Full text: Hessenland (30.1916)

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Kriegserlebnisse eines Kasselaners. 
(Fortsetzung.) 
G. C. Die Pferde springen, auf, als die Fran 
zosen mit schwersten Geschützen 400 m von uns 
entfernt eine Scheinbatterie unter Granatfeuer 
nehmen. Da haben wir uns einmal wieder recht 
gefreut. Der Farmandoppeldecker spioniert und 
kundschaftet ganz großartig. Täglich findet er eine 
neue unterirdische und gut verdeckte Scheinstellung 
in die sie tadellos zielend Unmassen von Munition 
verpulvern. Unsere wahren Stellungen sind über 
haupt unsichtbar, selbst wenn wir dicht davorstehen. 
Und auch die Scheinstellungen sind nicht etwa 
freistehende maskierte Gebilde, es sind tadellos 
verdeckte Unterstände mit Reisig drauf, zu denen 
Laufgräben führen. Wenn unsere Batterien schießen, 
wird hier in der Nähe zur selben Zeit ein Lichtblitz 
abgeschossen, der Heller leuchtet. Und am nächsten 
Morgen kommt der Flieger, macht an dieser Stelle 
einen Kreis und schon geht zu unserm Vergnügen 
die Massenmunitionsverschwendung los. Ein Ge 
schütz haben sie hier noch nicht erwischt. Wir 
machen's ganz anders. Aber davon ein anderes 
Mal, zurück zu meiner Badeanstalt. 
Heute ist die Osfizierskabine durch feierliche Ein- 
seifung unseres Oberleutnants eingeweiht. Es fehlt 
nichts. Kalte und warme Dusche, in die Erde ein 
gemauertes emailliertes Becken, Teppiche, Por 
zellanwaschbecken an der Wand, alles ist da. Und 
genau so wird's für die Unteroffiziere, die Mann 
schaft erhält nur Brausen und mit uns ein Sonnen 
bad. So ein Krieg führt manche in bessere Ver 
hältnisse wie zu Hause. 
Draußen donnern heute unaufhörlich die Mörser 
und Haubitzen, aber das stört uns nicht mehr, wir 
würden schlecht schlafen, Wenn s nicht so wäre. Viel 
Tote gibt's ja dabei doch nicht, allerdings hat gerade 
meine Gruppe heute einen Schwerverwundeten, 
dem ein Granatsplitter in den Kopf ging. 
Der gestrige Abend und die Nacht waren ent 
schieden schrecklicher. Ich habe wach im Bett vom 
Abend bis zum Morgen gesessen. Ich konnte es 
vor Ratten nicht mehr aushalten, eine sprang aus 
einem Loch an der Decke auf mein Strohlager, und 
zwei andere sprangen dauernd im Zimmer herum, 
suchten sich Löcher und piepsten und bohrten am 
morschen Holz. Und kein Licht, nicht einmal ein 
Streichholz war mir zur Hand, ich war froh, als 
draußen grau der Morgen dämmerte. Mit der 
Mäuse- und Rattenplage ist's hier entsetzlich. Das 
Korn vom vorigen Jahre ist zum Teil auf den 
Äckern verfault und die Zuckerrüben, wir wohnen 
im Gebiet der Zuckerfabriken Frankreichs, lagen 
bis vor kurzem auf den Feldern. Da wimmelt 
es natürlich von Ungeziefer. — Jetzt ist man 
daran gegangen, der Plage Einhalt zu gebieten. 
Die Kornreste werden auf den Äckern verbrannt 
und untergeackert und die Rüben werden nutzbar 
gemacht. Die Pferde fressen sie gern, und für uns 
weiß man mit Erbsen, Karotten und Fleisch ein 
tadelloses Gericht daraus zu machen. 
Heute hat auch die Kompagnie ihr erstes Eisernes 
Kreuz bekommen. Für unsere gemeinsame Er 
kundung des Minenstollens und der feindlichen 
Stellung wurde Leutnant Sch. heute vom Ober 
leutnant die Auszeichnung angeheftet. Heut war er 
bei mir oben im Zimmer. Er will jetzt mit wenigen 
Leuten in die feindliche Stellung hinein, mit Hand 
granaten die Franzosen auseinandertreiben und 
Gefangene machen, die er hinterher ausfragen will. 
So will er sich seine zweite Auszeichnung erwerben. 
Mir bangt um ihn, ich halte den Plan für unaus 
führbar. 
Ich habe mein Tagebuch oft wieder aus der 
Hand gelegt, es fällt mir heut so schwer zu schreiben. 
Gestern, 3. Mai, habe ich vom frühen Morgen 
bis abends 9 Uhr, ohne Mittag- und Abendbrot zu 
bekommen, ein Feldwerk bei G. mit Leutnant Sch. 
zusammen projektiert. Und als ich abends müde 
und abgespannt heim komme, finde ich einen Brief 
von H. vor, der mir banggeahnte schlimme Kunde 
bringt. . . . Ich habe bis nachts 3 Uhr bei Kerzen 
schein gearbeitet, dann bin ich auf mein Stroh 
gekrochen und habe mich ausgeweint. 
Heute ist bereits der 6. Mai. Gestern und heute 
erhielt ich nun die schmerzliche und doch befreiende 
Kunde, daß der liebe R. den Heldentod nach sieg 
reicher Schlacht fürs geliebte Vaterland gestorben 
ist. . . . 
Meine Wohnung in A. ist seit heute nicht mehr 
jenes niedrige Stübchen im Schloß, jetzt wohne ich 
in einem idyllischen Gartenhäuschen vor dem Glas 
haus des Schlosses. Efeu rankt sich vor den 
Scheiben, und über das alte spitze Schieferdach und 
in den hohen blütentragenden Kastanien, die ihre 
langen Zweige tief auf mein Häuschen herunter 
hängen lassen, singen Fink und Meise und schluchzt 
nachts die Nachtigall. Und wenn ich vor der Tür 
im Mauereck an den Beeten sitze, dann fällt mein 
Blick auf den herrlichen Schloßpark mit seinen alten 
Bäumen und weiter auf das Dorfkirchlein. Viel 
stimmige Maienlieder werden draußen von den 
rastenden Soldaten gesungen, Harmonikaspielen 
dringt herüber, und dazwischen dröhnt immer der 
knallende Donner der Mörser- und Haubitzbatterien.
	        

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