Full text: Hessenland (30.1916)

bcrnommciten Märchens noch ganz ergriffen ist. 
Von jetzt ab werden wir zu Werken übergeleitet, 
auf denen das hübsche Kind in Märchendarstcllungen 
Verwendung findet und dann später als interessante 
Mädchenerscheinung im Einzelsigurenbild in mehr 
oder weniger idealisierter Form einem künstlerischer 
Gedanken Ausdruck verleihen hilft. Hierher ge 
hören: Der erste Roman, Mädchen niit Fächer, 
In Gedanken 9 10 ) und Inséparables. Auf Märchen 
bildern sehen wir sie als Rotkäppchen, das auf 
einer sonnigen Waldlichtung Blumen pflückt, wäh 
rend sich der Wolf von rechts aus dem Dunkel 
heranschleicht. Eine Wiederholung dieses Geinäldes 
mit Varianten, die bei Cornicelius fast immer zu 
beobachten sind, zeigt Emma Scarisbrick, die jetzige 
Frau Reichsrat von Lang-Puchhof, als Rotkäpp 
chen. Ihre jüngere Schwester Erneste, jetzt Frau 
voir Kraemcr-Elsterstein, war in „Hansel und Gre- 
tel" i°) das Vorbild für das Gretel, das auf dem 
Rücken des Schwans über die Wasserfläche getragen 
lvird, während für den Hansel der kleine Alfons 
Schlcißner das Modell abgab. Für sein „Aschen 
brödel" war dem Künstler Fräulein Friederike 
Winsel ein sehr erwünschtes Vorbild. Hierbei möchte 
ich noch bemerken, daß Persönlichkeiten aus bes 
seren Ständen ihm auf seinen Wunsch für geeignete 
Fälle gern als Modell dienten. Auf dem ergrei 
fenden Stimmnugsbild „Musizierende Mönche"") 
wurde der Mönch mit dem Violoncell von Herrn 
Karl Kirn, der auch im gewöhnlichen Leben dieses 
Instrument spielte, dargestellt. Für seine präch 
tige Farbenskizze des „Kaufmanns von Venedig" 
in der Kasseler Gemäldegalerie, die leider nicht 
ausgeführt wurde, fand er in der Person des 
Herrn Jean Nicolay, des jetzigen Stadtrates, einen 
geeigneten Vertreter Antonios. 
Von der ungleich größeren Menge der bezahlten 
Modelle wurden manche nur vorübergehend be 
schäftigt, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllten 
oder für Nebenfiguren verwandt wurden. Erwähnt 
sei noch, daß Cornicelius für seine Modelle in 
väterlicher Weise besorgt war. Nach anstrengenden 
Sitzungen gönnte er ihnen die nötige Ruhe und 
ließ sie auch durch Speise und Trank stärken. Das 
Zigeunerpaar, das er im Winter 1852/53 in Paris 
gemalt hat, waren Berufsmodelle und gehörte einer 
Bande an, die sich zeitweise am Montmartre auf 
hielt. Für spätere Zigeunerbilder, fand er zuweilen 
geeignetes Studienmaterial unter Zigeunern, die 
sich auf dem Wege von Hanau nach Hochstadt an 
dem Ausgang des Waldes bei einem Brunnen 
9 ) Abgebildet in. „Hesseuland" 1915, Seite 168. 
10 ) Abgebildet in „Hessenland" aus der gleichen Seite 
wie das vorige. 
") Abbildung s. Beilage zu diesem Heft. 
lagerten. Neger hat er wiederholt gezeichnet und 
gemalt. Die getuschte Kreidezeichnung eines Negers 
aus dem Jahr 1841 wurde sehr wahrscheinlich 
nach einer Vorlage angefertigt. Gelegenheit zu 
Negerstudien nach dem Leben bot sich ihm leicht 
an dem Weltvcrkehrsplatz Antwerpen, wovon noch 
zwei treffliche Bleistiftzeichnungen von Negerköpsen 
Zeugnis geben. Der die Becken bearbeitende kleine 
Mohr auf den „Musizierenden Kunstreiterbuben" 
war ein Negerknabe namens Mustapha, den ein 
Herr Fraeb aus Hanau, ein früherer Hamburger 
Kaufmann, gus Brasilien mitgebracht hatte. Eine 
gewisse Borliebe für farbige Menschen begleitete 
den Maler noch bis in die letzten Jahre seiner 
Tätigkeit. Das Brustbild eines „Mulatten" zeigc 
uns bei einer vorzüglichen Wiedergabe der Farbe 
und der Zartheit der Haut einen gut ck)arakterisierren 
Vertreter dieser Rassenmischung. Der Mulatte, der 
zur selben Zeit auch in Frankfurt in der Kunst 
schule des Stüdelschen Instituts in der Meister 
klasse Wilh. Tlübners gemalt wurde, kam einige 
mal zu Sitzungen nach Hanau. Wohl selten hat 
das Atelier von Cornicelius eine größere Zahl 
von fragwürdigen Gestalten ein- und ausgehen 
sehen, als er mit dem fignrenreichen Bild der 
„Deutschen Landsknechte in Rom" („Narrenpapst") 
beschäftigt war. Es waren Mitglieder der heute 
nicht mehr existierenden Sippe der Mainhinkel, die 
sich aus Sackträgern, Hafenarbeitern und Herum- 
lungcrern rekrutierten. An Verwogenheit und 
struppigein Aussehen gaben diese etwas gefürchteten 
Zeitgenossen der verwilderten Soldateska aus dem 
Jahre 1527 nicht viel nach. 
Über die Modelle zu den frühen religiösen Werken 
von Cornicelius habe ich nichts in Erfahrung 
bringen können. Wer ihm für die Gestalt Jesu in 
seinem „Jesus und die Samariterin" des Londoner 
Kunstvereins als reale Unterlage diente, vermag 
ich nicht anzugeben. Gleich wie die Entstehungs 
weise des Gemäldes der „Auferweckung von Jairus 
Töchterlein" ist auch dessen derzeitiger Aufbewah 
rungsort in ein völliges Dunkel gehüllt. Erst im 
Jahre 1867 fällt einiges Licht in sein Schassen 
auf diesem Gebiet, indem wir auf der wertvollen 
Farbenskizze der „Salome mit dem Haupte des 
Johannes", wenn auch nur flüchtig angedeutet, 
die Züge seiner Frau erkennen können. Das ab 
geschlagene Haupt des Täufers geht auf einen 
Studienkopf zurück, den er früher einmal im Ha 
nauer Landkrankenhaus nach einer Leiche gemalt 
hatte. 
Für einen Teil der Christusdarstellungen der 
siebziger Jahre verwandte Cornicelius auch seinen 
langjährigen Pinselreiniger und treues Faktotum 
Philipp Borger, einen Teppichweber und späteren
	        

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