Full text: Hessenland (30.1916)

M8L- 268 SS8L. 
Aus den Scherzreden, die unter den Kameraden 
hin- und herflogen, entnahm er, daß eine Frau 
in der Kapelle anwesend sein mußte. 
Es währte auch nicht lange, da öffnete sich die 
Tür und ein weibliches Wesen trat tief verschleiert, 
den Rosenkranz in zitternder Hand, zaghast hervor. 
Der Anblick so vieler feindlicher Krieger ließ sie 
erschrocken zurückfahren. 
Der Spott der Kameraden trieb Heinrich Bal- 
damus die Röte in die Stirn und zwang ihn, 
die wenigen Stufen emporzuspringen, um der ge 
ängsteten Frau auf Französisch zu sagen, daß sie 
getrost ihren Weg fortsetzen dürfe, er werde sie 
schützen. 
Frohes Erstaunen, dem ein dankbares Stam 
meln folgte. Eiligen Schrittes verließ die junge 
Frau an der Seite ihres Feindes den Grt der 
Andacht. 
Heinrich Baldamus wagte es nicht, eine Unter- 
redung anzuknüpfen. Nur blieb er auf der 
untersten Stufe der Freitreppe des Herrenhauses 
grüßend stehen. 
Und siehe, eine weiße Hand schlug den Schleier 
zurück und suchte seine Rechte. Er erwiderte 
herzhast den Druck und starrte noch eine Weile 
auf das stolze Portal, dahinter die Gestalt ver 
schwunden war. 
Die Nacht träumte er von drei Frauen, die 
ihm auf der Schloßtreppe grüßend entgegenkamen: 
St. Elisabeth mit ihrer Kirche im Arm, die Bel- 
gerin mit dem Schwein und die schwarze Dame 
mit dem Rosenkranz. Jede bot ihm ihre Gabe 
an, und er wußte nicht, was er wählen sollte. 
Sie waren wieder auf dem Marsche in Durst 
und Sonnenbrand. Der Unteroffizier hielt eine 
Vorlesung über Geschichte. Das wäre genau, wie 
wenn man daheim auf einer hessischen Höhe stände: 
Wald hinter Wald bis in die Wolkenfernen. 
Die Täler alle zugedeckt, als ob das Land ein 
einziger Wald wäre. Gerade so schöb sich einem 
im Kriegsgewirr das Weltgeschehen zusammen. 
Von heute kam er auf 70, 66, 64, auf die 
Napoleonstage, dm Nordamerikanischm und 
7jährigen Krieg. Auf jeder Höhe sah er einen 
Helden seiner Sippe stehn, als wäre Menschen 
schicksal der Krieg allein und die Welt nichts 
weiter als ein Kriegstheater. 
Heinrich Baldamus war ihm da ein williger 
Zuhörer. Aber wie Sterne überm Walde leuch 
teten ihm hinterher immer wieder die Frauen 
und regierten seine stillen Stunden. Er redete 
nicht von ihnen und wußte das wohl, daß es 
recht ist, wenn man das beste immer für sich 
behält. Es mochte nicht leicht noch einer im 
Regimente sein, der mit solch einer Fröhlichkeit 
innerstm Verbundenseins durch diese Auen ging, 
als Heinrich Baldamus. 
Eines Tages stand er im Gefecht. Ein Wald 
war zu stürmen. Tn solchem Augenblick ruft 
jeder alle guten Geister herbei, Heinrich Baldamus 
brauchte nicht lange zu rufen: beständige Gegen 
wart waren ihm eine Kirche, ein Rosmkranz — 
und ein Schwein. 
Als der Feind geworfen war und sie im Wäld 
chen sich eingruben, traf er seinen Kameraden 
heil und ganz. „Du", sagte der und fiel ihm 
um den Hals, „Du hattest doch recht, daß wir 
das Schwein ließen, es ist unser Glücksschwein 
gewesen." Heinrich Baldamus lächelte, glittm 
ihm nicht Rosenkranzperlen über die Hand? Er 
grüßte St. Elisabeth. Die zahlreichen Löcher in 
Helm und Waffenrock ließen ihn glauben, es sei 
keine Kugel für ihn gegossen. — — — 
(Fortsetzung folgt.) 
-«-«» 
Letzte Fahrt. 
Dem Andenken der Frau von Heatheütr +. 
Zum Friedhof hinaus am Schlosse vorbei, 
Auf dem Bock den alten getreuen Lakei, 
Sah'n wir sie ziehen Jahr und Tag, 
Tief verschleiert im Wagenschlag. 
Am Schlosse stets neigt' sie sich wenig vor, 
Lin Blitzen zuckt unterm Seidenflor. 
Die Lippen beben - sie kann's nicht vergessen, 
Ihr junges Leben: Kurfürst, Kurhessen l — 
Durch Wände schaut sie und Jalousien, 
Sieht sich zum Thronensaale ziehn 
Marmorempor in duftigem Kleid, 
Zu Hessens bescheidener Herrlichkeit. 
Und die Edelen alle aus hessischem Blut 
- Man lebte auch damals recht glücklich und gut - 
Hier schaut' sie sie alle. — Vorbei nun, vorbei! 
Ein Grab harrt draußen in grüner Reih. — 
Heut fuhr sie zum allerletztenmal 
Vorüber am stillen Schlotzportal. 
Wehmut späht heimlich hinterher: 
Der Sarg und die Blumenkränze schwer 
Mit hessischen Schleifen — o wie das brennt I 
Hat alles seinen Ansang und End'. — 
Mir ist, als fchlöff' dieser schwarze Schrein 
Ein Letztes von Ält-Hessen ein. 
Kassel. 
Heinrich Bertelmann.
	        

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