Full text: Hessenland (30.1916)

„Iungens, den Hauptmann im Auge behalten! 
So wie gestem und heute war er noch nie zu uns/' 
Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter; 
„Herr Lehrer," kam das auf einmal vertraulich 
heraus, als ständen sie zu Spangenberg im Bühnen- 
spiel hinter der Szene, „Herr Lehrer," klang es 
leiser, „wenn ich fallen sollte, denken Sie an meine 
Frau. Sie wissen —" hier zuckte es auf seiner 
Stirn wie Wetterleuchten und sein Auge umflorte 
sich. Er blickte seitwärts, ergriff Mergards Rechte 
und drückte sie herzhaft. 
„Aber Herr Hauptmann" — stotterte Mergard 
erschrocken, „ich hoffe, wir kommen durch — mit 
Gottes Hilfe — wie so oft!" 
„Hoffe ich auch, aber wer kann wissen!" — 
Er sah sich um. Die krummen Föhren streifte 
sein mitleidiger Blick. „Ich habe daheim eine 
Hute voll junger Eichen stehen. Wenn die erst 
einmal Schalten geben, was für eine Zeit dann 
wohl sein mag?" 
Die Antwort blieb aus. Der nächste Augen 
blick sah die Kompanie in Vorwärtsbewegung. 
Föhrenwald. Sturzacker. Föhrenwald. Sturz- 
acker. Und sinkende Rächt. Kanonen gaben das 
Geläute. 
„Herr Hauptmann, jetzt eins singen", rief eine 
heitere Seele aus der Schützenlinie. 
„Was möchtest du denn anstimmen, mein Sohn?" 
„Es wollt's ein Jäger in der Frühe aufftehn", 
trällerte er leise. 
Ein Lachen lief die Reihe lang. 
Rur der Hauptmann lachte nicht. Seine Augen 
bohrten sich in das Dunkel. Er ging durch Fichten 
schlag und Morgensonne. Tautropfen wandelten 
das Gewebe der Waldspinnen zu Diademen. 
„Die Russen möchten es falsch verstehn, wir 
wollen's lieber lassen. Vielleicht morgen früh." 
„Wer weiß, wer morgen singt", Klangs zurück. 
Der Hauptmann wollte noch ein Wort der Er- 
munterung sagen, aber es unterblieb. 
Die Kompanie trat aus dem Walde und sah 
den Horizont in Flammen. Die Russen saßen in 
den brennenden Ortschaften und sollten vertrieben 
werden, hieß es. 
Immer näher den Riesenfackeln, wollte doch der 
Marsch kein Ende nehmen. Der fortwährende 
Anblick des Feuerkreises machte alles Vergangene 
still. 
Endlich ein Gehöft. Eine Scheuer tat sich auf. 
Wieder mal ein Dach nach langer Zeit. Jeder 
erkannte es dankbar an. Wie ein Stück Holz 
fiel Mann neben Mann. 
Für die Offiziere war Stroh da. Das Schießen 
der Russen hatte nachgelassen. Man konnte 
schlafen, schlafen. 
Mergard stand mit einigen Leuten Wache. Eine 
unerklärliche Unruhe trug er mit sich herum. Ihn 
verlangte nicht nach Schlaf. 
Wie ein Blitz schlug im Morgengrauen kaum 
zehn Meter von der Scheune eine Granate ein. 
Das weckte die Kompagnie. Den Russen war 
das Versteck verraten worden. Kaum hatte der 
letzte Mann die Scheune verlassen, als eine zweite 
Granate den Bau vernichtete. Hinter den Hecken 
des auffteigenden Geländes waren russische Schützen 
gräben festgestellt. Die sollten gestürmt werden. 
„Endlich!" stieß Mergard hervor. Des Haupt 
manns Augen leuchteten noch einmal die Linien 
lang. So sah er seine Kompanie zum letzten Male. 
„Iungens, haltet euch brav!" 
Die wußten nichts mehr von Müdigkeit. Sie 
sahen nur den vorausstürmenden Führer. Ein 
Hagel von Maschinengewehrfeuer empfing sie. Das 
hielt die Tapferen nicht auf. Ein paar Sprünge 
— und die ersten Gräben waren erreicht, die von 
den Russen fluchtartig verlassen wurden. In der 
zweiten Verschanzung erging es ihnen nicht besser. 
Erhobene Hände und weiße Tücher flehten um 
Gnade. Der Hauptmann lachte, als Mergard 
mit einem Trupp Russen auftauchte. 
„Die schicken wir dem Herkules", rief er dem 
Landsmann zu und hieß die Gefangenen abführen. 
Mittlerweile hatten die Russen bedeutende Re 
serven herbeigezogen, die den Kampf mit erneuter 
Heftigkeit aufnahmen. 
Der Hauptmann hatte Last, seine Leute im 
Zaum zu halten, die ihm allzu ungestüm drauf 
gingen. „Ruhig Blut, ihr Jungen", donnerte er 
wiederholt dazwischen. 
Doch was war das? Stand er denn nicht 
eben noch herrlich und groß? Widerhallte nicht 
feine Stimme noch über den Häuptern seiner 
Helden? Leuchtete nicht sein blaues Auge un- 
widerflehlich vorwärts? Wo war er nur geblieben? 
Augen brannten rechts und links. Fragen flog 
heiß die Front auf und ab. „Wo ist der Haupt 
mann, unser Hauptmann?" 
Da sprang schon der erste Leutnant vor: „Die 
Kompanie hört auf mein Kommando!" 
Der Hauptmann gefallen! — Wo? Wo? forschte 
der Schrecken. Wild fuhren die Leute um sich 
und wüteten vorwärts. 
„Wo steckt der Mergard? Wir müssen unsern 
Hauptmann retten!" 
Wie der Erde entsprungen stand Mergard da, 
und wer ihn ansah, wich zur Seite. 
Sein scharfes Auge hatte den Führer wanken 
sehen, als er dem Kampfe nacheilend zurückkehrte. 
In einer Sandgrube fand er ihn. Als ihm Mer 
gard den Arm um den Nacken legle, ihn aufzu
	        

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