Full text: Hessenland (30.1916)

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herrliche Naturumgebung gewobenen Sagen zu ver 
stehen, insbesondere die merkwürdige Sagenbildung 
von Karle Quinte. 
Unter den Deutungsversuchen des Wortes Quinte 
vermag nur der von Pfister in seinen Nachträgen 
zu Vilmars Idiotikon (Marburg 1886) S. 219 ff., 
dem sich Grimm, Deutsches Wörterb. 7, Sp. 2374 
anschließt, ernst genommen zu werden, wenn auch 
nicht zu befriedigen. Pfister bringt Quinte mit 
dem alten Zeitwort qulnen, verquinen (Grimm 
a. a. O. Sp. 2370) „kränkeln, siechen" in Zu 
sammenhang und folgert aus dieser Bedeutung 
niederhessisch „dahinsterben, schwinden, verschwin 
den". Quinte sei demnach „der Entschwundene, 
Entrückte", und Karle Quinte ein in den Oden 
berg entrückter chattischer Häuptling, der nach der 
niederhessischen Sage alle 7 Jahre mit seinem 
Geisterheer aus dem Berge tritt und sich mit 
Mannen und Rosien an dem Glißborne tränkt. 
Dieser Deutungsvorschlag ist außerordentlich 
gekünstelt und kommt über die volkstümliche Auf 
fassung kaum hinaus. Wie Hehler ") hervorhebt, 
ist das Wort quinen nach seinen Ermittelungen 
aus dem Sprachschatz der Bewohner Niederhesiens, 
insbesondere derer in den Dörfer am Odenberg, 
vollständig verschwunden, und ich bezweifle über 
haupt, ob es in dem von Pfister angegebenen 
Sinn jemals üblich gewesen ist. Dagegen wird 
es in einer Weiterbildung quengeln „kränkelnd 
klagen, nörgeln" (vgl. Quengelpeter) hin und 
wieder noch verstanden. Ich vermute, daß der 
Sinn „verschwinden" von Pfister aus dem Wort 
quinen absichtlich herausgelesen worden ist. um 
dadurch den Zusammenhang mit der Volkssage 
wahrscheinlicher zu machen. Auch ist es auffällig, 
daß Quinte kurzen, qutnen langen Vokal auf 
weist. 
Meines Erachtens ist des Rätsels Lösung , auf 
einem ganz andern Wege zu finden. Wir besitzen 
einen alten Flurnamen das Kar, das Kärlein, 
nach Grimm, Deutsches Wtb. 5, 204 ff., Schweller, 
Bahr. Wörterb. (München 1872) I, 1277, Buck, 
Oberd. Flurnamenbuch (Stuttg. 1880) S. 130/131 
ein sehr häufiger Wiesenname mit der vorwiegen 
den Bedeutung, „talähnliche, zur Weide benutzbare 
*) Entstehung und Bedeutung hessischer Sage» S. 16, 
Anm. 1. 
Vertiefung auf höherem Felsgebirge", überhaupt 
„schluchtartige Vertiefung zwischen Berghöhen mit 
guter Weide". In Tirol bedeutet Kar, Kür 
„nächster Platz um die Almhütte", in Oberöster 
reich der Kar, das Karl einen „Kessel, vom Ge 
birge gebildet, mit nur einem Zugang", in den 
Kärntischen Alpen „gewisie Weideplätze, auch Jagd 
reviere". 
Dieser Flurname, über welchen ich an anderer 
Stelle ausführlich berichte, findet sich außerordentlich 
häufig zur Bezeichnung einer Grenzflur in Hessen, 
Thüringen und Nassau, in Thüringen *) 7 ) z. B. der 
Carl, Flur Gotha (an der Sundhüuser Grenze), 
die ödere Carl, Flur Sundhausen, im Volksmund 
de äwere Carl, 1374 dy Karla, 1381 in der 
Karla (nahe der alten Waltershäuser Straße), 
der Karl, 1641 im Karl, Flur Boilstüdt,. ebenda 
die Karlswiese, die Karl, ma. uf der Koarl, 
urk. uf der Carl, Flur Leina, bei der Carlwiese, 
im Volksmund bi der Carlwiäsen, 1381 ander 
der Karla, Flur Sundhausen (an der Gothaer 
Grenze), das Karlachsfeld, Flur Trügleben 
(Wiesenland an der Asbacher Grenze), am Carl 
berg (1784) Flur Kraula, vor dem Karlaeb, 
im Volksmund vorn Karlach, 1556 vorm Car- 
lacb, Flur Asbach (Wiese an der Trügleber Grenze) 
usw., in Hessen 8 ): am Kerlen, Gern. Momberg, 
Körle (Wald) Gem. Oberorke, der Kirle, Geni. 
Holzhausen, die Karlaiche (Feld) Gem. Sarnau, 
der Karlsbain (Wald) Gem. Breitenbach a. H., 
Körle, Gem. Viermünden, Karlsäcker zwischen 
Metzlos und Reichlos, Karlshecke, sw. von Kauppen, 
im Körle zwischen Pilgerzell und Engelhelms, 
die Kurie zwischen Kleba und Kirchheim, im 
Karol (Wiese) Gem. Setzelbach, am Körle, Gem. 
Steckrod, Körle , Siedlung bei Melsungen, im 
Volksmund Kerle, 1074 Chrulle (?), 1172 
Kurie, 1299 Corla, 1341 Curie, 1357 Corlle, 
1575 Cörlla, 1585, 1747 Corla, in Nassau"): 
Karlich, Karlsbäume, Karlsberg, Karlskopf, 
Kerle, im Kerlen, Kerleweck, Kerlenbach, 
aufm Kirles, Kirleweg, an der Karlebacb usw. 
’) ©ething. Die Flurnamen des Herzogtums Gotha 
(Jena 1S1Ü), S. 20. 36. 53. 94 u. ö. 
8 ) Mühlhause, Sammlung von Flur- und Wald- 
namen. (Im Kgl. Staatsarchiv zu Marburg.) 
*) Kehrein, Nass. Namenbuch (Bonn 1872) S. 315, 
489. 473, 484. 
folgt.)
	        

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