Volltext: Hessenland (30.1916)

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Hessisches Heimaisblatt 
Zeitschrift für hessische Geschichte, Volks- und Heimatkunde, Literatur und Kunst 
Nr. 9. 30. Jahrgang. Erstes Mai-Heft 1916. 
Marburg 1500—1650. 
Von Bruno Jacob. Kassel. 
(Schluß.) 
Für Marburg kehrte noch einmal die Zeit der 
Residenzstadt zurück, als nach dem Tode Philipps 
des Großmütigen dessen zweiter Sohn Ludwig IV. 
hier seinen Sitz nahm. — Aber nicht die Zeiten 
Wilhelms III. und des allmächtigen Hans von 
Dörnberg kehrten wieder: der in seiner Jugend 
lebensfrohe Landgraf Ludwig war ein stiller, 
ernster, etwas kränklicher Mann geworden, und 
nur die Universität erfreute sich verständnisvoller 
Förderung, zugleich aber auch schien es noch, als 
wolle die unselige Philippsche Teilung sich nicht 
weiter auswirken, denn gerade in Ludwig und 
seinem älteren Bruder Wilhelm IV., zu Kassel, 
lebte besonders der Geist des erblichen Brüder- 
Vergleichs. Und dennoch sollte der stille, fromme 
Sinn Ludwigs und seiner Gemahlin, der from 
men Hedwig von Württemberg, all das Unheil 
vorbereiten, das so bald sich über Marburg aus 
goß. — Vollständig war aber auch für diesen 
Fürsten der Bruch mit der Vergangenheit ge 
worden, den einst sein Vater mit der Beseitigung 
der Gebeine der Stammutter vollzogen. Philipp 
hatte in Kassel seine Ruhestätte gefunden, und nun 
hatte auch der in Marburg selbst verstorbene Lud 
wig sich nicht mehr in dem ihm wesenlos gewor 
denen Dome, wo die Ahnen ruhten, sondern in der 
Stadtkirche zu St. Marien sein letztes Bett be 
reitet. — 
Ludwig hatte alle seine Brüder überlebt, und 
sein ruhig-ernstes Wesen, ja, allein schon sein Da 
sein hatte noch wie ein lebendes Dokument der Ein 
heit des Landes gewirkt. Aber nun entfesselte sich 
die Zwietracht. Nicht allein, daß die Darmstädtischen 
Erben die Teilung des oberhessischen Landes nach 
Linien anfochten, trug schon das erste Moment der 
Zerrissenheit herein, nein, hinzu kam noch, die 
Flamme der Zwietracht zu heller Lohe anzublasen, 
der eigensinnige Zelotismus Moritzens, des Kas 
seler Landgrafen. Man kann verstehen, daß auch 
ohne das gewaltsame Vorgehen des Landgrafen 
Moritz, auch ohne das Testament seines Oheims 
Ludwig Marburg kraft seiner Tradition mehr dem 
Luthertume zuneigen muhte, aus inneren, gefühls- 
tnäßigen Motiven: der Stadt der adligen Bau 
kunst, der Gotik, konnte der schmucklos-bürgerliche 
Geist des Kalvinismus, wie ihn Moritz ja eben 
in der schroffsten Form vertrat, nicht behagen, 
der Geist, der statt des Domes mit seinen edlen 
Formen, seinem reichen figürlichen Schmucke, 
den Predigtsaal wollte. Wie sehr hier zwei sich
	        

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