Full text: Hessenland (30.1916)

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fremde Gefühlswelten gegenüberstehen, nichts läßt 
das besser erkennen, als eben St. Elisabethen 
Kirche zu Marburg und die Hugenottenkirche in 
der Kasseler Oberneustadt. — 
' Mit welchem Eifer suchte Moritz seine „Ver- 
bcsserungspunkte" hier durchzusetzen, mit welcher 
Zähigkeit verteidigten Geistliche und Bürgerschaft 
ihren Glauben! Und dem Autokratentume des 
Landgrafen, der seine weltliche Gewalt auch auf die 
persönlichsten Erlebnisse des Glaubensgebietes wir 
ken lassen wollte, setzte man von Seiten der Stadr, 
gewiß nicht, ohne daß von Darmstadt aus Unter 
weisung und moralische Unterstützung ergangen, 
Widerstand bis zum Äußersten entgegen, Wider 
stand, der sich steigerte bis zu dem traurigen 
„Marburger Kirchentumult" am 6. August 1605. 
Mochte dies auch nur der Ausbruch ungezügelten 
Eifers sein, im Geiste nicht milder dachte man 
trotz aller gegenseitigen Jnnehaltung der Formen 
in den offiziellen Dokumenten, denn die nicht- 
osfiziellen Erörterungen waren nicht auf den Ton 
gestimmt, den man „Brüdern in Christo" zubilligt, 
wovon die lutherische Flugschrift: „Ilias Na 
iv r n m ", die wohl im Kreise der lutherischen 
Mitglieder der Marburger Stipendiatenanstalt ent 
standen, beredtes Zeugnis ablegt?) Will man 
dieser Anklageschrift auch nur in Einigem glauben, 
so muß man annehmen, daß Moritz, in Verlegen 
heit um geeignete Leute, auch zweifelhafter Ele 
mente sich bedient, was natürlich wiederum auf 
sein Werk zurückfiel-ch 
Was Moritz in diesem ganzen traurigen Streite 
trieb, war wohl weniger noch der Gedanke, der 
einst seinen Großvater bei der Herbeiführung des 
Marburger Religionsgesprächs geleitet, der Gedanke 
der evangelischen Einigung, als vielmehr seine 
Ausfassung von Fürstengewalt und Summepiskopat, 
die er, der Humanist auf dem Throne, aus dem 
Geiste der Renaissance in sich aufgenommen, 
und die sich in Verbindung mit seiner genialischen 
Veranlagung und dem Glauben an seine aus dem 
Gottesgnadentume sich ergebende Unfehlbarkeit ins 
Krankhafte steigerte. Moritz ist ohne Zweifel eiste 
der fesselndsten Fürstengestalten seiner Zeit, eine 
psychologisch interessante Figur, impulsiv, und doch 
— oder auch deswegen — nicht fähig, die Zügel 
fest bis zum letzten in der Hand zu halten, wenn 
Schwierigkeiten sich ihm in den Weg stellten. — 
So ist auch dieser ganze Kampf um die Ver- 
bcsserungspunkte in Marburg eine Tragödie, deren * 8 
7 ) Ilias Malorum. Ein Beitrag zur Geschichte der 
hessischen Vcrbcsscrungspunkte. Von Dr. P h i l i p p 
Losch. Zeitschrift s. Kirchengeschichte Bd. 35 (1914), 
S. 413 ff. 
8) a. a. O. S. 418 s. 
Opfer das unglückliche Marburg selbst ist, und mit 
ihm die Universität, deNn all das Hin und Her 
bis zu der Verewigung des Zwiespaltes in Gestalt 
der Nachbaruniversität Gießen ist doch sehr wesent 
lich eine Folge des Streites um die Verbesserungs 
punkte, eines Streites, der allerdings vorgespukt 
hatte, schon in den ersten Oktobertagen des Jahres 
1529. 
Nachdem Marburg der Schauplatz der Verfol 
gungen für alle streng lutherisch Gesinnten ge 
worden, hatte Landgraf Ludwig V. schon am 
10. Oktober 1605 den Grund zu der Konkurrenz 
universität gelegt, deren feierliche Errichtung zwei 
Jahre später erfolgte, natürlich nicht zum Segen 
der Marburger Hochschule, die überdies gerade auch 
noch in diesen Jahren mehrfach vor der Pest 
flüchtete, so nach Frankenberg und Treysa (1607) 
und wieder nach Frankenberg (1611). Daß gleich 
zeitig auch das mit der Universität verbundene 
Pädagogium herunterkam, nicht zum wenigsten in 
folge der mauritianischen Wirren, durch die es 
allein über 60 Schüler nach Gießen in einem 
Jahre verlor, sei nur nebenhin erwähnt. — Als 
dann 1624 Hessen-Darmstadt in den Besitz von 
Marburg gelangte, war es ja wohl selbstverständlich, 
daß es auch die Universitäten wieder vereinigte, 
ein Vorgang, den Hessen-Kassel alsbald durch die 
Einrichtung einer Universität in Kassel beantwortete, 
bis dann die Wiedergewinnung Marburgs zu Hän 
den von Niederhessen nach kurzer Einigung doch 
wieder die beiden Universitäten zu Marburg und 
Gießen nebeneinanderstellte. 
Und nirgends auch wurde das Elend des „Hessen 
krieges" bitterer empfunden, nirgends hat er so 
verheerend gewirkt, als gerade in Marburg, — 
man vergegenwärtige sich nur, was es für eine 
Stadt heißt, in stets erneuten Kämpfen wiederholt 
die Herrschaft wechseln, ganz abgesehen von den 
Zerstörungen dieser Kämpfe selbst/ Hatte das geistige 
Leben des Landes in den Marburger „Verbesse- 
rungs"streitigkeiten schon arg gelitten, so wirkten 
die militärischen Ereignisse noch mehr mit, auch 
das bürgerliche Leben aus dem Gleichgewicht zu 
bringen, und was die früheren Jahrhunderte ge 
baut, war durch den unseligen Bruderstreit in die 
Gefahr der Vernichtung gerissen. 
Vollzog sich auch der Übergang aus Hessen- 
Kasselschen Händen in jene des Landgrafen Ludwig 
von Darmstadt im Jahre 1624 ohne Weiterungen, 
einfach weil Landgraf Moritz zw schwach war, sich 
der Exekution zu erwehren, so brachte die Er 
neuerung der Kämpfe in den Jahren 1645 bis 
1648 den Kriegslärm bis in die Stadt. Und 
hierbei offenbarte sich die militärisch eigenartige 
Lage von Stadt und Schloß: der Verteidiger ver-
	        

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