Full text: Hessenland (30.1916)

Auf der reisigen Knechte Tafel gibt man zu 
jeder Mahlzeit 2 Essen von Fleisch oder Fisch, 
Suppen und Gemüse ungefähr gleich den Herrn. 
Dazu werden von der Herren Tisch alle Essen, 
die abgetragen werden, auf der Knechte Tisch ge 
tragen, ausgenommen gebratenes Wildbret oder 
Schinken, von dem so wenig gegessen wäre, daß 
es noch mehrmals sollte aufgetragen werden; die 
pflegt man auf Befehl des Herrn Landkomthurs, 
Trappierers oder Küchenmeisters wieder in die 
Küche zu schicken und aufzuheben. 
Was aber auf dem Tisch der Knechte übrig bleibt, 
bekommen nach alter Sitte täglich, das ganze Jahr 
hindurch, morgens die beiden Siechenhäuser von 
Weidenhausen, abends werden die Reste durch 
Küchenjungen wieder zur Küche getragen. 
Auf den Meisterlisch im Remter gibt man Sonn 
tags und an den Fleischtagen, jede Mittags- und 
Abendmahlzeit, eine Suppe und zwei Essen von 
dürrem oder grünem (frischen) Rindfleisch, je nach 
dem man geschlachtet, auch Lungen, Speck, „Ram- 
pannen" (= Kaldaunen [?]) und dergleichen, an 
den Fischtagen aber ein Essen Fisch, Hering oder 
Eier, dazu 2 Gemüse, aber keine Suppe. 
Auf der armen zwölf Brüder Tischlein gibt man 
am Sonntag und den Fleischtagen zu jeder Mit 
tags- und Abendmahlzeit eine Suppe und ein 
Essen frisches Rindfleisch, Rampannen oder anderes 
Fleisch nach Gelegenheit der Küche, morgens Ge 
bratenes, Suppe, Gemüse und grünen Käse, abends 
aber kein Gebratenes. An den vier Fischtagen gibt 
man ihnen Stockfisch oder andere Fische oder Eier, 
dazu Suppe, Gemüse und grünen Käse. 
Außerhalb des Remters essen: der Hofmann 
und die Hoffrau, die Schließerin, die Meierin, 
der Wagner, Weingärtner, Stubenheizer, Stein 
decker u. s. Knechte, Zimmermann, Maurer und 
dergl. Arbeitsvolk. Sie werden gleich wie die 
Meister geachtet und bekommen an Fleischtagen 
gleiches Essen wie sie, an den Fischtagen aber 
werden die ersten sieben Hofmeister den: Gesinde 
gleich mit dem Gemüse gehalten, nur Steindecker, 
Zimmermann, Maurer, Eulner (Töpfer) werden 
an den vier Fasttagen den Meistern auf dem 
Remter gleich behandelt. 
Das übrige Gesinde aber, nämlich Pförtner, 
Baumgärtner, Feldschütz, „Haubender", zwei Vieh 
mägde, Kuhhirt, Saumägde, Mollenarzt (= Mül 
ler ??) und Müllerjunge, Schäfer, alle Wagen 
knechte, Ackerknechte, Wagen- und Ackerjungen, vier 
gemietete Tagelöhner, bekommt an den drei Fleisch 
tagen abends und morgens jeder 2 Stück Fleisch 
und eine Suppe, an den Fischtagen jeder 3 Ge 
müse nach Vorrat der Küche, außer Freitags, da 
erhalten sie morgens zwei Gemüse und für 1 Heller 
Wecke, abends aber nur eine Suppe. 
(Fortsetzung folgt.) 
Aranz Dingelstedt und Heinrich Koenig. 
Von Prof. vr. Rudolf Göhler, Dresden. 
In der „Hessischen Chronik" teilt Hans Knudsen 
(Jahrgang 1915, Heft 12) aus Briefen Heinrich 
Koenigs an Varnhagen von Ense einige Bruch 
stücke mit, die voll sind von unfreilndlichen Aus 
fällen gegen Dingelstedt, deren eines sogar sich 
gegen die zukünftige Gattin des befreundeten Dich 
ters richtet. Diese bis an die Grenze des Bos 
haften streifenden Beinerkungen müssen um so 
größere Verwunderung erregen, als die Be 
ziehungen Dingelstedts zu Koenig, wie sich aus 
dessen Erinnerungen und Bekenntnissen (Ein Still 
leben II, S. 50 ff., 70 f., 138) ergibt, jederzeit 
freundliche gewesen sind. Nur wo die Freundschaft 
tiefere Wurzeln geschlagen hat, kann der Ausdruck 
teilnehmender Trauer so innig erklingen, als es 
in Dingelstedts poetischem Nachrufe auf den Tod 
des frühverschiedenen Sohnes Koenigs geschieht. 
Und auch die drei Briefe des hessischen Roman 
schriftstellers, die in Dingelstedts Nachlasse vor 
handen sind, beweisen, daß beide Männer noch 
zu einer Zeit, loo Dingelstedt schon längst der 
hessischen Heimat enüvachsen war, freundlichen Ver 
kehr miteinander gepflegt haben. 
Der erste Brief beantwortet Dingelstedts 
Schreiben vom 2 . 12 . 1836: 
Euer Wohlgeboren 
haben mich mit Ihrer herzlichen Zuschrift vom 
2. d. M. die mir gestern am trüben kürzesten 
Wintertag überkam, aufs Innigste erfreut. Nicht 
nur daß ich solche ehrenden Gesinnungen von ge 
schätzten jungen Dichtern erfahre, sondern besonders 
auch, daß solche erfreulichen Grüße von Kassel 
kommen, in einer Zeit, wo es wahrscheinlich ent 
schieden wird, daß man mich nach Kassel versetzt. 
Geschehe dieß nun oder nicht, so schlage ich für 
alle Fälle in Ihre freundlich dargebotene Hand 
zu einem hoffentlich recht fruchtbaren Bund. Ein 
vaterländisches Unternehmen nähert uns einander; 
persönlich werden wir uns aber noch inniger ver 
binden, und ich verspreche mir viel davon. Dahier 
fehlt es mir durchaus an einem solchen Freunde
	        

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