gelernt habm 
können. Für die Entwicklung des Bausinns ist es 
mindestens ebenso wichtig, dm Unterschied zwischen 
Nummer 5, offenbare Pfuscherei, und Nummer 3, 
ehrliche Baugestaltung unter Anlehnung an gute 
Muster, aufzuhellen, als den zwischen Nummer 1 
und 3. Bei dem heutigen Stande unserer Bau- 
kultür, wo die Sorge um die Qualität, mehr ujm 
das Wie als das Was, noch unsere ganze Kraft 
in Anspruch nimmt, wo unser Gefühl für architek 
tonische Werte noch nicht gereinigt, und unser Sinn 
für Rhythmus undHarmonie noch nicht geschärft 
genug ist, kann nicht einzig und allein der mehr 
oder weniger große Gehalt an originaler Gestal 
tungskraft maßgebend für die künstlerische Würdi 
gung eines Hauses sein. Bei der Baukunst, die 
nicht vom Geschmack allein, sondern von Bedürfnis 
fragen und von der Technik bedingt ist, liegm 
die Verhältnisse nicht so einfach, wie z. B. beim 
Kunstgewerbe. Wir brauchen zuvorderst Qualitäts 
leistungen, mögen sie nun mehr von dem eigen 
willigen Gestaltnngsgeist, dessen Blüte in der 
mittelalterlichen Kunst liegt, haben, die uns Deut- 
schm als die bodenständigere und ursprünglichere 
erscheint, oder mehr von dem Geist der Renais 
sance, die für uns, besonders in Kassel, auch Boden 
ständiges hat. Qualitätsleistungm aber sind Rat 
haus wie Stadthalle, auch wenn sie die Schule 
der Renaissance nicht verleugnen, also nicht den 
von Herrn Professor Bock verlangten „Deutschen 
Stil" habm. 
'Gegen die Entwicklung, wie sie nun einmal 
war, läßt sich nicht anstürmen, und die Beein 
flussung deutschen Schaffens durch die Renaissance 
läßt sich nicht gewaltsam zurückdrängen. Es wäre 
verkehrt, nicht anzuerkennen, worin uns die Re 
naissance beim architektonischen Schaffen gefördert 
hat, nicht zu würdigen, daß sie uns die Vorstellung 
vom äußeren Raum gebracht und uns städtebau 
lich groß hat dmkm lernen. Diese Erkenntnis wird 
unsere neuen Ausdrucksformm, die hoffmtlich ton 
angebend auch für unsere Nachbarvölker werden, in 
ihrer Entwicklung ebenso beeinflussen müssm, wie 
wir wünschen, daß sie vom Geist gotischer Bau 
kunst befruchtet werdm möchtm. Der nme Stil 
kann nur aus einer gewissm Wechselwirkung mit 
den Architekturen anderer Länder entstehen, wmn 
er nicht eine völlige Ausschließung vom Völker 
verkehr bedeuten soll. Die Furcht, daß wir dabei 
Französlinge werden könnten, liegt heute für ein 
innerlich so starkes Volk nicht mehr vor. Weniger 
„Deutscher Stil", als „deutsch denken auch beim 
Bauen", d. h. wahr, echt und edel bäum, muß die 
Forderung heißen. Wahr, echt und edel sind aber 
Rathaus wie Stadthalle.
	        

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