Full text: Hessenland (30.1916)

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mit Bürste, Nadel und Zwirn bearbeitet und mich 
selbst einmal wieder gesäubert. Ich will nicht wie 
die andern mir allerlei kleine Tierchen der ver 
schiedensten Sorten holen. 
In unserm großen Schloßgarten blühen die 
bunten Primeln und Veilchen, und die Kirschen- 
und Birnbäume tragen ihre ersten weißen Blüten. 
Jetzt wird's wirklicher Frühling, da werden auch 
für uns draußen schönere Tage kommen. 
Ich bin noch einmal wieder fortgeschickt worden, 
um Stellungen beim Nachbardorf P. aufzunehmen. 
Und hierbei hatte ich Gelegenheit, einen, neuen 
Friedhof zu sehen, der mich bewegt hat. Da ist 
in der Mitte des Ortes ein stiller Platz, den alte 
Linden umschatten. Ein altes eisernes Kreuz steht 
unter den Bäumen, und der Christus dran glänzt 
golden in der Abendsonne. Das ist der Friedhof 
der gefallenen Kameraden, die vor L. und V. 
verbluteten. Weiße kunstvoll geschnittene Holz 
kreuze, die Freunde und Kameraden ihnen aufs 
Grab gesetzt haben, nennen uns noch die Namen 
derer, die ihr junges Leben dem Vaterlande ge 
geben haben. Wie lange wird's dauern, dann sind 
die Namen verwittert und die Kreuze zerfallen. — 
Aber mit liebevolleren Händen werden keine Gräber 
gepflegt wie diese,' Primeln und Veilchen und 
Tulpen blühen in bunten Farben draus, junge 
Lorbeerbüsche sind dazwischen gepflanzt. 
Es ist einem eigen zu Mute, wenn man an 
schlichten, blumenbesäten Kriegergräbern steht. Ich 
sah viele auf dem Friedhof an der zusammen 
geschossenen Kirche in V., auf dem Waldfriedhof 
in A., auf Feldern und in Wäldern. Aber nir 
gends hat's mich so gepackt wie am stillen Herr- 
gottseckle in P. — 
Heute sind in dem Abschnitt, in dem ich zu ar 
beiten habe, 4 Mann schwerverwundet und einer 
von einer Granate zerrissen. Ich bin heute nicht 
in Stellung gegangen, es hat so sein sollen. Der 
Tote wird morgen auf einem anderen Erdensleck 
ins Grab gelegt; am Rande des Schützengrabens 
schaufeln sie ihm heute sein Grab neben vielen 
andern. Da ist eins, das von Granaten-Ausbläsern 
umrahmt ist. Auch auf ihm blühen Primeln und 
Veilchen. Junge Rosenstöcke haben sie jetzt darauf 
gepflanzt. 
Heute abend bin ich mit einem Kameraden noch 
einmal durchs stille Dorf gegangen. Frieden war 
heute in mir und tiefer Frieden in der stillen früh 
lingsatmenden Natur. Kein einziger Schuß war 
zu hören, die Soldaten saßen, ihr Pfeifchen schmau 
chend, vor den Türen der zerschossenen Häuser, die 
Bäume standen still hoch in den goldenen Abend 
himmel hinein, nur der Glockenklang vom an 
geschossenen Kirchturm, der fehlte uns in diesem 
friedlichen, schönen Bild. Wie immer haben wir 
uns von daheim erzählt. Unsere Schritte hallten 
in den einsamen Gassen, und als die silbernen 
Sterne am Himmel aufzogen, sind wir heim zum 
Schloß. — Heimweh hab ich heut empfunden, es 
war uns wie daheim so friedlich und still, — wann, 
Friede, wirst du uns beschieden sein? 
12. 4. 1915. Morgens um 5 Uhr kommt W. in 
unser Zimmer mit der Meldung, daß ihm in dieser 
Nacht aus seiner Gruppe (Infanteristen) ein Mann 
schwerverwundet und ein Mann von einer Granate 
zerrissen wurde. Es war das alles unter seinen 
Augen geschehen. Die Nacht noch hat er die Über 
reste dieses Gefallenen zur letzten Ruhe bestattet. 
Und nun soll noch ein Gedichtchen aus unserer 
Armee-Zeitung, von der Gräfin Rittberg-Dresden, 
verfaßt, hier aufgezeichnet werden, da dieser Ab 
schnitt meines Tagebuchs heimflattert. 
Meine Mutter hat geweint, 
Als ich zog ins Feld. 
Mutter, Gottes Sonne scheint 
Auf der ganzen Welt! 
Ob Dein Sohn Dir wiederkehrt, 
Bangen sollst Du nicht, 
Hast's mich selber ja gelehrt: 
Jung', tu Deine Pflicht! 
Weint mein Weib die Augen rot: 
Stirbst Du, sterb ich mit! 
Schatz, das arme bißchen Tod 
Trennt uns beide nit! 
Weißt ja, daß ich lieb Dich hab. 
Mag, was will, geschehn. 
Deutsche Treue bis zum Grab 
Und — auf Wiedersehn! 
Jauchzt mein Knäblein: Kehr zurück 
Aus dem lust'gen Krieg! — 
Kämpfen geh ich um Dein Glück, 
Bete, Kind, um Sieg. 
Und wenn ich den Heimatherd 
Nimmer sehen kann, 
Halt mir Deine Mutter wert, 
Werd ein deutscher Mann! 
Gläubig ries das Vaterland 
Seinen Sohn zur Wehr, 
Gab in unsre starke Hand 
Sein Gedeihn und Ehr: 
Liebes Deutschland, trautest gut! 
Stehn in Ost und West 
Bis zum letzten Tropfen Blut 
Wache, treu und fest! 
Am 12. 4. mußte ich bis in die Nacht hinein 
arbeiten, dafür war der heutige warme und klare 
Dienstag eine Zeit der Ruhe und Entspannung. 
Im Garten trillern die Finken ihr Lied, Kirsche 
und Schlehdorn blüht und in Glanz und Glast 
liegen Park und Schloß. Wir haben den Garten 
gesäubert, Blumenbeete gegraben und Tulpen und 
Hyazinthen verpflanzt. Der alte Park soll jetzt 
geschont, kein Baum und kein Strauch mehr ge-
	        

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