Full text: Hessenland (30.1916)

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mehr Vorzüge in sich zu vereinigen. An guten 
Schauspielern hat dies Theater einen schätzbaren 
Zuwachs durch die Hrn. Steiger und Hartwich 
erhalten. Wenn sie spielen, so versäume ich selten, 
den Abend ins Schauspielhaus zu gehen, und sehe 
ich einen Zettel an irgendeiner Straßenecke, so 
suche ich nur sie auf. Beide sind sich nur darin 
gleich, daß sie große Künstler sind; denn übrigens 
ist ihr Talent so verschieden als ihr Rollenfach. 
Steiger spielt die edlen Väter, Hartwich die Lieb 
haber. Jener ist unstreitig größer als Deklamator, 
wozu ihm sein schönes Organ so treu die Hand 
bietet, da Hartwichs Stimme weder den Umfang 
stoch das leichte Angeben der andern hat. Er 
lispelt ein wenig, welches bei affektvollen Stellen 
etwas Undeutlichkeit'und Pressung der Worte ver 
ursacht. Steiger bezaubert gleich das erstemal, und 
wären Sie auch nur als blinder Zuhörer zu 
gegen; Hartwichs Organ muß man hingegen kennen, 
um es lieb zu gewinnen und um zu glauben, ein 
noch schöneres könne seinen Eigentümer kaum mehr 
zieren. Beider Spiel ist in jeder Rolle so edel, so 
ungezwungen, mit soviel Anstand und Zartgefühl 
durchwebt, daß ich nicht umhin konnte, sie mit 
einigen der besten französischen Schauspieler, die 
(wenngleich ich es aus Patriotismus ungern ein 
gestehe) bekanntlich in diesem Fache uns noch 
immer den Vorzug abgewinnen, zu vergleichen. 
Es war mir ein wahres Fest, vor einigen Abenden 
„Die Advokaten" von diesen beiden Künstlern, wo 
der eine den Zimmermeister, der andere seinen 
vornehmen Sohn spielte, aufführen zu sehen. Die 
Unvollkommenheiten der Rolle des Geheimen Rats 
abgerechnet, die auch der größte Schauspieler nur 
augenblicklich vergessen machen kann, zweifle ich, 
ob ich auf- irgendeiner Bühne die Szenen, wo 
Vater und Sohn zusammen ihre Kunst aufbieten, 
wieder in dieser schönen Übereinstimmung sehen werde. 
„Bei dem Schau- und Trauerspiel sind die ältere 
und jüngere Keilholz, jetzt Mad. Haßloch und 
Wachsmuth, für die ersten Rollen bestimmt. Es 
ist zu verwundern, wie weit es diese Schwestern in 
ihrer Kunst gebracht haben, da doch eigentlich die 
Oper ihr wahres Fach ist und es so guten Sänge 
rinnen nicht zu verargen wäre, wenn sie ihre 
Brust mehr schonten. Wenigstens findet man selten, 
sowohl bei französischen und italienischen als deut 
schen Bühnen, daß ein- und dieselbe Person Prima 
donna in Oper und Schauspiel sein kann und will; 
indessen muß jeder mit Wahrheit sagen, daß Mad. 
Wachsmuth ein ebenso liebenswürdiger, schön sin 
gender Schelm von Amor im „Baum der Diana" 
als interessante Cora in der „Sonnenjungfrau" 
und den „Spaniern in Peru", Mad. Haßloch eine 
ebenso schöne Diana als gebieterische Orsina sind. 
Die muntere Laune der ersten ist unnachahmlich. 
Das Rondo im „Baum der Diana": „Geh, mein 
Geliebter" usw., ist der Triumph der Mad. Haß 
loch. Ihre melodische Stimme, begleitet mit dem 
empfindungsvollsten, edelsten Spiel, entzücken mich. 
Aber ein paar Unarten, die mich ärgerten, kann 
ich ihr nicht verzeihen. Mad. H. hat ein sehr aus 
drucksreiches Gesicht, auf dem man leicht neben dem 
Ausdrucke, den sie ihm als zur Rolle passend zu 
geben gedenkt, auch den, welchen sie durch ihre 
eigene Laune unwillkürlich annimmt, bemerkt, und 
dieses sollte doch eine Künstlerin ihrer Art sich nicht 
zu Schulden kommen lassen. So sieht man sie oft 
in einer komischen Rolle mit einem ernsten, kalten, 
düsteren Gesicht; indem das Publikum dieses nur 
als eine Geringschätzung ansehen kann, da es ver 
sichert ist, sie könnte leicht anders, wenn sie nur 
wollte. Ein andermal will sie ihrer Munterkeit 
und ihrem Lachen, das sich vielleicht auf einige 
hinter der Kulisse vorgefallene Kleinigkeiten be 
zieht, ebensowenig Grenzen setzen; man sagt, ihr 
Spiegel habe sie überredet, es sei ihr vorteilhaft, 
dem Publikum eine schöne Perlenschnur von Zähnen 
zu zeigen; er hat nicht unrecht, nur muß sie es 
mit Verstand tun und nicht, wie es vor einigen 
Abenden geschah, mir wieder das herrliche große 
Duett aus dem „Oberon" durch ihr unnützes 
Lachen verderben. 
„Hr. Haßloch ist ein talentvolles Mitglied dieser 
Gesellschaft, ob er gleich keine Hauptrollen bestreitet. 
Er ist sehr musikalisch, spielt verschiedene Instru 
mente und besetzt im Fall der Not jede fehlende 
Rolle. Bei der Oper müßte er meinem Erachten 
nach auch nur alsdann die Hauptrolle annehmen; 
seine gute Methode kann ihm den Mangel des 
Organs doch nicht ersetzen. Der Übergang seiner 
Brust- und Kopfstimme ist bei ihm zu merklich, 
um nicht den Kenner und Nichtkenner unangenehm 
zu berühren. Als ich vor einigen Jahren in 
Kassel verweilte, war die Oper dem Schauspiele bei 
dieser Gesellschaft bei weitem vorzuziehen; jetzr 
sind sie mehr im Gleichgewicht. Es fehlt bei der 
Oper noch an zweierlei. Einmal ein Orchester, das 
den vollstimmigen, luxuriösen Kompositionen unse 
rer heutigen Opern genüge, und dann ein nach 
Verhältnis der Sängerinnen guter Tenor, der die 
ersten Liebhaberrollen besetzt. Ich weiß nicht, woher 
der Mangel an guten Tenoristen bei den Deutschen 
so groß ist? Wenn ich zurückdenke, so möchte ich 
freilich die Kälte im Ausdruck allen deutschen 
Sängern zur Last legen, da ich doch sehr ausdrucks 
volle Sängerinnen gefunden habe. Gehen Sie ein 
mal unsere Bühnen durch und sagen Sie mir dann, 
wieviel Tenoristen gefunden werden, die Stimme 
mit Methode und Ausdruck vereinigen?
	        

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