Full text: Hessenland (30.1916)

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Vom Kasseler Theater. 
Um Gustav Freytags hundertsten Geburtstag nach-- > 
träglich zu feiern, hatte die Hosbühne das Schauspiel 
„ Graf Waldemar ", das viele Jahre vom Spiel 
plan verschwunden war, neu einstudiert. Man hätte den 
Manen des Dichters vielleicht einen besseren Dienst ge 
leistet, würde man die „Journalisten" gegeben haben, 
das einzige deutsche Lustspiel von hohem künstlerischen 
Wert, das in langen Dezennien der Unfruchtbarkeit der 
deutschen Bühne geschenkt ward. Aber das Stück ist 
schon häufig über die Hoftheater-Bretter gegangen, und 
so wollte man den Kunstfreunden etwas Neues bieten. 
Stoff und Behandlung des Schauspiels liegen uns heute 
weltenfern. Der edle Gras, der sein Leben verfehlt hat 
und seiner Blasiertheit, seinem Weltschmerz, seiner wil 
den Daseinsführung durch die Liebe zu einer holden 
Gärtnerstochter entrissen wird, konnte, als das Stück 
vor fünfundsechzig Jahren erschien, auf das Interesse 
unserer romantisch angehauchten Großeltern rechnen. 
Heute nehmen wir ihn und seine beißende Ironie nicht 
mehr ernst. Wie Buridans bekanntes Grautier zwischen 
zwei Heubündeln schwankt er zwischen der edelsinnigen 
Gertrud und der dämonischen Fürstin Udaschkin hin und 
her. Heimliche Ehe, Dokumentendiebstahl, Falschspiel, 
Mordversuch, Kindesraub spielen eine Rolle, — kurz, der 
romanhaften Zutaten sind soviel, daß die Sache nur 
dadurch genießbar wird, daß man im Biedermeierkostüm 
spielte und uns damit einredete, so sei die damalige Welt, 
die mit der jetzigen sehr wenig Ähnlichkeit hat, gewesen. 
Der Sprachmeister Freytag tritt allerdings auch in 
diesem Schauspiel zutage. Jedenfalls ist es interessant, 
einmal auf der Bühne etwas von dem Durchgangs 
stadium zu sehen, das der Dichter durchlaufen muhte, 
ehe er der poetische Realist wurde, dem so große Werke 
glückten. — 
Herr Sieg hatte mit vielem Geschick seines Amtes 
als Regisseur gewaltet. Herr Hahn gab die Titel 
rolle. Nicht immer kam seine ironische Weltbetrachtung 
natürlich heraus, doch konnte man sich im ganzen mit 
seiner Darstellung einverstanden erklären. Fräulein 
Mund war eine liebreizende Gärtnerstochter. Sie ver 
fügt über ein einschmeichelndes Organ und wirkte sehr 
natürlich und herzlich. Die Fürstin des Fräulein G ö r - 
l i n g war so verführerisch und leidenschaftlich wie mög 
lich, der Kammerdiener des Herrn S t r i a l eine sehr 
hübsche, fein ausgeführte Charakterzeichnung. — 
Dann gab es die „Zwei glücklichen Tage" von Schön- 
than-Kadelburg. Das Stück ist früher hier oft gesehen 
worden. Sein harmloser Humor erfreute und ließ gut 
mütig übersehen, mit welch grober Technik jeder neue 
Trick eingeführt wird. Vielleicht aber hätte das Pub 
likum den Schwank doch schon zu verstaubt gefunden, 
wäre nicht Herr S t r i a l ein so fescher, herzersreuender, 
gemütlicher und lebensfroher Wiener gewesen, der immer 
wieder die Lacher auf seine Seite zu bringen wußte. 
Herr B o h n ö e repräsentierte den glücklich-unglücklichen 
Villenbesitzer vortrefflich, und als Backfisch Else führte 
sich Fräulein Heinrich außerordentlich günstig ein. 
Die junge Künstlerin, die einige Abende später den 
Lanzelott Gobbo im „Kaufmann von Venedig" mit 
drastischer Komik zu geben wußte, scheint für die naiven 
jungen Mädchen die nötige Jugendlichkeit, Frische und 
Herzlichkeit zu besitzen. 
