Full text: Hessenland (30.1916)

sssäsb 278 8^L> 
Zum Vorbild ward ja dort ein König, 
Und König Ludwig sey geehrt! 
Mit diesem Freudenruf versöhn' ich 
Was mir Neu-Bayerns Lob verwehrt. 
Ein Vorbild sey dem Buhnenwesen, 
Mit aller Zähigkeit errett' 
Und hilf als Arzt, daß wir genesen 
Vom Opernschimmer und Ballett. 
Beweise kühn Ultramontanen, 
Die Bühn' auch könne Heil uns seyn, 
Und muthig zeig' auf Deinen Bahnen: 
Noch greift ein Deutscher deutsch auch ein! 
Hin zieh' und mit des Geistes Willen 
Vernichte rings, was faul und hohl, 
Und magst Du unsern Wunsch erfüllen, 
So lebt die Bühn' und Du lebst wohl! 
Berlin, 31 ten Oktober 1853. F. W. Gubitz. 
— 
Kriegserlebnisse eines Kasselaners. 
(Fortsetzung.) 
6. 0. 21. 5.15. Von meinem Bruder H. erhalteich 
einen Brief aus seiner Stellung vor Ppern. Seine 
Schrift ist zitterig, sie haben aus ihren 3 leichten 
Feldgeschützen weit über 1000 Schuß abgegeben. 
Und dann meldet er, daß sie hunderte von deutschen 
Soldaten beerdigt hätten, die mit vielem toten Vieh 
noch seit Oktober hier weit hinter der englischen 
Front gelegen hätten. Das sind die kultivierten, 
humanen Engländer! Etwas Ähnliches zeigte mir 
heute unser Schützengraben. Ein Teil unseres Ab 
schnittes H. ist eine eroberte französische Stellung. 
In einer alten französischen Schulterwehr fanden 
wir die Leiche eines deutschen Soldaten, den sie 
sozusagen als Sandsack benutzt hatten. Ich möchte 
mir selbst ersparen, mehr davon zu erzählen. 
Der heutige Maientag ist so schön wie selten 
einer. Rotdorn, Flieder und Pfingstrosen blühen, 
und auf den Beeten im Schloßpark duften Goldlack 
und die ersten Rosen. Die junggrünen mächtigen 
Kastanien decken mein efeuumranktes Häuschen 
schon fast ein mit ihren Zweigen. Im Grase 
habe ich mich ausgestreckt, die Sonne brannte so 
schwül, und schwül drückte der ganze lange Tag auf 
uns. In den Karpathen stehen wir vor Przemysl, 
haben 174 000 Gefangene gemacht, und immer 
geht's noch mächtig voran, wir träumen von Sieg 
und Frieden — und nun — warten wir gespannt, 
ob unser eigener Bundesgenosse Italien uns in 
den Rücken fällt und den Krieg erklärt. An so viel 
gemeine Schurkerei konnten wir nicht glauben, der 
Gedanke allein liegt deutschem Wesen so fern. Wir 
haben bedrückt den Tag verbracht, als aber abends 
bekanntgegeben wurde, daß auch mit denen der 
Krieg bevorstände, da brach der Bann. Wieder 
einer mehr, man muß stolz sein, Deutscher sein 
zu dürfen. 
Es ist so sonderbar, je mehr unserer Feinde 
werden, um so ausgelassener werden unsere Leute. 
Jetzt will alles nach Italien, um diese Gesellschaft 
zu verhauen. Alle kräftigen Bayernflüche, die kein 
Wörterbuch aufzählt, sind heruntergewettert wor 
den, und der Rat der „Alten" hat beschlossen, daß 
die ganz besonders versohlt werden. Einen solchen 
Tag muß man im Felde mitgemacht haben, nicht 
ein Wort der Mutlosigkeit, jeder findet ein tref 
fendes Wort, ob Sozialdemokrat, Liberaler oder 
Zentrumsmann, alle fühlen so kerndeutsch, daß 
man sich gehoben und wohl unter denen fühlt. 
Nur ein Seufzer entrang sich ab und zu einer 
Brust: „Jetzt dauert's nun wieder ein halbes 
Jahr länger, bis die noch verhauen sind." — „Und 
dann fahren wir hinterher alle noch nach Monaco, 
die haben auch noch nichts gekriegt." Und ein 
witziger „Baliner", der Schrecken des Regiments, 
geriet geradezu in Ekstase vor Begeisterung. Beim 
ersten Schuß ruft er über die Berme: „Wollt ihr 
wohl das Schießen aufhören, seht ihr nicht, daß 
hier Leut stehen!" und beim zweiten, der schon 
näher saß, etwas kleinlauter: „Bis 'n Unglück 
passiert. Und hinterher will's keiner gewesen sein." 
So haben wir die Kriegserklärung der fünften 
Großmacht hier yorn im Schützengraben auf 
genommen. 
22. 5. 15. Man munkelt, daß wir in den nächsten 
Tagen von A. fortkommen, am liebsten möchte mau 
nach Italien. Das ist die Hoffnung jedes Soldaten, 
ob Infanterist, ob Artillerist oder Pionier. Leut 
nant Sch. sagte es mir, daß wir bald an ein 
Wandern denken müßten. Unsere Arbeiten im 
Bereiche des . . . Regiments sind so ziemlich be 
endet, da wird bald über uns anderweitig verfügt 
werden. 
Es tut mir leid um unser schönes Ruhequartier 
und um all das, was wir uns hier geschaffen haben. 
Unser Wannen- und Brausebad war gerade fertig, 
ganz A. war an unser kleines Elektrizitätswerk 
angeschlossen, unser Pionierpark war neu um 
gebaut und eingerichtet, das müssen wir jetzt alles 
den Truppen überlassen, die nach uns kommen 
werden. 
Den heutigen Nachmittag habe ich einmal im 
zusammengeschossenen ..., das auf dem Wege zu 
unserer Stellung liegt, verbracht. Nur Ruinen der 
vormals sicher recht schmucken Häuser ragen in den
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.