Full text: Hessenland (30.1916)

198 S-AL 
dienstbar zu machen — allerdings erst, nachdem 
der Verein sich gespalten —, während sich die 
großdeutschen Elemente im „Reformverein" sam 
melten. 
Kurhessen hatte während dieser ganzen Zeit 
im Mittelpunkte des deutschen Interesses gestanden, 
und die Beseitigung der unter dem Einflüsse des 
preußischen Bevollmächtigten v. U h d e n revidierten 
Verfassung, bzw. ihre Beseitigung und die Wieder 
herstellung jener von 1831, war das Ziel der 
Wünsche. Mit großem Eifer legte sich die „Garten 
laube", damals das bedeutendste deutsche Familien 
blatt, journalistisch ohne Zweifel glänzend bedient 
von den hessischen Liberalen, für diese Idee ins 
Zeug, und auf dem ersten deutschen Bundesschießen 
in Frankfurt a. Ml, das ja in erster Linie eine 
politische Einheitsdemonstration war, figurierte Kur 
hessen neben Schleswig-Holstein als das „Schmer 
zenskind". 
In diese Zeit fällt auch das ebenso eigenartige 
wie plötzliche Zwischenspiel, daß Österreich und 
Preußen gemeinsam beim Bundestage die Wieder 
herstellung der kurhessischen Verfassung von 1831 
beantragten, nachdem Österreich dies allein zu tun, 
wie Preußen vorgeschlagen, abgelehnt, mit der 
Begründung, daß ja die Beschränkungen der „re 
vidierten" Verfassung in erster Linie das Werk des 
damaligen preußischen Bevollmächtigten v. Uhden 
gewesen. Und in Verbindung damit stand das 
durch den Generalleutnant v. W i l l i s e n dem 
Kurfürsten überbrachte Verlangen, auf Grund des 
vom Bunde noch nicht erledigten Antrages die 
ausgeschriebenen Wahlen auszusetzen. Und wäh 
rend und nach diesen Vorgängen, die zu einem 
Ministerwechsel führten (Abbse ging und ward 
durch v. Stiernberg und Dehn-Rothfelser ersetzt, 
nicht, wie die Liberalen gehofft, durch ein Mini 
sterium Wiegand-v. Loßberg), stand Friedrich 
Oetke.r, der Führer der kurhessischen Kammer- 
opposition, in Verbindung mit dem damaligen 
preußischen Ministerpräsidenten, dem Grafen Bern- 
storff. 
Noch einmal vereinigte die Feier des 18. Ok 
tobers 1863 Fürst und Volk in reinster Harmonie, 
nachdem der F ü r st e n t a g zu Frankfurt a. M., 
den Österreich einberufen, den Gedanken der deut 
schen Einigung erneut hatte aufgreifen wollen. Der 
Grund, warum der an sich so lebendige Gedanke 
der deutschen Einigung, von dieser Seite ange 
schlagen, keinen Widerhall im Volke, trotz dessen 
im Grunde großdeutscher Gesinnung, zu finden 
vermochte, war einmal der Umstand, daß die Par 
lamentsidee, seit dem Völkerfrühling 1848 unlös 
lich mit dem Einigungsgedanken verknüpft, hier 
nur sehr verkrüppelt erschien, weiter aber der hier 
sich wieder klaffend öffnende Spalt zwischen den 
beiden deutschen Großstaaten. 
Die Schleswig-Holsteinische Frage, mit der der 
letzte Akt des Dramas anhebt, erregte aufs neue 
die Gemüter. Dieselbe Kammeropposition, die sich 
in dem Eintreten für den Herzog Friedrich 
von Schleswig-Holstein mit der Regierung Kur- 
hessens auf einer Linie zusammengefunden, wich 
davon ab, als sie erkannte, daß es nicht Preußens 
Wille war, dem Herzog sein Land zu überlassen, — 
und der Kampf gegen die Regierung lebte in neuer 
und verschärfter Form auf. 
Dann kam die Konvention von Gastein, und 
durch sie ward nur notdürftig noch einmal die 
Kluft überdeckt, die Österreich und Preußen schied. 
Das Frühjahr 1866 sah die Kriegsvorbereitungen, 
sah das preußisch-italienische Bündnis, sah die gut 
gemeinten, aber nach Lage der Dinge doch herzlich 
vergeblichen Versuche zu einer Erhaltung des Frie 
dens. Hätte die kurhessische Regierung den Krieg 
gewollt oder gewünscht, um auf Seiten Österreichs 
im Trüben zu fischen, wie das eine wohl jetzt völlig 
zum Schweigen gekommene, aber früher doch öfter 
verbreitete Legende wollte, so hätte sie im Früh 
jahr, als Österreich zu rüsten begann, auch ihrer 
seits die notwendigen Schritte tun müssen; wir 
wissen jedoch, daß Moltke selbst in dem preußischen 
Generalstabswerke schreibt: „Die Kriegserklärung 
fand beide Länder (Hannover und Kurhessen) in 
militärischer Beziehung völlig unvorbereitet. Für 
eine Mobilmachung war nichts geschehen, und na 
mentlich hatten keine Pferdeankäufe stattgefunden." 
Auch waren bei Kriegsausbruch nur 279 457 
Gewehrpatronen vorhanden, die Infanterie stand 
mitten in einer Neubewaffnung, die noch nicht voll 
endet war, als der Krieg ausbrach, und die Liefe 
rung von Artilleriemunition, die aus preußischen 
Fabriken erfolgte, war schon von dort aus im 
Frühjahr, als die übliche Ergänzung des Friedens 
bestandes fällig gewesen wäre, unterbunden. 
Es lag daher für die kurhessische Regierung ganz 
im Rahmen ihrer seitherigen bundestreuen Politik, 
daß sie, als der österreichische Antrag auf Mo 
bilisierung gegen Preußen am 14. Juni 1866 zur 
Abstimmung kam, diesen ablehnte, und nur 
sich bereit fand, den bayrischen Antrag, der auch 
allgemeine Annahme fand, zu unterstützen, mit der 
ausdrücklichen Begründung, daß der Bund, um 
sein Gewicht für Erhaltung des Friedens 
in die Wagschale zu werfen, gerüstet sein müsset) 
Als daher am folgenden Tage der preußische Ge 
sandte v. Roeder gegen Angebot von Teilen Hessen- 12 
12) Kurhessen i. I'. 1866 (Kassel 1907), S.8, zugleich: 
W. Hopf: Die deutsche Krisis des Jahres 1866 (Han 
nover 1906), S. 196 ff.
	        

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