Full text: Hessenland (30.1916)

„thörichte Fraw". Einem der Krüppel ist ein 
Bein „abgestoßen", einem „soldat ist ein dein", 
einem Feldscherer sind beide Beine abgeschossen. 
Einem „man aus dem Hartz" sind die Füße er 
froren. Auch ein „schadhafftiger Zimmermann'h 
mehrere „zerfallene", „zwey verderbte mäner" und 
eine „durch den Brand verderbte Person" befinden 
sich unter den Bettlern. Ein „armer krüppel konde 
nich reden". Eine „lame" und eine „lame und gar 
gebrechliche fraw" werden nach andern Dörfern 
„geführt", und ein „man führt drey Preßhaffte 
Personen von dorff zu dorff". Auch „ein man so 
vf einem esel geritten", erhält seine Gabe. „Einem 
lammen man von hoff Geißmar, so vf eynem Karen 
von einem torff vf das ander gefahren", gibt man 
3 alb., „einem lammen man von Höxter so vf einem 
karen umb hergefahren", 4 alb. Um „ein krankes 
mätchen weiter fahren" zu lassen, wendet die Ge- 
ineinde 1 alb. 4 hl. auf. Der Fuhrlohn für eine 
„arme fraw" beträgt 3 alb., derjenige für eine 
andere Arme mit ihrem Kinde 4 alb. Zur Zehrung 
gibt man ihr noch 2 alb. Ein Kind wird „anher 
getragen"! 
Verschiedentlich erhalten Einwohner Abterodes 
Bezahlung für mehrtätige Aufnahme durchziehender, 
vielleicht nicht mehr beförderungsfähiger Personen. 
„3 alb Jörge albrechts rl. geben, so eine arme 
fraw so ald vnd Krank gewesen in Ihr Hauß ge 
nommen, so auch darin gestorben ist. 2 alb sind 
dem schuhlmeister geben, hatt die danksagung ge 
than, wie die alde fraw begraben worden ist." Von 
verschiedenen kranken, bettelnden Personen wird die 
,,zehrung" auf Kosten der Gemeinde „gemacht". 
Unter den mit „Preßhafftigkeit" oder Gebrechen 
behafteten Bettlern fällt die große Zahl der „armen 
schuhldiener" auf. Es handelt sich bei diesen.wohl 
um noch nicht im Amte befindlich gewesene Lehrer, 
da viele von ihnen aus Orten kommen, die einen 
Schuldiener in der heutigen Bedeutung des Wortes 
keinesfalls hatten. Auch „schuhl m e i st e r " und 
„arme phar Herrn" mit Weib und Kindern — einer 
hat deren neun — sprechen häufig vor und erhalten 
ihre Spende. Einer „armen Pfarrerin" aus Grün 
stadt gibt. man 1 alb., einer „Pfarrers Wittib" 
3 alb. Dreimal wird eines „pharr Herrn Sohn 
zugesteuert". Einer dieser Pfarrersöhne war „aus 
dem neustädtlein, zwei Meilen uff jenseit Koburg 
her", „zwey pharr herrs jungen" kamen aus 
Schlesien. Von verschiedenen bettelnden „studenten" 
hatte einer eine „lamme Hand", einer war „aus 
Mastrich gebürtig". Mehreren „alden oder ab 
gedankten soldaten und zweyen mänern mit kleinen 
Kindern" wird ebenfalls „zugesteuert". Hand- 
werksmänner und „Burschen" werden, nur einige 
mal erwähnt, und sie erhalten je 1 alb. 6 hl. Es 
erhalten außerdem ein englischer Edelmann namens 
Hamilton, mehrere „frantzoscn" und ein „Korporal 
aus Cantia" Almosen im Betrage von 3 bis 7 alb. 
Einem Soldaten gibt man 3 alb., „weil sein Weib 
Zwillinge hier bekommen hat", und dem Besitzer 
des Hauses, in dem die Famstie Unterstand erhält, 
werden „für holtz und zehrung" 7 alb. gezahlt. 
Vier „soldaten. Weiber, denen ihre mäner nach 
Ungarn mitgeschickt", und eine „fraw, deren man 
vor die Türken geschickt", sowie einem „armen 
jungen vom Rheinstrohm" wird auch „mitgesteuert". 
Einige der Genannten erhielten ihre Zusteuer auf 
„bevehlig" oder „befehlig" des Herrn „Ambts- 
schultzen". 
Viele der Bettelnden sind „vertriebene". Einer 
ist von den „frantzosen", mehrere „aus frankreich", 
diese „um die religon" vertrieben, die meisten aus 
der „pfaltz", die zu jener Zeit erst durch Spinola, 
dann durch Tilly verwüstet war. Unter den Ver 
triebenen aus der Pfalz befinden sich auch die 
meisten der schon erwähnten Pfarrer, einer davon 
mit fünf Kindern, viele Schulmeister und Schnl- 
diener. Auch aus Schlesien kamen verschiedene der 
„Vertriebenen", ein Rektor aus „Breslaw", meh 
rere „pharr Herrn", einige „schuhljungen" und 
„Pfarr Kinder". Sonst finden sich noch ein ver 
triebener Pfarrer aus Groß Sachsa, ein armer 
Schulmeister aus Ungarn und je ein Schuldiener 
aus „Osterich", aus dem „Elsas" und aus „Frey 
burgk". — 
Daß auch der Adel unter den Bettelleuten ver 
treten ist, ergaben schon der „verbrante Johann 
Casper von brunstein aus Düringen" und der eng 
lische Edelmann Hamilton. Aber noch eine Reihe 
weiterer Edler nimmt den Gemeindesäckel in An 
spruch. Ein „armes Edelfräulein aus Pommern" 
und eine „arme adelige weybs Person" erhalten 
je 2 alb. Einer armen „Edelfraw" gibt man „vor 
eßen u. trinken" 4 alb., „derselben mit uff den 
weg geben 2 alb, zwey Personen, so selbige nach 
Vockerode brachten" 2 alb. Einer andern armen 
Edelfrau gibt man „vor eßen u. 1/2 was bier 
3 alb., selbige nach witzenhaußen zu fahren 7 alb. 
Wiegands Liese, so selbiger Edelfraw korb getragen 
2 alb." 
Der Umstand, daß noch zwei andern Frauen, 
die weiter gefahren werden, der Korb getragen 
werden muß, läßt einen Schluß auf die Beschaffen 
heit der benutzten Gefährte zu. 
Daß neben allem Elend auch der Humor nicht 
fehlte, bezeugt folgende Buchung: 
„5 alb. so ein armer Edelmann beneben seynem 
diner bei dem wird alhier ver than durch Sein 
fleißiges bitten verehrt." —
	        

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