Full text: Hessenland (30.1916)

SS8L 19 SE 
IN ÑNINN seinen Besuch abstattet. Die Fahrt durch 
die Luft geht pfeilgeschwind 72 ), so daß der Neu 
ling kaum weiß, wie es geschehen 72 ), doch wird 
dabei jeglicher Weg und jeglicher Gegenstand, an 
dem ein Kreuz gezeichnet ist, gemieden. 74 * 76 ) Wieder 
andere kommen auf einem Fuder Heu, dem eine 
Herde Gänse vorgespannt ist, auf einem mit Speck 
und Würsten beladenen und von Ziegenböcken 
gezogenen Wagen und ähnlich tollen Fuhrwerken, 
wohl gar einem, dem ein Gespann Flöhe vorgelegt 
ist. 72 ) Trotz ihrer reißenden Eile finden die Hexen, 
ob auf der Hin- oder der Heimfahrt, bleibt unklar, 
doch noch genügend Zeit, um in der ersten Mai 
nacht die Spitzen der Herbstzeitlose abzuschneiden. 72 ) 
Sie bereiten sich daraus Kohl, Salat, Gemüse; 
in einem Fall nur 77 ) ist der Hexensalat für Ver 
giftung von Vieh und Menschen bestimmt. Eine 
Überlieferung 72 ) läßt sich sogar über die Tracht 
der Teilnehmer aus, sie besteht in einem langen 
schwarzen Kleide mit einem Strohgürtel und einer 
Haube, unter der ein langer Haarzopf herabfällt. 
Die Leitung des Festes liegt natürlich in der Hand 
des Teufels als des Gastgebers, der bald als 
großer schwarzer Bock in der Mitte des Tanz 
platzes steht 72 ), bald in Menschengestalt als 
grauer 22 79 * 81 ) oder ganz schwarzer langer Mann mit 
Kuhfüßen si) dirigiert bzw. als Musikant zum 
Tanz aufspielt. Nach einer Überlieferung 82 * ) weist 
der Teufel jeder Hexe einen schwarzen Geisbock 
zu, und diese Böcke fangen, wenn die Musik des 
höllischen Spielmanns oder seiner Musiker — 
denen dabei allerlei Tierknochen als Instrumente 
dienen 22 ) — einsetzt, alsbald an, wie toll mit 
ihren Hexen herum, zu' springen und zu tanzen. 
Einerlei aber, ob die Hexenquadrille nun geritten 
oder in der gewöhnlichen Weise getanzt wird, 
72 ) Lynker Nr. 23. 
72 ) Hess. Bl. f. Volksk. IV, 210 (Alsfelder Gegend!. 
74 ) Psister 61/62. 
76 ) Wucke II, 22. 
76 ) Psister 61; Mündlich (Oberhessen); Kehrein II, 
154; Hoffmeister 181, Nr. 18; Hess. Landes- und 
Volksk. II, 445 (Thüring. Niederhessen); ebenda II, 485 
(Schmalkalden); Curtze 388, Nr. 98 (Waldeck). 
77 ) Hess. Landes- u. Volksk. II, 445 (Thüring. Nieder 
hessen). 
72 ) Lynker Nr. 23. 
79 ) Bindewald 110. 
20 ) Wolf, Hess. Sagen Nr. 101. 
81 ) Protokollarische Aussage einer Hexennovize vor 
einem Msselder Pfarrer aus 1663 (Hess. Blätter für 
Volksk. IV, 210). 
f, Hess. Sagen Nr. 101. 
2 ) Wolf, Hess. Sagen 
82 ) Wucke II, 45. 
immer vollzieht sie sich in toll bacchantischer Lust, 
unter Schreien und Jubeln. Trotz aller Aus 
gelassenheit fehlt es dabei nicht an der nötigen 
Ordnung. Wer z. B. eine Viertelstunde zu spät 
erscheint, wer beim Tanz einen Fehltritt tut usw., 
bekommt zur großen Belustigung aller Gäste eine 
gewisse Anzahl Besenhiebe. 84 24 * * ) Ja, als einst eine 
Hexe aus Rhönberg den: Hexentanz anwohnte und 
dabei den Takt verfehlte, schlug ihr der darob er 
boste Tanzleiter dermaßen auf den Kopf, daß sie 
zeitlebens drei dicke Knollen mit sich herumtragen 
mußte. 22 ) Nach dem Tanz wird fröhlich geschmaust 
und gezecht, wobei zu bemerken ist, daß wohl Fleisch 
und Getränk in Hülle und Fülle vorhanden sind, 
Brot und Salz dagegen gänzlich fehlen. 22 ) Zu 
letzt werden die Reste der Mahlzeit eingepackt und 
nach Anwünschen eines fröhlichen Wiedersehens im 
nächsten. Jahre die Heimfahrt angetreten. Von 
einzelnen Hexentanzplätzen 27 ) will die Sage, der 
Boden bleibe dort stets kahl, kein Hälmchen Gras 
wachse darauf, Sommer und Winter sei er stets 
pickelhart wie eine Heerstraße, und nie spüre man 
daselbst einen Tropfen Regm oder den geringsten 
Schnee. 22 ) Der Überlieferung zufolge hat es auch 
nicht an Versuchen Unberufener gefehlt, in die 
Hexenversammlungen einzudringen. Von Neugier 
getrieben, beobachten diese die Vorbereitungen der 
Hexe und versuchen, es ihr nachzutun. Leichtlich 
versehen sie dabei etwas und werden dann übel 
zerkratzt und zerschunden oder büßen gar das tolle 
Abenteuer mit dem Verlust des Lebens. 22 ) Die 
deutschen bzw. hessischen Berichte über Hexenver 
sammlungen gehören übrigens sämtlich der jüngeren 
Volkssage an, althochdeutsche Quellen über die 
bzl. Versammlungen sind nicht erhalten. In die 
Lücke tretm hier nordische Berichte. Sie kennen, 
zum Beweis, daß sie dem Heidentum noch näher 
stehen als die deutschen, den Teufel als Leiter 
der Hexenversammlungen nicht, weisen vielmehr 
(wie z. B. die dem 14. Jahrhundert angehörende 
Thorsteinsage) diese Rolle Königen zu. 2 ") 
24 ) Lynker Nr. 123, womit zu vgl. Wucke II, 150. 
82 ) Wolf, Hess. Sagen Nr. 106. 
2 «) Hess. Bl. f. Volksk. IV, 210; Grimm, D. M. II 4 , 
896; Wolf, Zeitschr. f. deutsche Mythologie II, 67. Siehe 
auch Wucke II, 45. 
27 ) Daß es nicht von allen gilt, erhellt deutlich aus 
Bindewald 116 („Hexenwiese"). 
22 ) Pfister 61; Bindewald 116 (Hexentanzplatz bei 
dem Oberseener Hof). 
22 ) als Beispiele s. Bindewald 110/111; Pfister 62, 
Nr. 1; Wolf, Hess. Sagen Nr. 101. 
2 °) Mogk § 34, S. 49. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.