Full text: Hessenland (30.1916)

s«L- 259 sê. 
dreijochigen, aus dem Achteck geschlossenen Chor. 
Als Wandstützen für die Rippen finden sich im 
Chor runde Dienste, im Schiff skulpierte Konsol- 
steine, die an fremden Stellen im Innern und 
Äußern vermauert sind, mährend das Gewölbe 
des Schiffes selbst durch eine Holzdecke ersetzt ist. 
Die zweiteiligen einfachen Fenster zeigen an einer 
Stelle im Maßwerk bereits Fischblasen. Die schul 
mäßig ausgebildeten Strebepfeiler sind mit Pult 
dächern abgedeckt. Neben einem Portal mit wage 
rechtem Sturz findet sich auf der Südseite ein 
Spitzbogeneingang mit liegendem Christkopf im 
Scheitel. An Kleinarchitektur haben sich im Äußern 
ein Weihwasserbecken, eine Nische für eine Heiligen 
figur oder Totenleuchte und eine Piscina in der 
Sakristei, im Innern ein Wandtabernakel mit 
Kreuzigungsgruppe erhalten. Die große Altar 
platte besitzt noch die Weihekreuze aus der katho 
lischen Zeit. 
Den Hauptschmuck des Gotteshauses bildeten 
einst die wertvollen Glasmalereien, von denen 
leider jetzt fast jeder Rest an Ort und Stelle fehlt. 
Die schönen gotischen Stücke, die deshalb auch lokal 
geschichtlich von Belang waren, weil sie die Dar 
stellung des vor dem Crucifixus betenden, ge 
krönten Dagobert enthielten, sind zum größten Teil 
beim Bau der Löwenburg zu Wilhelmshöhe zur 
Ausschmückung der Kapelle verwandt worden. 
Auch später noch wurde die Herausnahme weiterer 
Glasgemälde verfügt, weil man beabsichtigte, noch 
andere Fenster der Löwenburg sowie die Fenster 
im Chor der Martinskirche zu Kassel mit den 
alten Tafeln zu versehen. Im Jahre 1824 wurden 
überhaupt 18 rechteckige Verglasungsfenster von 
19 bis 22 Zoll Höhe und 16 bis 17 Zoll Breite 
und 9 Felder der Bogenspitzen herausgenommen 
und größtenteils in sehr beschädigtem Zustande nach 
Kassel abgeliefert. Man scheint hierbei mit großer 
Sorglosigkeit und Unkenntnis zu Werke gegangen 
zu sein. Dabei ist es anscheinend zur Verwendung 
der Stücke gar nicht gekommen. Selbst der Verbleib 
der Glastafeln ist ungewiß. Im Museum zu Kassel 
befinden sich Scherben und Bleiruten, die als die 
Reste angesprochen werden. 
Erwähnt wird die Kirche urkundlich im Jahre 
1194 und zwar in Gemeinschaft mit den Kirchen 
zu Mosheim und Hilgershausen als Filialen der 
Mutterkirche zu Sippershausen. Sie gehörte zur 
Abtei Hersfeld. Patronin war die Mutter Gottes. 
Von der inneren Ausstattung scheint das Gottes 
haus während des 30 jährigen Krieges viel ver 
loren zu haben, insbesondere als im August 1636 
die Tillyschen Scharen unter General Götz die 
Gegend brandschatzten. Die Kroaten, die einen 
Teil des Dorfes in Asche legten und vermutlich 
auch den Dachstuhl der Kirche zerstörten, sollen 
Glocken und Orgelpfeifen geschmolzen haben. 
Von der Friedhofsumwehrung sind einige Mauer- 
und Portalreste erhalten. Der rechteckige Grundriß 
weist die Anlage der gotischen Zeit zu. Ein stei 
nerner Eckgaden führt im Volksmunde die üblich 
fälschliche Bezeichnung als Kloster. Auch der ob 
ligate unterirdische Gang fehlt in der Phantasie der 
Ortsbewohner nicht. Die Sakristei an der Nordseite 
der Kirche diente zeitweise als Kerner. Steinblöcke 
und Bäume zeigen vor dem Kirchhofstor die Stelle 
von Gemeindeteich und Anger an. 
Warschauer Eindrücke. 
Von vr. med. AlbertWittgenstein, Kassel. 
(Schluß.) 
6.0. Bon diesem Lazarett aus habe ich dann später 
den gewaltigen Festzug besichtigt, der am 3. Mai 
zur Feier der 125 jährigen Erinnerung an die nur 
so kurze Konstitutionsgesetzgebung Polens durch 
die Straßen Warschaus flutete. Dieser Festzug 
wurde von etwa 130 000 Polen und Polinnen be 
stritten und nahm zu seiner Entfaltung über 2 i/ 2 
Stunden in Anspruch. 
Die Veranstaltung gewährte schon durch die auf 
gebotenen Massen, die in Sport- und Vereins 
gruppen aller Art zusammengefaßt waren, einen 
mächtigen Eindruck. Dazu kamen reizende Volks 
trachten der Gegenwart und Vergangenheit, die von 
wohlgestalteten Polinnen in Erscheinung gebracht 
wurden. Unaufhörlich erklang von einer mir gerade 
schräg gegenüber auf einem Erker sitzenden Kapelle 
die polnische Nationalhymne, eine einfache und 
schwermütige Weise, die nur bisweilen von hellen 
Zurufen übertönt wurde. — 
Wie ich überhaupt schon im Straßenbilde ver 
sucht hatte, den Grundzug der polnisch-slavischen 
Rasse herauszufinden, ließ ich mir dies besonders 
bei den Zugteilnehmern angelegen sein. Mußten 
doch die tausend und abertausend weiblichen Ge 
stalten, Reihe in Reihe, eigentlich die beste Aussicht 
hierzu bieten. Nichtsdestoweniger war der Erfolg 
durchaus unbefriedigend. Was wir uns so gemein 
hin nach Operettenaufführungen, Kartenbildern usw, 
von dem Typ der Polin vorstellen, fand ich in 
Warschau nur in sehr vereinzelten Fällen aus 
geprägt. Am ehesten noch unter den niederen 
Ständen, in Form der feurigen Augen und des
	        

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