Full text: Hessenland (30.1916)

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in Mustern gepflastert. Die Strohdiemen haben 
nicht die Größe wie bei uns und sind oben sauber 
mit einem Strohdach abgedeckt. Um zu verhindern, 
daß dieses durch den Wind abgeweht werde, sind 
konzentrisch Seile mit angebundenen Steinen dar 
auf gelegt. 
Der stattliche Viehbestand befindet sich tagsüber 
auf der Weide, entweder frei herumlaufend oder bei 
kleineren Wirtschaften an einen Pfahl gebunden. 
Auf diese Weise kann das Vieh nur immer den 
Platz um den Pfahl abtveiden und erhält am 
nächsten Tage ein neues Gebiet zum Grasen. 
An manchen Gehöften haben sich noch die hol 
ländischen sauber geschnittenen Hecken als Ein 
fassung der Gärten erhalten, die ja den Gärten 
der Rokoko- und Biedermeierzeit das eigene Ge 
präge gaben und leider bei uns zu sehr verdrängt 
worden sind. 
Kriegserlebnisse eines Kasselaners. 
(Fortsetzung.) 
6. 0. Heute war ein arbeitsreicher und doch solch 
ein feierlicher Ostertag. Im Garten kreischte die 
Säge und surrte die Lokomobile, die Zimmerleute 
schwangen wie alltäglich ihre Beile. Ich habe den 
Auftrag, einen 20 in tiefen Brunnen zu bauen, 
sitze aber augenbliMch noch an meiner gestrigen 
Ausmessung. Heute herrscht fast Waffenstillstand. 
Nur ganz wenige Schüsse fallen, man geht heute 
friedlicheren Beschäftigungen irach. Vormittags war 
Gottesdienst der Katholiken, nachmittags zogen 
wir zum Kirchlein im andern Eck unseres Gartens. 
Um % 5 schallte das „Lobe den Herren", von 
einer Jnfanteriekapelle gespielt, zn uns herüber. 
Da hielt uns nichts mehr. Ich warf meine Arbeit 
hin und stürmte herüber, mir nach liefen Ober 
leutnant und Leutnant, die Beile flogen aus den 
Händen, die Kreissäge verstummte, voll Lehm 
und Schmutz und ungewaschen und ungekämmt 
liefen wir hin. 
Ich mußte heute an jenen feierlichen Gottesdienst 
des Kirchenrats R. in Ingolstadt denken, den er 
hielt, als sein zweiter Sohn im Sommer auf 
blühender Flur gefallen war. Da empfanden wir 
so ganz die Weihe dieser großen erhebenden Zeit. 
Aber ungleich mehr hat mich der heutige Tag er 
griffen, ich habe wie so viele geweint wie ein 
Kind, mein Herz ist weich geworden. Wie schön 
unser Christentum ist und was für eine feste Stütze 
es uns ist, das merkt man erst, wenn man täglich 
den Gefahren ausgesetzt ist. Wir sangen das alte 
Lied der Knrfürstin Henriette von Brandenburg: 
„Jesus meine Zuversicht". Weihevoll klang die 
Musik durch die unangetastete schmucke Kirche. 
Golden leuchteten die Kerzen in der Dämmerung, 
und golden glitzerte der kostbare Kristalleuchter. 
Der Pfarrer hat sein Eisernes Kreuz, das seine 
Brust schmückt, redlich verdient, er versteht es, zu 
erheben und fortzureißen und die Schwerfälligsten 
zu packen. 
„Das Gefühl des Gewissens und das Streben 
nach Wahrheit, Liebe und Treue schlummert un 
bewußt im Mensch'en, hierauf gründet sich die 
Liebe der Kinder zu den Eltern, die Liebe und 
Treue des Mannes zum Weibe. Und glauben wir 
noch an Liebe und Treue edler Menscheu, so 
können wir auch dem Zeugnis der Apostel glauben, 
wir können ihr Osterzeugnis glauben, denn es 
waren Menschen, die für ihre Überzeugung und 
die Wahrheit ihr Leben selbst ließen." 
Ich bin für schwere Aufgaben morgen nacht 
ausgesucht worden und heute abend denke ich 
daran, daß ich draußen fallen kann. Ich danke 
diesem Pfarrer viel, er hat mir fröhliche und 
zuversichtliche Ostern gegeben. 
Unsere Kirche war gedrängt voll. Feierlich und 
eindringlich klang das Niederländische Dankgebet 
durch den Chor des Gotteshauses, und dann bin 
ich mit vielen andern zum heiligen Abendmahl 
geschritten. 
Wundert Ihr Euch, daß ich so schreibe? Hier 
draußen wird auch der rauheste Krieger fromm 
und gottesfürchtig. Der Krieg verroht nicht, nein, 
nimmermehr. Er begeistert und führt die Menschen 
zu Gott. Und das ist die schöne Seite des Krieges. 
Leutnant Sch. war heute abend lange bei mir. 
Mit ihm W. und B. Morgen abend sind wir 
drei mit Leutnant Sch. zusammen bestimmt wor 
den, die Drahthindernisse vor unserer Front zu 
prüfen und auf Befehl der Division neu aus 
zubauen. 16 Pioniere meldeten sich freiwillig als 
Helfer. Aber da kommt schon ein neuerer Befehl: 
Erkundung einer feindlichen Sappe gegen unsere 
Stellung durch Pionieroffiziere. Schon in der 
letzten Nacht waren Franzosen an dieser Sappe 
gegen unsere Drahthindernisse vorgekrochen, um 
sie zu zerstören. Drei von diesen lagen heute 
morgen tot vor unserer Front. — 
2. Ostertag. 5. April 1915. Gott sei Dank, daß 
Tag ist. Unsere leichten Geschütze, Feldhaubitzen 
und 21 cm - Mörser, haben die ganze Nacht ge 
donnert.
	        

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