Full text: Hessenland (30.1916)

M8L. 243 §WL> 
..Das Lied der Deutschen" 
und sein Dichter in seinen Beziehungen zu den Brüdern Grimm 
und anderen Hessen. 
Von Georg S ch w i e n i n g. 
Wohl nie ist "die Überschrift, die ein Dichter 
seinem Gedichte gegeben, so zur Wahrheit ge 
worden, wie bei „Deutschland, Deutschland über 
alles", „dem Liede der Deutschen", das sich längst 
vom Liede zur stolzen Nationalhymne der 
Deutschen erhoben hat. Selten aber auch ist es 
einem Dichter gelungen, so aus vollem begeisterten 
Herzen heraus in kurzen, packenden Worten alles 
auszudrücken, was die Herzen seines Volkes erfüllt. 
Das Lied kennt jetzt jeder Deutsche. Die 
Kinder singen es und die Alten zum Troste daheim, 
und unsere heldenmütigen Krieger lassen es draußen 
in Ost und West wie auf dem Weltmeere als 
Kampf- und Trutzlied erschallen. Am 26. August 
aber jährt sich der Tag zum 75. Male, an dem es 
Hoffmann von Fallersleben auf dem 
damals englischen Helgoland im Jahre 1841 ge 
dichtet hat. Er selbst erzählt uns davon >): „... ich 
mußte dichten und wenn ich es auch nicht gewollt 
hätte. So entstand am 26. August (1841) das Lied: 
„Deutschland, Deutschland über alles! . . . Am 
29. August lese ich Campe 2 ) (das Lied vor) und 
noch ehe ich damit zu Ende bin, legt er mir die 
(geforderten) 4 Louisdor (hin und) schmunzelt: 
„Wenn es einschlägt, so kann es ein Rheinlied 2 ) 
werden." . . . Am 4. September bringt mir Campe 
das Lied der Deutschen mit der Haydnschen 4 ) 
Melodie 5) in Noten. . . . Am 8, September (bei 
Campe in Hamburg). Von dem Liede der Deut 
schen, das bei Fabricius stereotypiert ist, sind 400 
Exemplare an Cranz in Breslau geschickt. . . . Am 
5. Oktober wird Welckern 6 ) ein Ständchen gebracht. 
*) „Mein Leben" III. (1837—1842). Hofsmann 
von Fallersleben. Ausgewählte Werke. Herausgegeben 
von Hans Benzmann, Leipzig, Max Hesses Verlag. 
2 ) Julius Campe, Firma Hoffmann & Campe, 
bekannter Buchhändler und Verleger in Hamburg. 
Bezieht sich auf den Anklang, den 1840 Nik. Beckers 
„Rheinlied": . „Sie sollen ihn nicht haben, den freien 
deutschen Rhein", und Max Schneckenburgers — gleich 
falls 1840 gedichtete — „Wacht am Rhein": „Es 
braust ein Ruf wie Donnerhall" überall gefunden hatten. 
^) Joseph Haynds Melodie zur österreichischen National 
hymne: „Gott erhalte Franz den Kaiser". 
b) Ludwig Nohl in seinen Musiker-Biographien 
III. Bd. „Haydn", Leipzig, Ph. Reclam sau.: „.. . so 
ist dieses („Deutschland, Deutschland über alles") auch 
zu Haydns Melodie gedichtet und ohne Zweifel vor 
allem dadurch so rasch und so allgemein als deutsche 
Volkshymne aufgenommen worden." 
b) Karl Theodor W e l ck e r , Rechtslehrer und libe 
raler Politiker in Heidelberg. 
Die Schäffersche Liedertafel und die Turner er 
scheinen und singen bei Fackelschein und mit Be 
gleitung von Hornmusik: Deutschland, Deutschland 
über alles! . . . Wir begrüßen dann Welcker, Wille 
überreicht ihm mein Lied der Deutschen." Das 
Lied war, wie Nohl 2 ) von der Melodie sagt: 
„ein voller Ausbruch.eines gesamten 
Volksempfindens!" Das hat sich jetzt in 
dem gewaltigsten Kampfe um Deutschlands Frei 
heit, Einheit und Größe — dem gewaltigsten, den 
Deutschland seit Karl des Großen Tagen je darum 
geführt hat — klar und auch unsern Feinden er 
kennbar gezeigt. 
Im „Hessenland" wurde bereits die Studie des 
bekannten Marburger Germanisten, Professor F. 
Vogt, über „Deutschland, Deutschland über alles" 
erwähnt?) Der Gelehrte zeigt dort, wie nicht nur 
die Engländer und Amerikaner unser Nationallied 
auslegen, sondern daß auch ein sonst wohlwollender 
Schwede, als er das Lied von deutschen Soldaten 
singen hörte, es eine „lärmende Prahlerei" nannte. 
Darauf hier näher einzugehen, würde zu weit 
führen, an dieser Stelle soll besonders das Ver 
hältnis Hoffmanns von Fallersleben zu Kassel 
und bekannten hessischen Persönlichkeiten behandelt 
werden. 
August Heinrich Hoffmann, zu Fallersleben in 
Hannover am 2. April 1798 geboren, war schon 
im Sommer 1811 zweimal in Kassel, der damaligen 
Residenzstadt des Königreichs Westfalen, wozu auch 
Fallersleben, wo sein Vater „Maire" war, gehörte. 
Sein Aufenthalt und seine kulturell hochinteressanten 
Erlebnisse in Kassel 8 ), worauf später einmal zu 
rückgekommen werden soll, können hier nur gestreift 
werden, ebenso wie die seiner Fußreise von Göttingen 
aus, wo er studierte, im Sommer 1816. Von Wichtig 
keit ist aber seine Reise nach Kassel in den Michaelis 
ferien 1818, da sie durch die Bekanntschaft mit 
I a c o b G r i m m, die er zufällig in der Bibliothek 
des Museums machte, für sein Leben von größter 
Bedeutung wurde. Einmal verdankte er ihr seine 
e r st e Veröffentlichung, einen ihm von Jacob 7 8 
7 ) „Hessenland" Nr. 14, zweites Juli-Heft 1916, 
Seite 222, „Ein Sonnwendgruß". Besprechung von: 
„Sonn wendgruß ihren im Felde stehenden Kom 
militonen am 21. Juni 1916 zugesandt von der Univer 
sität Marburg", Marburg a. d. Lahn. N. G. Elwerts 
Verlag. 
8 ) Nach Hossmanns von Fallersleben Selbstbiographie: 
„Mein Leben", die auch dem weiteren zugrunde liegt.
	        

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