Full text: Hessenland (30.1916)

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Wie der Name He88en als ursprünglicher Flur 
name auf die Landschaft und den ganzen Stamm 
überging, so liegt auch anderen Stammcsnamen 
ein Flurname zugrunde, z. B. dem Namen der 
Alemannen als der Gemeinschaft (vgl. Almende) 
freier Männer, die sich in Wald und Weide am 
längsten erhielt, der Wenden („die Weidenden" zu 
got. vinida „Weide"), der Schwaben, der Franken, 
Sachsen und der Nassauer, welch' letzterer laut 
lich und begrifflich nahe mit dem der Lessen zu 
sammenfällt, wie ich an anderer Stelle ^°) gezeigt 
habe. Während beim Namen Lessen die Volks 
etymologie durch Aspiration die Bedeutungsände 
rung bewirkte, geschah es beim Namen Nassau 
durch Anschweißung eines prosthetischen n an die 
Urform Assowe. 
Im Zusammenhang mit der Untersuchukig des 
Namens Lessen dürfte sich auch die noch viel 
umstrittene Herleitung der Bezeichnung blinder 
Lesse klären und in anderes Licht rücken lassen. 
Schon Vilmar a. a. O. 43 hebt mit Recht hervor, 
daß die Bezeichnung jetzt unverständlich geworden 
sei, weil man seit der Mitte des 17. Jahrhunderts 
das Subjekt, dem eigentlich die Blindheit zukommt, 
ao ) Der Name Nassau. All-Nassau lBeil. z. Wiesb. 
Tageblatt) 1915, Nr. 1l. 
aus der Bezeichnung ausgelosten und endlich völlig 
vergessen habe, während die Hessen bis zu diesem 
Zeitpunkt immer „blinde Hundehessen" oder „blinde 
Huüde" hießen. Vielleicht ist der Vilmar unver 
ständliche Ausdruck Lesshunde, der später mit 
dem Begriff Letrhunde („Jagdhunde") vermengt 
worden ist, mit dem alten Flurnamen Ess „Weide" 
in Beziehung zu setzen und als „Hirtenhund" zu 
deuten, da die Hunde in alter Zeit zum Schutz 
gegen wilde Tiere eine wichtige Rolle gespielt haben 
und die Hirten sich auf ihren Mut und ihre Stärke 
verkästen mußten? I Als mit der völligen Ver 
änderung des germanischen Wirtschaftslebens der 
Ausdruck Lesshund ähnlich wie der Flurname 
Ess dem Volksempfinden fremd geworden war, 
entstand vielleicht durch eine Volksneckerei und 
durch das Wortspiel Ess-Hess die Bezeichnung 
blinde Hessenhunde bzw. blinde Hunde oder 
blinde Hessen. Sie kann aber auch in ehrendem 
Sinne für den Mut und die Tapferkeit des Hessen 
stammes aufgefaßt werden, der, ähnlich wie die 
Hirtenhunde auf die wilden Tiere, sich blindlings 
und mutig auf den Feind stürzte und ihn im 
heldenmütigen Kampfe bezwang. 
°') Dgl. auch W i m m e r, Geschichte des deutschen Bodens 
(Halle 1905) S. 448 ff. 
Der große Brand von Frankenberg. 
9. wai 1476. 
Quellen: 
D i e m a r, Die Chroniken des Wig. Gerstenberg. 
R o s e n f e l d , Frankenberg im Mittelalter. 
H e l d m a n n, Das Kloster Georgenberg (Z. d. 5). G.-V.). 
In dem Zeitraum der beiden letzten Generationen 
der Vorbereitung auf das glanzvolle Hervortreten 
Hessens im Zeitalter der Reformation befand sich 
das Land im allgemeinen in staatlichem und volk- 
lichem Aufschwung. Damals lenkten Ruhn und 
Gerstenberg den Blick auf die Vergangenheit. Jener, 
ein Hersfelder, legte den Schwerpunkt seiner Ge 
schichtschreibung auf Niederhessen; Gerstenberg, 
dessen Heimat Frankenberg war, hat vor allem 
außer der Landeschronik die Stadtchronik von 
Frankenberg verfaßt. Trotz mancher Mängel in 
seinen Werken ist Gerstenbergs Heimatliebe und 
Fleiß unbestritten. Als er schrieb, war die Blüte 
seiner Vaterstadt schon vorbei. 
Miterlebt aber hat Gerstenberg (1457—1522) 
das große Brandunglück von 1476, 9. Mai, das 
jählings über Frankenberg hereinbrach und durch 
das die Stadt vor 440 Jahren fast völlig in 
Asche gelegt wurde. In seiner Stadtchronik hat 
er das traurige Ereignis und seine Folgen gar 
wehmütig ausgemalt. Wohl war er unter den 
„jungen gelehrten Gesellen", die „um die Mitter 
nacht", von frommer Sorge getrieben, „mit großer 
Arbeit durch das Feuer bis in die Pfarrkirche" 
drangen und das durch die Löcher im Gewölbe 
herabfallende glimmende Feuer mit dem Weihwasser 
auslöschten. 
Der Brand begann um ein Uhr des Mittags. 
Es war heiß und trocken, so daß in der Stadt kein 
Wasser war. Die städtische Wasserleitung, die fast 
ein Jahrhundert später, 1574, von dem „Brunnen- 
meister Magnus aus Kempten bei Augsburg" an 
gelegt und 1899 durch eine neuzeitliche Quell 
wasserleitung ersetzt worden ist, konnte noch kein 
Edderwasser spenden. So liefen die Frauen, Mägde 
und Kinder und trugen Wasser aus der Edder, 
dem Teich und den Brunnen herzu. Viele Leute 
waren außerhalb der Stadt mit Feldarbeiten be 
schäftigt. Meist bewohnt von Ackerbürgern, hatte 
die Stadt im Jahre 1384 etwa 1200 (1910: 3513) 
Einwohner und einen Viehbestand von 167 (1910: 
156) Pferden, 457 (943) Stück Rindvieh, 508
	        

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