Full text: Hessenland (30.1916)

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Selbständigkeit des Kurstaates verlegen. Denn 
nicht Einheit oder Zersplitterung 
standen sich hier gegenüber, wie eine verkehrte Zu 
spitzung der Fragstellung will, sondern die Frage, 
ob Einigung der deutschen Gesamtheit unter Be 
seitigung dynastischer Zusallsgebilde, oder Schaf 
fung eines Bundesstaates 3 ) mit Unterordnung aller 
der Einzelgebilde, soviel eben zur Unterordnung 
zu bringen. — Denn das war recht eigentlich die 
Fragestellung im Volke, der Unterschied zwischen 
„großdeutsch" und „kleindeutsch". Nur daß die 
Vertreter der ersteren Idee, die Demokraten, keine 
der alten Gewalten auf ihrer Seite hatten, während 
die Kleindeutsch-Liberalen, die Vertreter des Bun 
desstaates, in Preußen ihre Stütze fanden. Der 
Konservatismus der Kabinette, an deren Spitze 
Österreich, sowohl jenes Metternichs als das 
Schwarzenbergs stand, und dem auch die Person 
Friedrich Wilhelms IV. von Preußen zuneigte, 
wünschten gleichwohl den Staaten bund, 
Schwarzenberg forderte auch die damals denkbar 
weitgehendste Form einer solchen deutschen Neu 
gestaltung, — nur lehnten s i e jede Teilnahme 
des Volkes an dem deutschen Staatsleben, jede 
tiefgreifende Reform ab, wenn schon auch bei 
ihren Entwürfen die Vereinigung' der Masse der 
Zufallsstaaten zu größeren Bundesstaaten wieder 
kehrt.^) Für Kurhessen spitzte sich diese Frage in 
der Weise zu, daß einmal die Demokratie ent 
schieden den Gedanken der Vereinigung beider 
Hessen — zeitweilig ward sogar die Person des 
späteren Großherzogs Ludwig III. als die gegebene 
monarchische Spitze genannt — vertrat, außerdem 
sollte noch Frankfurt und Hessen-Homburg mit 
in diese Organisation hineingezogen werden, — 
auch die Regierungen beider Hessen selbst arbei 
teten zeitweilig miteinander, wenigstens im Jahre 
1850 die konservativen Ministerien Hassenpflug 
und Dalwigk, und der österreichische Entwurf 
Schwarzenberg-Brucks sah eine enge Gemeinschaft 
beider Hessen vor, — während die Liberalen in 
der Zeit des Parlaments für den Gagernschen Ent 
wurf und nach der Ablehnung der deutschen Kaiser 
krone durch Friedrich Wilhelm IV. von Preußen 
für Dreikönigsbündnis und Union eintraten. Und 
so entsteht das 'sonderbare Bild, daß dieselben 
Liberal-Konstitutionellen, die der Einheitlichkeit das 
Wort reden, die gegen die Kleinstaaterei ankämpfen, 
mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln sich 
dem Gedanken der Vereinigung beider Hessen wider 
setzen, „der Henkel" nannte es in seiner burschi 
3 ) Man vergleiche hierzu Kant, „Zum ewigen Frieden" 
(Leipzig, Reclam), S. 17 f. über den „Bölkerstaat". 
*) H. Friedjung. Österreich 1848—1860. II * * S. 25 sf. 
(Stuttgart 1912). 
kosen Sprache das „Unnerstoppen", — sich aber 
für den Anschluß an die „Union" einsetzten, den 
doch selbst Sylvester Jordan als Mediatisierung 
bezeichnet, und wogegen er des Kurfürsten Wider 
stand als „sehr begreiflich" erachtete. 3 ) 
Was, wenn man jene Einflüsse der deutschen Poli 
tik in der Betrachtung zurücksetzt, in der eigentlich 
hessischen Verfassungsfrage — so sehr ja die deutsche 
Frage mit hineinspielt — den Wendepunkt der Ge 
schicke darstellt, ist der Zeitpunkt, da die Stände 
wahlen nach der ersten Steuerverweigerung eine — 
ohne Zweifel der Stimmung des Landes ent 
sprechende — demokratische Mehrheit (trotz 
des plutokratischen Wahlgesetzes von 1849) ergaben. 
Damals hätte es in der Hand Kurfürst Friedrich 
Wilhelms I. gelegen, zu jenem Mittel zu greifen, 
das einst sein Ahn, Hermann der Gelehrte, im 
Kampfe mit dem Kasseler Patriziate anwandte, wie 
jener die Verfassung der Gilden brach und dem 
Volke den Eintritt erzwang und mit den demo 
kratisierten Zünften eine neue Form der Landes 
herrschaft sicherte, so hätte hier nur eine Entlassung 
des unmöglich gewordenen Ministeriums Hassen 
pflug und der Übergang zur parlamentarischen Re 
gierungsform, eben die Berufung eines demo 
kratischen Ministeriums helfen können. 
Das liberal-konstitutionelle war ja an sich schon 
unmöglich geworden und nach eigentlich ununter 
brochener Krise gegangen. — An Hinweisen in diesem 
Sinne hat es auch Bayrhoffer nicht fehlen lassen, und 
die Haltung seiner Gruppe, die die Staatsmaschine 
nicht einer Personenfrage wegen zum Stillstände 
bringen wollte, spricht ja deutlich genug dafür.«) — 
Daß die kurfürstliche Regierung weder diesen noch 
den Weg der nackten Gewalt (der an sich der näher 
liegende, aber auch schwierigste war) ging, sondern 
trotz Festhaltung des Ministeriums Hassenpflug 
noch bei Anwendung des Belagerungszustandes 
mit Halbheiten vorging, bis die Wellen ihr über 
dem Kopfe zusammenschlugen, bis zu der (flucht 
ähnlichen) Verlegung der Regierung nach Wil 
helmsbad, lag in der Person des Kurfürsten selbst 
gegründet?) 
Ob man Freund oder Gegner seiner Regierung 
ist, d. h. heute, ob man die von ihm eingeschlagenen 
Wege für richtig oder falsch erachtet, wir können 
ihm das Prädikat nicht versagen, daß er eine 
3 ) E. v. Goeddaeus. Aus dem Leben des Kurfürsten 
Friedrich Wilhelm von Hessen (Kassel 1883), S. 39. 
«) Vergl. Ztschr. d. V, f. h. G., Bd. 47, S. 198 ff. 
7 ) Dieselbe Unentschlossenheit in der deutschen Frage, 
der Wunsch, einen Mittelweg zu gehen, war wohl auch 
der Anlaß zu den bitteren Äußerungen Schwarzenbergs 
an Thun und Prokesch-Osten, die H. Friedjung mit 
teilt. (Österreich 1848—1860, II 1 , S. 88.)
	        

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