Im Zentralhotel, dessen kleine Bühne geschmackvoll 
hergerichtet ist, hat Frau Lissy Nordau K a m m er 
spiele eröffnet. Sie will nur, oder doch vornehmlich, 
solche Stücke geben, die nur im intimen Raum gespielt 
wirken und deren Eindruck aus umfangreicherer Szene 
zerflattern und zerstäuben würde. Mit der Eröffnungs 
vorstellung „Nur ein Traum" von Lothar Schmidt hat 
sich das Unternehmen glücklich eingeführt, und die Auf 
führung war vortrefflich. Wir werden auf die Bühne 
und die Leistungen, die sich im genannten Lustspiel meist 
sehr erfreulich darstellten, zurückkommen. 
H. Blumenthal. 
— -*»• 
Aus Heimat und fremde. 
Hessische Ausstellung im Kunstverein. 
Der kurhessische Künstlerbund und die 
Mitglieder der Ortsgruppe Kassel der All- 
gemeinenDeutschenKun st genossen schaft 
bieten z. Zt. eine bis Ende September geöffnete reich 
haltige Ausstellung ihrer neueren Arbeiten. Vorherr 
schend (auch in qualitativer Hinsicht) ist im Gesamtbilde 
dieser Kunstschau, wie üblich, das Landschastsbild, und 
man vermißt unter seinen Vertretern wohl keinen der 
bekannten Namen, an die sich — wenn man sie nur 
ausspricht — sofort vertraute Vorstellungen von Art, 
Auffassung und Können der Betreffenden knüpft: Fried 
rich F e n n e l, Ferdinand Koch, Heinrich Giebel, 
Julius Jung und Carl Jung, Richard 
I e s ch k e, Adalbert Metzger, der Rhönmaler Julius 
von Kreyfelt, Alfons Breuer, Julius H e l l - 
n e r usw. Neben der reinen Landschaft wird aber 
auch die figürliche Malerer und die Binnenraumdarstel 
lung im kurhessischen Künstlerkreis in bemerkenswertem 
und, wie es scheint, neuerdings in steigendem Maße ge 
pflegt. So sieht man von Emmanuel Potente, der 
übrigens auf hiesigen Ausstellungen ein seltener Gast 
ist, einen weiblichen Akt von saftiger, blühender Farbig 
keit, von Herm. Gras, Weimar bei Kassel, ein poefie- 
> volles Jnnenraumstück (Fensterecke mit blumengießendem 
Mädchen), von Adalbert Metzger (neben mehreren 
Porträts) zwei in Sonnenschein getauchte Marktszenen, 
von Prof. Hugo Schneider eine romantische Kom 
position „Märchen aus alter Zeit", ferner Bildnisse und 
Bildnisstudien, auch figürliche Darstellungen in Ver 
bindung mit Jnnenräumen und Landschaften von Lud 
wig V o ß , P f o r r, Laudenbach, Heinrich Giebel, 
Marburg, Arno Weber, Adelheid S o e st, Julius 
Klebe. Nicht unerheblich ist ferner die Zahl tüchtiger 
graphischer Leistungen. Der in München lebende Hans 
N e u m a n n sandte einen für seine Art besonders 
charakteristischen farbigen Holzschnitt, Adalbert Metzger 
einige stimmungsvolle Steindrucke, Richard I e s ch k e 
und Friedrich F e n n e l schwarz-weiße und farbige 
Landschaftszeichnungen. Weiter sind zu erwähnen die 
Zeichnungen von Gustav W i t t i ch und Fr. C a u e r, 
die Radierungen von L. V o ß und Georg Zimmer, 
von letzterem außerdem farbige Handdrücke. Mit plasti 
schen Arbeiten sind vertreten Carl B e r n e w i tz (Büste 
und Kleinbronzen) und sein Schüler Carl T a e n z e r 
(weibliche Aktstatuetten und Büsten), ferner Fr. C a u e r 
mit einer Kriegsplakette „Säemann" und der vielseitige 
Ludwig B o ß mit einer tüchtigen Bildnisbüste eines 
alten Mannes in Bronze. E. Z.
	        

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