Full text: Hessenland (30.1916)

Ahnung von Heiligtümern durch die Seele zog, 
die uns das Leben noch aufbewahrt hatte. Bilder 
bücher gab's spärlich, und die Lieder sang die 
Mutter. All' die lieben, alten Lieder, und lustiges 
Kauderwelsch kam von der Gasse mit dazu. Von 
der Gasse? Jawohl, von der Gasse! Denn die 
Kinder von Lenzbach spielten alle miteinander ohne 
Unterschied des Geschlechtes und des Standes. 
Höchstens teilten sie sich in Welf und Waibling — 
in Gber- und Unterstädter oder in andere zeit 
gemäße Parteien. 
Auf der Gaffe habe ich mancherlei gelernt. Ich 
sah da, wie wenig man braucht, um glücklich zu 
sein, daß ein Stück Brot, mit gelbem Leinöl be 
strichen, ebenso gut, manchmal besser schmeckt als 
Honigbrot. Auch lernte ich, wie leicht man Freude 
schenken kann — und dann sah ich das Elend — 
das Unglück bei Zeiten oft ganz in der Nähe — 
das war sehr lehrreich. 
Und dann das Theater? 
Könnt ihr euch denken, daß man aus einem 
Gartentisch unter einer alten Esche eine Trojaburg 
machen kann? Ja, man kann es mit einer ge- 
funden Kinderphantasie und wenn man Lehrer 
mit weltweitem Sinn hat. 
Man kann auch eines Pfarrers Sohn sein, 
einen Sammetanzug haben und doch als Hektor 
geschleift werden zum größten Jubel und Glück 
seliger Kinder und zum Entsetzen guter Tanten 
und anderer Leute. Es gab auch damals zum 
Schluß Beweise mit schlagenden Gründen für das 
Unstatthafte solchen Tuns. Aber nun gibt es 
auch wundervolle Erinnerungen, an denen heute 
noch alte Leute zehren. Und was spielten wir 
ferner! Einmal haben wir um ein Haar eine 
Scheune in Brand gesteckt, denn die zwei Talg- 
lichte, die wir Mamsell Dortchen abgebettelt hatten, 
weil wir sie zu der Szene vom Acht und Bann im 
„Ernst von Schwaben" brauchten, fielen brennend 
um. Aber der Schutzengel löschte sie wohl aus. 
Auch Karls des Großen Schwert besaßen wir. 
Es war eine alte Waffe — wir hätten uns leicht 
daran schneiden können, ©bett, auf einem ver 
lassenen, dämmrigen Boden, da waltete die heilige 
Vehme ihres Amtes, manchmal derbe und un- 
barmherzig, denn unser oberstes Gesetz hieß: „Weh 
dem, der lügt oder hetzt." 
Wir gehörten nicht zu den wohlanständigen 
Kindern, wir waren ungezogene Kinder. Das ist 
gesund, sagte unsere alte Tante, die immer auf 
unserer Seite war. „Artige Kinder sind meist 
krank", setzte sie nachdenklich hinzu. Auch eine 
gewisse Roheit der Gefühle kam bei uns zum 
Durchbruch, denn wir haben oft genug einen alten 
armen Gnkel, der in der Dämmerung uns be- 
suchte, veranlaßt, sein Gläschen Franzbranntwein 
auf die Schieferplatte unseres Tisches zu schütten 
und anzustecken. Was gab das für eine herrliche 
blaue Flamme! Noch schöner gestaltete sich die 
Sache, wenn der Branntwein auf einen Bogen 
„Didaskalia" geschüttet wurde. Dann flammte 
es hell auf. „Das ist die feurige Zunge des 
heiligen Geistes", sagte der Alte, und wenn sich 
die „Didaskalia" dann mit einem Male beim Ver- 
löschen zu einem schwarzen, runden Ding zusammen 
krümmte, auf dem kleine Fünkchen aufblitzten und 
verlöschten, dann rief er: „Seht, das find die 
Leute, die ihr Heil suchen, das find Kirchgänger." 
Wie wir guckten und lauschten, bis das letzte 
Knistern verklungen war und das letzte Fünkchen 
verlosch. Ja, die letzten Fünkchen, das waren der 
Pastor und der Küster, der die Tür schloß. 
Einmal wollten wir eine Sammlung anlegen, 
es war damals Mode geworden. Da fragten 
wir den alten Mann, der uns seinen Branntwein 
geopfert, und er sagte: „Sammelt des Wasser 
des Lebens, den Stein der Weisen und die blaue 
Blume der Poesie. Wenn ihr die drei beisammen 
habt, dann habt ihr eine feine Sammlung. Aber 
laßt euch sagen: das Wasser des Lebens ist etwas 
salzig, der Stein der Weisen sehr spröde, und die 
Blume der Poesie verwelkt leicht, wenn man sie 
falsch behandelt." Merkwürdigerweise ist es einigen 
dieser Lenzbacher Kinder gelungen, eine solche 
Sammlung zustande zu bringen. 
Glückliche Kinder, die aufwachsen konnten, ohne 
daß man pädagogische Versuchskaninchen aus ihnen 
machte. Keiner mühte sich ab, ihnen krampfhaft 
beizubringen, was Kunst und Religion fei, und 
daß hinter Schleiern Geheimnisse liegen. Und doch 
haben sie mit brennenden Augen die Madonna 
mit dem Schleier angeschaut und darauf geschworen, 
daß der Regenbogen eine Götterbrücke sei. Wenn 
sich diese Lenzbacher Kinder draußen in der Welt 
begegnen, dann winken sie frohgemut einander 
zu — denn sie wissen etwas von einem Kindheits 
paradies. —
	        

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